Bobingen: Erdbebenhelfer berichten: "Viele wollten einfach nur eine Umarmung"
Bobingen
Erdbebenhelfer berichten: "Viele wollten einfach nur eine Umarmung"
Foto: Tonar Mustafa
Bobingen
Erdbebenhelfer berichten: "Viele wollten einfach nur eine Umarmung"
Helfer aus der Region sind in die Türkei geflogen, um dort die Menschen zu versorgen, die Hilfe am dringendsten benötigen. Sie berichten über die Situation vor Ort.
Tausende Pakete wurden vergangene Woche in Bobingen beim Sportheim des Türk SV gesammelt, um die Erdbebenopfer in den betroffenen Gebieten zu versorgen. Mehrere Lastwagen fuhren voll befüllt in Richtung Türkei ab. Einen Teil der Spenden wollten die Helfer selbst übergeben. Sie machten sich deswegen auf den Weg ins Katastrophengebiet.
"Das von uns organisierte Team von zehn Helfern aus Schwabmünchen, Bobingen und Augsburg flog mit den gesammelten Spenden nach Absprache mit der Katastrophenschutzbehörde AFAD nach Adiyaman", berichtet Isa Deveci. Adiyaman ist eine der vom Beben schwer betroffenen Städte. Mit dabei war auch Mustafa Tonar, der die Spendenaktion des Türk SV gemeinsam mit Beyrak Süleyman organisierte hatte.
Das Schönste für Mustafa Tonar und die anderen Helfer war, wenn sie in glückliche Gesichter blicken konnten.Foto: Mustafa Tonar
Soldaten schlafen im Flughafen von Adiyaman auf dem Boden
"Unser Team durfte aus Deutschland mit 450 Kilogramm Freigepäck fliegen. Es wurden Trockenlebensmittel, Süßigkeiten und einige Hilfspakete mit Kleidung mitgenommen", berichtet Isa Deveci, der während der Hilfsaktion in ständigem Kontakt zu Mustafa Tonar stand. In Adiyaman angekommen, gehörten übermüdete türkische Soldaten zu den ersten Eindrücken der Helfer. Die Männer lagen am Flughafen auf dem Boden und schliefen nach vier Tagen zum ersten Mal wieder.
Bereits am türkischen Flughafen hatten die Helfer die Möglichkeit, sofort hilfsbedürftige Menschen mit warmer Kleidung, Schuhen und anderem zu versorgen. "Viele haben die Stadt in ihren Schlafanzügen und ohne Schuhe verlassen. Oder sie haben nur Hausschuhe an, ohne Socken", berichtet Mustafa Tonar. Tagsüber herrschen derzeit im Katastrophengebiet Temperaturen von minus zwei Grad, nachts sind es bis zu minus 17 Grad.
Übermüdete türkische Soldaten schliefen im Flughafen von Adiyaman am Boden.Foto: Mustafa Tonar
Nach der ersten Hilfe am Flughafen steuerten die Männer aus dem Augsburger Land Dörfer an, die bislang noch nicht von den Hilfskräften der AFAD erreicht wurden. Zuerst habe die Katastrophenschutzbehörde nämlich im Zentrum der Stadt geholfen. "Die Menschen waren froh, dass man sie nicht vergessen hat", sagt Tonar.
90 Prozent der Häuser in der Stadt wurden verwüstet.Foto: Mustafa Tonar
Die Helfer aus der Region erlebten, wie groß die Not vor Ort ist: "Alle Einkaufsläden sind durch das Erdbeben beschädigt, niemand darf in Gebäude rein. Viele Menschen, vor allem die Landwirte, möchten ihre Tiere nicht im Stich lassen und bleiben. Andere warten in der Hoffnung, dass vermisste Familienmitglieder gefunden werden. Da verlassen die ihren Wohnort natürlich auch nicht." Nachbeben würden die Situation verschärfen. "An einem Abend haben wir selbst noch ein Beben mit einer Stärke von 4,5 erlebt", so Tonar.
Flughafen Adiyaman: Menschen verlassen die Stadt.Foto: Mustafa Tonar
Helfer berichtet: In den ersten Tagen herrschte Chaos im Katastrophengebiet
Rettungsteams aus verschiedenen Ländern trafen in Adiyaman ein. Nach dem Wochenende sei deutlich geworden, dass die staatliche Hilfe routinierter abläuft, beobachtete Mustafa Tonar. "In den ersten Tagen wussten die Menschen überhaupt nicht, in welche Richtung es geht. Es herrschte Chaos." Der Großteil der Häuser sei nicht mehr bewohnbar. Mittlerweile sei jedoch für jeden Betroffenen eine Bleibe organisiert, hat Mustafa Tonar erfahren.
Die Helfer verteilen Lebensmittel.Foto: Mustafa Tonar
"Unsere Männer waren zur rechten Zeit am rechten Ort und konnten wirklich helfen", sagt Deveci. "Wir konnten viele Kinder glücklich machen und auch Erwachsene. Einige von ihnen wollten gar keine Spenden, sondern einfach nur eine Umarmung. Sie waren glücklich, dass man an sie gedacht hat", resümiert Tonar. "Es war ein voller Erfolg. Wir danken jedem Helfer."