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NS-Architektur lässt Geschichte lebendig werden: Augmented Reality zeigt verborgene Orte

Landkreis Augsburg

Mehr als verlassene Orte: Studierende machten NS-Bauten in der Region sichtbar

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    Die Studenten hatten während der Ausstellungseröffnung die Gelegenheit zum Gespräch mit Zeitzeugen
    Die Studenten hatten während der Ausstellungseröffnung die Gelegenheit zum Gespräch mit Zeitzeugen Foto: Britta Schaller

    In der Region gibt es zahlreiche „Lost Places“ – vergessene Orte mit Geschichte aus der Zeit des Dritten Reichs. Zwangsarbeiterlager, Rüstungsfabriken, ganze Flugplätze: von Schongau im Allgäu bis Heuberg im Ries. 17 Architekturstudentinnen und -studenten der Technischen Hochschule Augsburg haben sich mit diesen unsichtbaren Spuren der NS-Architektur beschäftigt. Ihr Ziel: Vergessenes sichtbar machen. Sie rekonstruierten bauliche Überreste, um an die Orte und ihre Geschichten zu erinnern. Augsburg war ein bedeutender Rüstungsstandort mit Firmen wie Messerschmitt, Kuka und MAN. Zwangsarbeiterlager entstanden in Haunstetten und Oberhausen – einfache Baracken aus modularer Holzbauweise. In den letzten Kriegsjahren verlagerte man die Produktion in Wälder bei Horgau, Bobingen oder Zusmarshausen. Dort errichtete man große Sprengstoff- und Munitionsfabriken, von denen heute oft nur Betonreste übrig sind – stille Zeugen der Vergangenheit.

    Neue Technologie macht unsichtbares erlebbar

    Im Architekturseminar „Sondergebiet Unsichtbare NS-Architektur“ unter der Leitung von Professor Bernhard Irmler rekonstruierten die Studierenden diese Überreste. Mithilfe von Augmented Reality (AR) fügten sie computergenerierte Elemente in die reale Welt ein, um die Bauwerke virtuell wieder auferstehen zu lassen. Zur Eröffnung der Ausstellung erklärte Irmler: „Wir Architekten können uns durch Recherche ein Bild machen und Orte rekonstruieren. Wenn wir diese Bilder mit Informationen ergänzen, erinnern wir an Plätze, die oft eine dunkle Geschichte haben.“ Orte, die als Gefangenenlager dienten oder Munition für den Krieg produzierten – oft gut getarnt.

    Unter der Leitung von Professor Irmler vom Lehrstuhl für Architektur und Bauwesen der Hochschule Augsburg entstand das Projekt Sondergebiet Unsichtbare NS Architektur
    Unter der Leitung von Professor Irmler vom Lehrstuhl für Architektur und Bauwesen der Hochschule Augsburg entstand das Projekt Sondergebiet Unsichtbare NS Architektur Foto: Britta Schaller

    Irmler ermutigte seine Studierenden, nicht nur Archive zu durchforsten, sondern auch Zeitzeugen zu befragen. „Gehen Sie in die Wälder, sprechen Sie mit Großeltern und Verwandten. So stoßen Sie auf Orte, die Geschichten erzählen, aber in Vergessenheit geraten könnten.“ Die Kombination aus Recherche, Gesprächen und der Suche nach alten Fotoalben war ein zentraler Bestandteil des Projekts.

    Ein Bunker des Hexogenwerks wurde zum Ausflugslokal

    Studentin Paula Feigen aus Wehringen untersuchte gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Anna-Maria Schatz das Bunkercafé in Wehringen. Über ihren Vater stieß sie auf das ehemalige Hexogenwerk im Wehringer Wald. Die Bauten der Rüstungsanlage Fasan kannte sie von Spaziergängen, doch ihre Geschichte war ihr neu. Nach zweimonatiger Recherche in den Archiven von Wehringen und Bobingen erstellten die beiden ein realistisches Bild der Munitionsfabrik. Ihre Hausarbeit dokumentiert die Werke Fasan I und II, die über Gleise mit dem Bahnhof Bobingen verbunden waren. In der produktivsten Anlage ihrer Zeit wurden monatlich 300 Tonnen Sprengstoff hergestellt – dreimal so viel wie damals üblich.

    Hitlers Erbe im Augsburger Land

    Waldwerk Kuno Versteckt im Scheppacher Forst zwischen Zusmarshausen, Burgau und Scheppach wurde in den letzten Kriegsmonaten der Düsenjäger Me 262 in einem Waldwerk montiert. Ostarbeiter und ältere Handwerker aus der Region mussten innerhalb weniger Wochen dafür Holzbaracken bauen. Etwa ein Dutzend montierter Düsenjäger startete über die damalige Reichsautobahn. An die Geschichte erinnert der Gedenkweg Kuno.

    Paraxolwerk auf dem Lerchenberg Im Wald bei Welden entstand im Zweiten Weltkrieg eine riesige Produktionsanlage: Zwangsarbeiter mussten dort ein Sprengstoffvorprodukt herstellen. Große Teile der ehemaligen Anlage sind noch im Wald zu sehen. Auf dem Gelände soll jetzt eine Anlage entstehen, um Munition zu beseitigen.

    Werk Fasan bei Bobingen Ähnlich wie auf dem Lerchenberg bei Welden wurde in den Werken Fasan 1 und 2 zwischen Bobingen und Wehringen ein Sprengstoffvorprodukt hergestellt. Für den Zugtransport wurde sogar ein Gleis über die Wertach und in den Wald verlegt.

    Blechschmiede Horgau Nordöstlich des Horgauer Ortsteils Bahnhof wurde Ende 1944 ein Arbeitslager für KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter errichtet. In diesem Arbeitslager sollten Teile des neu entwickelten Düsenflugzeuges Me 262 gebaut und dann ins Waldwerk Kuno geschafft werden.

    Anfang der 1950er-Jahre verwandelte man einen der Bunker in ein Ausflugs- und Tanzcafé, das die Studentinnen ebenfalls rekonstruierten. „Wenn man sich die Dimensionen dieser Anlage vor Augen führt, ist das beeindruckend“, sagt Feigen. Für die Rekonstruktion konnten Feigen und Schatz sechs Zeitzeugen, allesamt zwischen 1938 und 1949 geboren, befragen. Ein Fazit für Feigen aus dieser Arbeit: „Geschichte wird räumlich erfahrbar. Außerdem führt die Arbeit zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit weiter. Voraussetzung dafür ist jedoch ein bewusster Umgang mit diesen Relikten, ein möglicher Erhalt, eine Dokumentation doch vor allem eine kritische Einordnung.“

    Die Auseinandersetzung mit der Geschichte als Grundlage der Recherche

    Katharina Dittmann widmete sich dem Sammellager II in Augsburg-Oberhausen. In 38 Baracken lebten dort über 2000 Menschen – Kriegsgefangene und sogenannte Zivilarbeiter, die für MAN und Kuka arbeiteten, damals wichtige Unternehmen der Kriegsindustrie. „Die Möglichkeit, mit Augmented Reality Unsichtbares sichtbar zu machen, hat mich gereizt“, berichtete Dittmann. „Aber auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte vor Ort war spannend. “ Sie sammelte Material aus Archiven und führte Gespräche mit Verwandten. Zeitzeugen, die die NS-Zeit selbst erlebt hatten, fand sie nicht mehr. „Das machte die Arbeit aufwendiger, aber auch interessanter“, sagte sie. Das Stadtarchiv Augsburg war eine wichtige Quelle für ihre Recherchen.

    Auch andere Studenten berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Zwar erinnerten sie sich an den Schulunterricht über den Nationalsozialismus, doch die intensive Beschäftigung im Seminar eröffnete ihnen neue Perspektiven. Erst bei der Rekonstruktion der Bauwerke wurde ihnen das Ausmaß der damaligen Anlagen bewusst. An einigen Standorten sollen künftig Tafeln mit QR-Codes aufgestellt werden. Besucher können so die einstigen Gebäude virtuell betrachten und die Dimensionen der Bauwerke erahnen, die heute oft versteckt zwischen Bäumen liegen.

    Termin Die Ausstellung der Arbeiten ist an diesem Wochenende, Freitag bis Sonntag, von 10 bis 18 Uhr in der „Stube“, Barfüßerstraße 8 in Augsburg, zu sehen.

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