Die Füße sind kalt, es ist Nachmittag, aber bereits stockdunkel – eigentlich will man es sich drinnen gemütlich machen. Aber wenn sich das Lasso endlich im Geweih eines Rentiers verfängt, fühlt es sich großartig an. Denn wer eine echte Sami-Erfahrung machen möchte, muss schließlich auch dafür arbeiten. So lautet das Credo von Aslak Sokki, der seinen Gästen in Kautokeino einen Einblick in die samische Kultur der Rentier-Hirten bietet.
Die Rentiere kennen die neugierigen Besucher schon
Die Rentiere kennen das schon: Neugierige Besucher, die mit viel Eifer, wenig Technik und einem Lasso in der Hand ihr Glück versuchen. Doch egal, wie oft es nicht klappt: Aslak wartet, bis es wirklich alle geschafft haben. Eine wichtige Botschaft, die hoch im Norden als unausgesprochenes Prinzip gilt: Man hilft einander, niemand wird im Stich gelassen. Eine 1000-Geweih-starke Rentierherde lässt sich schließlich nur als Gemeinschaft organisieren. Sobald die Rentiere endlich ihren vorübergehenden Partner gefunden haben, geht es auf die Rennstrecke. Dann wird es ernst: Mit einer Hand wird das Schlitten-Geschirr festgehalten, die andere kommt aufs Knie zur Stabilität. Aslak gibt den Rentieren ein Zeichen und sie stürmen in die Dunkelheit.
Nordlichter und Dunkelheit: Der Winter in der Finnmark
Spätestens wenn man die ersten Nordlichter gesehen hat und auf dem Rentierschlitten durch die Nacht rast, ist man auch mit dem Herzen in der Finnmark angekommen. Hier läuft vieles anders – vor allem im Winter. Die Menschen haben gelernt, mit der Dunkelheit zu leben, sich den harschen Bedingungen anzupassen. Gerade dieser Kontrast aus langen, kalten Nächten im Winter und endlosem Sonnenschein im Sommer macht das Leben in der Finnmark so besonders.
Für viele Sami in Norwegens nördlichster und größter Region sind Rentiere Lebensgrundlage und Tradition zugleich. Die dünn besiedelte Landschaft bietet den Rentierhirten den nötigen Raum – und ist Voraussetzung für ihre nomadische Lebensweise. Denn Rentiere sind Wandertiere, die im Jahr bis zu 500 Kilometer zurücklegen und dabei von den Sami begleitet werden.
„Ein Sami kennt keinen Schmerz“
Ammon Nystad, der die Finnmark für einen kurzen Abstecher verlassen hat, um zu studieren und zu arbeiten, ist schließlich wieder zurückgekehrt. Er wollte sein eigener Chef sein, sich von niemandem etwas vorschreiben lassen – typisch Sami, wie er in seinem selbst aufgebauten Zelt, inklusive Ofen, Kochstelle und Schlafplatz, erzählt. Das Stadt- und Büroleben zurückgelassen zu haben, bereue er nicht. Es sei die Natur gewesen, die ihn wieder zu seinen Wurzeln geführt habe. Heute nimmt er Reisende mit dorthin, wo er selbst am liebsten ist: mittenhinein in die Wildnis. Er erzählt uns von seinen Touren, während er ganz nebenbei ein Drei-Gänge-Menü auftischt, für das man anderswo wahrscheinlich dreistellige Beträge zahlen würde. Frisch gefangene, selbst gepökelte Maräne, eine Fischsuppe und eine Fischfrikadelle aus Hecht. Der Geschmack konvertiert selbst überzeugte Fischverweigerer und alle fordern einen Nachschlag. Wir befinden uns bei Minusgraden mitten auf einem zugefrorenen See, aber im Zelt ist es trotzdem warm und gemütlich. Der heiße Ofen schmilzt langsam das Eis und lässt eine kleine Pfütze im Zelt entstehen, doch Ammon versichert: „Euch kann hier nichts passieren.“
Ein eigener Fang bleibt an diesem Abend jedoch aus: Das Netz ist festgefroren und reißt, als wir versuchen, es aus dem Wasser zu ziehen. Doch Ammon gibt nicht auf. Mit bloßen Händen tastet er im eiskalten Wasser nach dem Netz. Als wir uns nach seinem Wohlbefinden erkundigen, sagt er mit knallroten Händen schmunzelnd: „Sami kennen keinen Schmerz“. Was als beiläufiger Scherz gemeint war, wirkt wie eine nordische Lebensphilosophie.
Samische Kultur erleben: Ein hart erkämpftes Recht
Neben der Fischerei und der Rentierzucht ist auch das Kunsthandwerk Duodji ein wichtiger Teil samischer Kultur. In einem geräumigen Lavvu, einem traditionellen Zelt der Rentierhirten, verteilt unsere Gastgeberin Marit Gunhild Sara Leder und kleine, präparierte Stücke eines Rentiergeweihs und zeigt, wie man daraus ein Armband fertigt. Um das Lagerfeuer werden selbstgemachter Moltebeerensaft und später auch über dem Feuer gegarte Maräne gereicht. Während Kleidung heute meist nur noch zu besonderen Anlässen von Hand gemacht wird, spielt das Anfertigen von Werkzeug, Küchenutensilien und Dekorationsgegenständen für viele Sami noch immer eine große Rolle.
Durch die Zwangschristianisierung Anfang des 17. Jahrhunderts mussten die Sami hart um ihre Kultur kämpfen. Es folgten Sprachverbote, Enteignungen, systematische Diskriminierung. Zwischen 1900 und 1950 zwangen Assimilationsgesetze viele Sami, norwegische Namen anzunehmen. Kinder wurden in Internate geschickt, wo sie ihre Sprache nicht mehr sprechen durften – ein kollektives Trauma, das bis heute nachwirkt. Gleichzeitig formte dieser lange Kampf einen starken kulturellen Widerstand. Zwar sind heute die meisten Sami Christen, doch viele bemühen sich, die Traditionen ihrer Vorfahren lebendig zu halten – in Ritualen, im Handwerk, in der Sprache.
Ab den 1960er-Jahren begann sich die Lage für die Sami zu verbessern. Ein Meilenstein war die Gründung des Sametinget, des Sami-Parlaments, im Jahr 1989 – ein bisher einzigartiges politisches Organ und ein bedeutendes Signal für indigene Selbstbestimmung weltweit. Heute ist Samisch als offizielle Minderheitensprache anerkannt, und das traditionelle Recht auf Rentierzucht im Norden ist exklusiv den Sami vorbehalten. Von den etwa 3000 Rentierzüchtern in Norwegen leben allein rund 2200 in der Finnmark. Dazu gehört auch Ann-Kristine, die mit ihren Brüdern und Schwestern etwa 1000 Rentiere besitzt. Eine reiche Familie also, denn unter den Sami gilt: je mehr Rentiere, desto wohlhabender. Im Lavvu erzählt sie uns von ihrem täglichen Leben und trägt uns ihren Joik vor, einen traditionellen Gesang, der tiefe Emotionen zum Ausdruck bringt. Man wählt seinen eigenen Joik nicht selbst, er wird einem gegeben – eigentlich vorgesungen. Der Joik macht die Persönlichkeit eines Menschen hörbar. Ist jemand still und zurückhaltend, klingt sein Joik leise und sanft. Ist jemand temperamentvoll, wird der Gesang kraftvoller und schneller. Genau wie der Mensch sich im Lauf des Lebens verändert, wandelt sich auch sein Joik. Die Jugend klingt laut und lebendig, das Alter leise und nachdenklich – ein Klang, der mitreift.
Verhaltensregeln für die Nordlicht-Jagd
Wer im Winter eine Reise in den Norden plant, hat die Nordlicht-Jagd auf dem Reiseplan. Liz Engholm, die selbst Nordlichttouren anbietet, erklärt, dass man die Nordlichter am besten auf den eingefrorenen Flüssen und Seen oder auf dem Plateau beobachten kann. Weder Lichtverschmutzung noch Bäume beeinträchtigen dort die Sicht. Wenn sie bei den Touren mit ihren Gästen die Zelte aufschlagen, seien viele Touristen nach dem Tag auf dem Hundeschlitten zu erschöpft, um noch draußen auf die Nordlichter zu warten. Obwohl Liz sie schon unzählige Male beobachtet hat, sitzt sie oft bis spät in die Nacht allein am Feuer und schaut sich das Farbenspiel am Himmel an.
Vor allem für die samischen Rentierhirten gehören die Nordlichter zum Alltag. In der Kultur und Mythologie der Sami nimmt das Naturphänomen dennoch einen besonderen Platz ein. Früher glaubten die Sami, dass in den Lichtern am Himmel die Seelen der verstorbenen Ahnen tanzen. Auf sie zu zeigen oder unter ihnen zu tanzen oder zu singen, galt als respektlos und gefährlich. Heute ist dieser Aberglaube ein Relikt der Vergangenheit, doch vielen Kindern wird mit einem Augenzwinkern noch immer beigebracht, dass sie die Nordlichter oder „Guovssahasat“, wie sie auf samisch heißen, lieber nicht necken sollten – schließlich können die Lichter ungezogene Kinder in den Himmel entführen.
In der Finnmark die Stille neu entdecken
Wer im Winter in die Finnmark reist, sollte sich auf endlose Nächte und kalte Temperaturen einstellen. Beides gehört hier zum Alltag und prägt die Lebensweise der Menschen. In der klaren Luft, bei minus 23 Grad, hört man plötzlich Dinge, die sonst untergehen: den eigenen Atem, das Knirschen des Schnees und mehr als alles andere die Stille selbst. Die Sami haben gelernt, mit diesen Bedingungen zu leben. Nicht im Widerspruch zur Natur, sondern im Einklang mit ihr. Am Ende ist es nicht der höchste Berg, nicht der tiefste Fjord und auch nicht der schönste See, den man mit nach Hause nimmt. Es sind die stillen Momente inmitten der Natur, die kurzen Tage, die klare Luft und das Gefühl, dass hier der Alltag für einen Moment Pause macht.
Informationen zur Reise in die Finnmark
Anreise: Flüge von München nach Lakselv oder Alta gibt es mit Norwegian Airlines, mit Zwischenstopps in Oslo oder Tromsö.
Unterkünfte: Canyon Hotel Alta, Thon Hotel Kautokeino, Jergul Astu Karasjok, Husky Design Lodge Karasjok
Die Finnmark im Winter: Im November, Dezember und Januar hat man nur sehr wenige Stunden Tageslicht. Die meiste Zeit verbringt man in totaler Dunkelheit. Von März bis Mai kann man den Winter in Nord-Norwegen auch mit mehr Sonnenschein verbringen.
Aktivitäten:
- Rentiere mit dem Lasso fangen und Schlittenfahrt: Sokki Adventure - facebook.com/sokkiadventure
- Eisfischen, Camping, Nordlichttouren: Ammon Nystad - samipath.com
- Duodji und samische Geschichte: Marit Gunhild Sara, minaja.no
- Husky-Touren, Nordlichtwanderungen: Sven/Liz Engholm - engholm.no
- Rentierschlittenfahrt und Sami-Workshops: Ann-Kristine Bongo, samisiida.no.
Die Reise wurde ermöglicht durch das norwegische Tourismusportal Visit Norway.
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