Diesen Faschingsbrauch gibt es in unserer Gegend nur in Großaitingen. Jedes Jahr zieht am Donnerstag vor dem Faschingswochenende eine Horde wilder Weiber in bunten Kostümen durch das Dorf. Sie erobern um 11.11 Uhr das Rathaus, wo sie dem Bürgermeister den goldenen Schlüssel abnehmen und keine Krawatte sicher ist. Mit diesem eher rheinländisch anmutenden Straßenkarneval hat Großaitingen ein Alleinstellungsmerkmal. Doch der Ursprung vor 23 Jahren kam nicht aus dem Rheinland, sondern wurde von Anette Hillebrand aus Ravensburg mitgebracht. Sie hatte die Idee mit den Müttern in der Krabbelgruppe geteilt und alle Freundinnen davon begeistert. So verkleideten sich erstmals im Jahr 2003 etwa 15 Frauen als Putzweiber und befreiten das Rathaus mit Wedeln und Putzlappen von Aktenstaub und Amtsschimmel. „Damals sind wir nach dem Besuch im Rathaus ziemlich bald wieder heimgegangen, weil wir ja damals noch kleine Kinder hatten“, erinnern sich Heike Fluck und Heidrun Stellinger, die von Anfang an dabei sind.
Schon im zweiten Jahr wurde dann die Schule mit dem Motto „Indianer“ in die Tour einbezogen und der Rektor genauso wie später der Bürgermeister an einen Marterpfahl gebunden. Der Marterpfahl wurde dann der Schule gespendet. Nach ihrer zweiten Tour kehrten die Wilden Weiber erstmals im Gnadentalstüberl beim Wirt Alois Schwemm ein und das kam so gut an, dass in den folgenden Jahren dort gleich der Faschingsball am Abend gefeiert wurde. Das Wirtshaus im GnadentaI wurde zur Heimat der Wilden Weiber, bis es vor vier Jahren geschlossen wurde. Doch am Bahnhof haben sie in der urigen Wirtschaft von Wendelin Berger eine neue Heimat gefunden, der sie bereitwillig aufgenommen hat und bei dem sie sich nach der anstrengenden Tour wohlfühlen.
Sie sind mit Bollerwagen und Musikbox unterwegs
Die Saison beginnt jedes Jahr am 11.11. An diesem Tag wird das Motto für den nächsten lumpigen Donnerstag ausgesucht. „Danach überlegen sich alle, wie sie das Motto in ihren Kostümen umsetzen. Nach Weihnachten mache ich einen Text für das entsprechende Lied, welches dann im Januar geprobt wird, und auch die Spiele, die wir in der Schule und im Rathaus machen, müssen überlegt werden. Die Kostüme werden dann erst beim Abmarsch am Faschingsdonnerstag präsentiert, das ist für mich immer einer der schönsten Momente“, sagt Heike Fluck, die vor etwa 15 Jahren die Organisation übernahm. Mit Bollerwagen und einer Musikbox ziehen dann etwa 20 Frauen los. „Anfangs hatten wir die Musikbox mit einer Bulldog-Batterie betrieben und hofften, dass sie bis zum Ende reichte. Jetzt leihen wir uns eine Box mit Akku von einer Veranstaltungstechnik aus, damit unser selbst gemachtes Mottolied auch gehört wird“, erklärt Heidrun Stellinger. Die Wilden Weiber Großaitingen (WWG) sind kein Verein, sondern eine lose Gruppe, bei der jede mitmachen kann. Viele sind von Anfang an dabeigeblieben, die älteste ist 75 Jahre alt. Eine Teilnehmerin reist jedes Jahr aus Hamburg und zwei aus Baden-Württemberg an. Der Stamm ist aber aus Großaitingen und Umgebung und einige sind schon mit ihren Töchtern dabei.
In all den Jahren gab es viele Höhepunkte mit Auftritten als Rocker, Hexen, Orientalische Karawane oder auch einfach mit dem Farbmotto „Blau“. Auch die Cold-Water-Challenge wurde mitgemacht und im vergangenen Jahr hieß das Motto „Blumenwiese“. Einmal brach die Achse des Musikwagens und er musste auf der Strecke bleiben. Die Aktion ist in den 23 Jahren nur dreimal ausgefallen, 2005 wegen eines tragischen Verkehrsunfalls im Ort und 2021 und 2022 wegen Corona.
An diesen Stellen machen die Wilden Weiber Station
Das Motto für den kommenden Lumpigen Donnerstag wird noch nicht verraten, aber der Zeitplan steht schon fest. Die Wilden Weiber ziehen schon um 7 Uhr hinter dem Netto-Markt im Süden los und treffen um 8 Uhr an der Grundschule ein. Dort freuen sich die Kinder auf ein lustiges Treiben in der Mehrzweckhalle und sind gespannt, was die Weiber mit ihren Lehrerinnen und Lehrern anstellen. Regelmäßig wird ihnen das Versprechen abgenötigt, an diesem Tag die Hausaufgaben zu erlassen. Danach geht der Zug weiter zum Versicherungsbüro, zum Geflügelhof, Apotheke und Fahrschule. Bei Hildegard und Hans Gruber gibt es traditionell Kaffee und Kuchen mit Eierlikör und danach wird der neue Friseursalon, die Bäckereien Müller und Birzele und die Tankstelle aufgesucht. Pünktlich um 11.11 Uhr wird das Rathaus gestürmt, dem Großaitinger Bürgermeister können dabei weder seine Amtskollegen aus Kleinaitingen und Oberottmarshausen, noch der geistliche Beistand von Pfarrer Hubert Ratzinger helfen. Nach der Eroberung des Rathauses wird noch die Arztpraxis und die Raiffeisenbank heimgesucht.
Dann wird die wilde Horde mit Fahrzeugen in Richtung Bahnhof gebracht. Auf dem Weg dorthin gibt es noch eine Station bei der Tagespflege am Ortsende. „Darauf freuen sich die Seniorinnen und Senioren jedes Jahr ganz besonders“, sagen Heidrun Stellinger und Heike Fluck. Nach einem Abstecher zur Baufirma Riedelsheimer steigt dann ab 15 Uhr in der Bahnhofswirtschaft „beim Wendl“ die Faschingsparty mit Musik und Bar. Am Tag danach treffen sich die Wilden Weiber immer zum Frühstück bei der Bäckerei Müller. Aber damit ist der Fasching für sie noch nicht beendet, denn am Freitagabend gibt es den Sportlerball beim FSV und am Sonntag den Umzug in Wehringen. Die letzte Aktion ist dann am Faschingsdienstag die Gaudi bei den Ulrichwerkstätten in Schwabmünchen. Für Kurzentschlossene, die sich noch in diesem Fasching beteiligen wollen, gibt es eine Last-Minute-Hotline unter der Telefonnummer 0157-33720863.
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