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Ruhe finden in Osttirol: Wandern entlang der Isel in den Hohen Tauern

Reise nach Osttirol

Ungezähmte Schönheit in Osttirol – warum die Isel der schönste Fluss der Alpen ist

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    Die Isel eignet sich nicht nur für Wanderungen, Osttirol ist ein Dorado für Wassersportler. Ob Kajak, Canyoning oder Rafting-Touren – alles ist möglich.
    Die Isel eignet sich nicht nur für Wanderungen, Osttirol ist ein Dorado für Wassersportler. Ob Kajak, Canyoning oder Rafting-Touren – alles ist möglich. Foto: Mira Herold-Baer

    Die Füße stehen fest auf moosigen Steinen, der Blick versinkt im rauschenden Fluss. Das Wildwasser der Isel strömt vorbei. Unermüdlich, gleichmäßig, ungestört, als hätte sie alle Zeit der Welt, um ihre Geschichte zu erzählen: Von dem Gletscher im Osttiroler Hochgebirge, dem sie entspringt; von den Sandbänken, die sie berührt und vom Nationalpark Hohe Tauern, den sie durchquert. Vergessen von der massenanziehenden Skiindustrie des Tiroler Winters braucht die Isel im Sommer keine Inszenierung. Erst recht nicht, wenn sie eingebettet zwischen den gepuderten Berggipfeln der Hohen Tauern und den Lienzer Dolomiten liegt.

    Die Isel ist der längste frei fließende Gletscherfluss der Alpen. Ihr Ursprung liegt auf über 3000 Metern in den Höhen der Venedigergruppe, am Gletscher Umbalkees. Wie ein weißer Riese liegt die Eiszunge seit Jahrhunderten da, verrichtet stumm die Arbeit eines langsamen Bergarbeiters: Millimeter für Millimeter und Tropfen für Tropfen schleift der Gletscher den unter ihm liegenden Serpentinstein ab. Berührt die Sonne den weißen Riesen, vermischt sich das abgeschliffene Sediment mit dem fließenden Schmelzwasser. Das Ergebnis ist besonders im Juni und Juli spektakulär: Die sogenannte Gletschermilch färbt das Wasser der Isel türkis.

    Der Isel-Ursprung liegt am Gletscher Umbalkees

    Wie sehr die Isel die Landschaft prägt, wird deutlich, wenn man dem Iseltrail folgt. Der Wanderweg zieht sich in fünf Etappen von Lienz über Matrei an das Umbalkees hoch. Üblicherweise wird er entgegen der Flussrichtung begangen, mit einer Gesamtlänge von 73,7 Kilometern und insgesamt 2.120 Höhenmeter bergauf gliedert sich der Iseltrail in die fünf Teilstücke. Wobei jede der Etappen ihren eigenen Reiz birgt – von der sonnigen Dolomitenstadt Lienz im grünen Talboden bis zum arktischen Gletschertor im Nationalpark Hohe Tauern.

    Die Isel zählt zu den saubersten Flüssen in Europa.
    Die Isel zählt zu den saubersten Flüssen in Europa. Foto: Mira Herold-Baer

    Der Abstieg der Isel führt durch eine Landschaft im Wandel. Was oben noch karger Fels war, wird zu alpinen Matten, wo Steinbrech und Enzian ihre Blüten zwischen die Steine setzen. Die Isel wird auf ihrem Weg immer mutiger, springt über Felsstufen, gräbt sich tiefe Betten. Ab den Umbalfällen, dem Tor aus der hochalpinen Wildnis des Nationalparks Hohe Tauern, stürzt der Gletscherfluss mehrere Wasserfälle hinunter. Dann steht man da, schaut in die Tiefen des Flusses und staunt. Staunt über die Gischt und über die beruhigende Wirkung des Wassers.

    Doch der Wildfluss beeinflusst die Menschen nicht nur, nein, er prägt sie geradezu. Armin Kollreider etwa, der als Ranger im Nationalpark Hohe Tauern arbeitet. Er war erst Maler, dann Personal-Trainer und nun ist er Ranger. „Jetzt bin ich angekommen.“ Wenn Kollreider im Naturschutzgebiet unterwegs ist, hat er über seiner grünen Windbreaker-Jacke stets einen kleinen Rucksack geschnallt, aus dem er allerhand Nützliches herausziehen kann. Nur sein Fernglas hat er an einem Gurt über seine Schulter geschlungen. Stets griffbereit, um keinen der Bewohner des Nationalparks zu verpassen: Gämse und Murmeltiere, Bartgeier und Steinadler.

    In Osttirol gibt es 266 Dreitausender, die auch von unten stets ein atemberaubendes Panorama zaubern.
    In Osttirol gibt es 266 Dreitausender, die auch von unten stets ein atemberaubendes Panorama zaubern. Foto: Mira Herold-Baer

    Steinadler! „Mehr als 40 Steinadlerpaare haben hier ihre Horste, rund ein Drittel zog in den vergangenen Jahren auch Jungtiere auf“, ein großer Bruterfolg, so Kollreider. Denn der Steinadler galt in Zentraleuropa lange Zeit als beinahe ausgerottet. Der Nationalpark Hohe Tauern hat sich daher in den vergangenen Jahren auf den Schutz und die Erforschung der Raubvögel spezialisiert. Mittlerweile leben etwa zwölf bis 15 Prozent aller Steinadler in Österreich hier.

    Also das Lieblingstier der Ranger? „Wir sind natürlich stolz auf unsere Adlerpopulation. Aber den Nationalpark machen noch viele andere Tiere aus, die oft zunächst unscheinbar wirken“, sagt Kollreider. Leichtfüßig springt er zum Flussufer hinab, um mit einem Stein zurückzukehren. Er dreht ihn um, geht in die Knie und beugt seinen Kopf darüber. „Da, ich hab eine. Das ist eine Steinfliegenlarve.“ Das kleine, bräunliche Wesen ist kaum größer als ein Fingernagel. „Diese Larven sind wahre Bioindikatoren“, erklärt der Ranger, „sie leben ausschließlich in sauberem Wasser und zeigen uns an, wie intakt unsere Gewässer sind.“

    Mehr als 40 Steinadlerpaare haben hier ihre Horste im Nationalpark Hohe Tauern

    Die Isel zählt zu den saubersten Flüssen in Europa, besonders im oberen und unteren Verlauf reicht das Gewässer an Trinkwasserqualität heran. Kollreider zeigt auf die charakteristischen Kiemenbüschel am Hinterleib des Tieres. Bis zu drei Jahre verbringt die Steinfliegenlarve im Bach, bevor sie sich zur erwachsenen Fliege entwickelt. „Für Forellen und andere Fische sind sie ein wahrer Leckerbissen“, sagt der Ranger, während er den Stein behutsam zurücklegt.

    Nationalparkranger Armin Kollreider zeigt einen vom Gletscher abgeschliffenen Serpentinstein.
    Nationalparkranger Armin Kollreider zeigt einen vom Gletscher abgeschliffenen Serpentinstein. Foto: Mira Herold-Baer

    Dass die Isel heute noch wild und unverbaut durch das Virgental fließt, ist vor allem einer Bürgerinitiative zu verdanken. 2011 gab es konkrete Planungen für ein Wasserkraftwerk, das den letzten großen Wildfluss Tirols hätte zähmen sollte. Die Kraftwerksbetreiber versprachen saubere Energie und Arbeitsplätze, doch die Osttiroler sahen ihre Heimat bedroht. Umweltschützerinnen, Tourismusvertreter und Anwohnerinnen schlossen sich zusammen und gingen auf die Straße. Sie argumentierten nicht nur mit dem Naturschutz, sondern auch mit dem wirtschaftlichen Wert des intakten Flusses. Der Tourismus, das Rafting, die Forellenfischerei – all das wäre mit einem Staudamm Geschichte gewesen.

    2018 wurde die Isel als Natura-2000-Gebiet ausgewiesen, womit die EU-Richtlinien den Fluss als „ökologisch besonders schützenswert“ einstufen. Tirol weist mit fast 1000 Wasserkraftwerken bereits heute eine der höchsten Dichten an Wasserkraftanlagen auf. Nur noch wenige Flüsse, wie der Lech und die Isel, können frei fließen. Und genau das verleiht dem Gletscherfluss die Kraft, sich durch das Gestein zu fräsen und seine Landschaft zu formen.

    Bloß nicht die 90 Meter nach unten schauen auf der Hängebrücke bei Welzelach. Kein Problem, auch rechts und links gibt's genügend Ausblick.
    Bloß nicht die 90 Meter nach unten schauen auf der Hängebrücke bei Welzelach. Kein Problem, auch rechts und links gibt's genügend Ausblick. Foto: Mira Herold-Baer

    Nervenkitzel auf dem Höhepunkt der dritten Etappe des Iseltrails: die Hängebrücke bei Welzelach. Vorsichtig, ein Fuß nach dem anderen, geht es auf die 84 Meter lange Stahlkonstruktion. Unter den Schuhen gähnt die Tiefe, 90 Meter geht es senkrecht hinab, links und rechts türmen sich die Felswände. Über dem Kopf ziehen die Wolken vorbei. Die eine Hand ist fest am Geländer, die andere hat das Handy in der Hand - auf der 2023 eröffneten Brücke lassen sich spektakuläre Bilder machen.

    Adrenalin gibt es nicht nur auf der Hängebrücke. Osttirol ist ein Dorado für Wassersportler. Ob Kajak, Canyoning oder Rafting-Touren – alles ist möglich. Nur wenn eine Gruppe von Touristen etwas ängstlich in knallgelben Neoprenanzügen dasteht, dann lässt Raftingguide Michael Waldburger das Schlauchboot lieber etwas gemächlicher durch die Isel gleiten. Mit neun km/h ist die Tour von Ainet nach Lienz beschaulich, konzentrieren sollte man sich auf die größeren Stromschnellen dennoch. „Und jetzt richtig nach hinten lehnen und die Füße ins Boot stemmen, sonst fliegt ihr raus“, schreit Waldburger, als er das Boot sicher zwischen den Kiesbänken und Steinen hindurchsteuert. Hin und wieder zeigt er auf einen der schneebedeckten Gipfel der Hohen Tauern, die sich majestätisch über dem Flusstal erheben.

    „Die Isel ist ein besonderer Fluss für Sportlerinnen und Sportler“, erklärt Waldburger, während er das Paddel durchs Wasser zieht, „als Gletscherfluss schwankt sein Wasserstand je nach Tages- und Jahreszeit extrem.“ Der Gletscher beginnt erst im Laufe des Vormittags mit steigender Sonneneinstrahlung langsam zu schmelzen, wodurch die Wassermenge im Fluss allmählich zunimmt. Den höchsten Wasserstand erreicht die Isel typischerweise am späten Nachmittag oder frühen Abend – mehrere Stunden nach dem Maximum der Schmelzaktivität, da das Schmelzwasser erst verzögert ins Tal abfließt. In dieser Zeit kann sich die Isel im Vergleich zum Morgen um bis zu einem Meter erhöhen. „Dann geht‘s richtig zur Sache“, sagt der erfahrene Guide. Doch hier und jetzt, in diesem Moment, lässt er das Boot einfach treiben.

    Der Wasserstand des Gletscherflusses schwankt je nach Tages- und Jahreszeit

    Entlang der Isel wächst die Deutsche Tamariske. „Das ist eine echte Rarität“, erklärt Waldburger und lenkt das Boot näher ans Ufer. Die zarten, weißen Blüten leuchten von Mai bis September zwischen den Kiesbänken – erneut ein Zeichen für die ökologische Intaktheit der Isel. „Die Tamariske wächst nur dort, wo das Gewässer noch natürlich ist, da sie nur auf regelmäßig überfluteten Schotterflächen gedeihen kann.“ Die Pflanze braucht die natürliche Dynamik. Genauso, wie sie die Menschen manchmal benötigen. Wie wohltuend, wenn der Gedankenfluss im Kopf einmal nicht springt. Sondern ungestört fließt, wie die Isel.

    Die Autorin recherchierte auf Einladung von Osttirol Tourismus/Ahm Kommunikation

    Der Iseltrail

    • Anreise: nach Lienz geht es mit der Bahn über den Brenner bis Franzensfeste. Von dort fährt die Pustertalbahn bis Lienz.
    • Iseltrail: In fünf Etappen werden 73,7 Kilometer und insgesamt 2.120 Höhenmeter bewältigt. Man kann den Trail aber auch nur in einzelnen Etappen gehen. Ausgangspunkt ist Lienz. Dort startet die erste 16 Kilometer lange Etappe. Die fünfte Etappe führt zum Isel-Ursprung, der Gletscherzunge des Umbalkees auf bis zu 3425 Metern. Diese Route sollten nur geübte Wanderer und Wanderinnen gehen, ebenfalls ist eine Übernachtung auf der Clarahütte notwendig. Informationen zur Tourenplanung und Übernachtung auf der Clara-Hütte unter https://www.osttirol.com/entdecken-und-erleben/sommer/wandern/weitwanderwege/iseltrail/
    • Begehbar ist der Iseltrail auf dreierlei Art: Als Wanderung von Teilstrecke zu Teilstrecke mit verschiedenen Unterkünften, als Wanderung mit dem Zelt von Campingplatz zu Campingplatz oder mit einer fixen Unterkunft und Busfahrt zu den einzelnen Teilstrecken.
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