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Sexten: Zu Besuch in Jannik Sinners Heimat

Südtirol

Zu Besuch in der Heimat von Jannik Sinners: Hier wuchs der Wimbledon-Finalist auf

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    Sexten ist der Heimatort von Tennisstar Jannik Sinner.
    Sexten ist der Heimatort von Tennisstar Jannik Sinner. Foto: Klaus Eppele - stock.adobe.com

    Das Herz der Dolomiten könnte am östlichen Rand des Gebirges schlagen, in einem Tal namens Sexten. Das wusste schon der Südtiroler Autor Claus Gatterer, der 1969 mit Augenzwinkern über seine Heimat schrieb: „Jeder, dem das Abc der Bergsteigerei geläufig ist, zieht, wenn er den Namen Sexten hört, respektvoll den Hut, und wer ein patriotisches Herz im Leibe trägt, bekommt feuchte Augen.“

    Siegerpose: Jannik Sinner kommt aus Sexten in Südtirol.
    Siegerpose: Jannik Sinner kommt aus Sexten in Südtirol. Foto: picture alliance/dpa/PA Wire

    Bis Tennisstar Jannik Sinner sich an die Weltspitze spielte, war Gatterer der berühmteste Sohn dieses Tals am östlichsten Ende Südtirols. Gatterers Roman „Schöne Welt, böse Leut“, gehört heute zu den Klassikern der Südtirol-Literatur. Darin schreibt der Historiker und Journalist, geboren 1924, über seine Kindheit auf einem Sextener Bergbauernhof. Wie es sich lebt an der Grenze einer Grenzregion, die gerade das Ende der Habsburgermonarchie hinter sich gelassen hat und die Stuben für Sommerfrischler öffnet. Wo gleichzeitig der italienische Faschismus die deutsche Sprache, Kultur und am Ende auch die Menschen aus der Region zu vertreiben plant. Und wo der bäuerlichen Gemeinschaft die Sprache fehlt, um über all das zu reden.   

    Was Jannik Sinner und den 1984 verstorbenen Claus Gatterer eint, ist nicht nur die Herkunft zwischen den Sextner Dolomiten, die sich so malerisch im Abendrot sonnen und Wanderbegeisterte von hüben wie drüben anziehen. Beide vertreten die ethnische Minderheit der deutschsprachigen Südtiroler im In- und Ausland: Gatterer mit seinen historischen Forschungen über Südtirol in Österreich. Tennisspieler Sinner, wenn ihm, wie jüngst, italienische Altintellektuelle mangelnden Italien-Patriotismus vorwerfen. Naturerlebnis, Alpinismus und eine bewegte Regionalgeschichte: Damit wäre das Programm für einen Besuch in Sexten geschrieben.  

    Geschichte erwandern Im Ersten Weltkrieg verlief die Front mitten durch die Dolomiten hindurch. Italienische Soldaten und österreich-ungarische Truppen standen sich im Gebirge gegenüber, wo sie Stellungen und Seilbahnen bauten und Schützengräben in den Felsen trieben. Die Alpini und Gebirgsjäger kämpften nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen Naturgewalten. Etliche starben unter Geröll- und Schneelawinen. Der Krieg verging, Sexten wurde 1919 an Italien angegliedert. Die Kriegsrelikte wurden der Verwitterung freigegeben. Bis der Verein Bellum Aquilarium dieser Entwicklung Einhalt gebot und auf der Rotwand die Originalschauplätze des Krieges restaurierte. Heute können Besucherinnen und Besucher beim Wandern die erneuerten Stellungen und Stollen besichtigen und das Leben der Soldaten im Gebirge näher kennenlernen. Eine Seilbahn fährt auf die Rotwand, wo der Weg 100 hinauf zur Anderter Alpe führt.

    Sexten: Hundert Jahre Alpinismus und Sommerfrische

    Im Ort Der Tod ist ein grinsender Knochenmann. In Sexten tanzt er mit allen Ständen: Ein Kleinkind wiegt er in seinen Armen, einer Bäuerin drückt er auf dem Weg zur Messe die Kerze aus. Dem Bischof hat er schon den Krummstab abgenommen und dem König deutet er mit der Sanduhr, sein Zepter abzulegen. Es ist das volkstümliche Motiv des Totentanzes, das da den Friedhofsaufgang in Sexten ziert. Geschaffen hat das Fresko der Südtiroler Historienmaler Rudolf Stolz im Jahr 1924. Der Bozner studierte Malerei in München und siedelte sich später in Moos in Sexten an. Er begann als Kriegsmaler im Ersten Weltkrieg, später wurden seine Werke unter anderem in der Wiener Secession ausgestellt. Für die NS-Machthaber schuf er 1944 eine Ehrenscheibe zu Ehren der Südtiroler Standschützen. Bekanntheit erlangte Stolz aber vor allem mit seinen Fresken, allen voran dem Totentanz in Sexten.

    Übernachten Auch beim Traditionshotel Drei Zinnen im Sextner Ortsteil Moos zieren einige Wandmalereien von Rudolf Stolz Innenräume und Außenfassade. Es ist ohnehin ein geschichtsträchtiges Hotel: Errichtet wurde es 1930 vom österreichischen Architekten Clemens Holzmeister, der auch das Festspielhaus in Salzburg schuf. Für das Grand Hotel in Moos soll ihm der Bergsteiger und Filmemacher Luis Trenker zur Seite gestanden haben. In Hanglage öffnet sich das Gebäude dem Fischleintal und den Dolomiten. Waltraud Watschinger führt das Hotel in dritter Generation. In diesen bald hundert Jahren wurde es Zeuge des schnellen touristischen Aufschwungs des Sextner Tals. Dieser begann mit Sommerfrische, doch schon in den 1930er Jahren entdeckten Gäste Sexten als Winterressort. Auch dank Bergsteigerlegende Heinrich Harrer, den das Hotel damals als Skilehrer beschäftigte. Zuletzt wurde das Hotel Drei Zinnen restauriert und zurückhaltend modernisiert. Seinen Retrocharme hat es aber behalten.

    Ohne die Drei Zinnen geht es in Sexten nicht

    Raus ins Grüne Sie präsentieren sich heute als Aushängeschild von ganz Südtirol, zieren Käseetiketten und Milchkartons. Zu prominent stehen die Felstürme der Drei Zinnen in der Landschaft, sodass niemand an den markanten Felstürmen vorbeikommt. Muss man auch nicht: In einer leichten Wanderung vom Sextner Fischleintal aus kann man auch einfach auf sie zuwandern. Der Wanderweg 102 mit der Drei-Zinnenhütte als Ziel ist zwar etwas weniger überlaufen als die Route über die Auronzohütte im Veneto. Gut besucht werden die Drei Zinnen aber von allen Seiten. Wegen des Aushängeschilds eben.

    Die Drei Zinnen kann man von der Provinz Belluno oder von Südtirol aus erreichen.
    Die Drei Zinnen kann man von der Provinz Belluno oder von Südtirol aus erreichen. Foto:  Südtirol Marketing, Helmuth Rier, tmn

    Unbedingt essen Speck und Knödel isst man in ganz Südtirol. Eine Art Bauernkrapfen hingegen ist typisch Pustertal, der Bezirk und das Haupttal, zu dem auch Sexten gehört. Puschtra Tirtlan, Tischtlan oder im ladinischsprachigen Gadertal Tutres heißt die deftige Mahlzeit. Es handelt sich um dünnes, in Butter frittiertes Gebäck. Gefüllt werden Tirtlan wahlweise mit Spinat und Topfen, Kartoffeln oder Sauerkraut. Dazu gibt es traditionell Gerstensuppe – noch so eine lokale und deftige Spezialität.

    Tirtlan sind eine typische Spezialität aus Sexten.
    Tirtlan sind eine typische Spezialität aus Sexten. Foto: Luciana - stock.adobe.com

    Unbedingt hören und lesen Zurück zu den beiden großen Söhnen von Sexten. Jannik Sinner, eher bekannt vom Tennisplatz denn aus den Schönen Künsten, versuchte sich jüngst an einem Lied mit Tenor-Schwergewicht Andrea Bocelli: „Polvere e Gloria“, Pulver und Ruhm, handelt vom an sich Glauben und an sich Arbeiten. Wem das zu trivial ist, sei nochmal wärmstens Claus Gatterer empfohlen: „Schöne Welt, böse Leut“ ist ein Buch für alle, die Sexten und Südtirol abseits von Zirben-Fizz und Dolomiten-Kitsch besser verstehen wollen.

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