Benutzt man in Scherstetten besonders häufig Schneidewerkzeuge? Was hat der König mit Königsbrunn zu tun? Und wie tief sind die Gräben in Graben wirklich? Dr. Hans-Peter Eckart hat seine Doktorarbeit über Ortsnamen im Altlandkreis Augsburg geschrieben. In unserer Serie erklärt er, wie die Orte zu ihrem heutigen Namen gekommen sind. Im letzten Teil begibt er sich heute auf die Suche nach längst verschwundenen Siedlungen.
Die Suche beginnt in den Stauden zwischen Fischach und Döpshofen: Dort gibt es einen Waldabschnitt namens „Rauher Gehau“. Im Mittelalter hat es dort nachweislich die Einöde Eisenhofen gegeben. Der Ortsname ist als „bei den Höfen des Isso“ zu deuten. Er taucht erstmals in einer Urkunde von 1256 auf, als Bischof Hartmann von Augsburg dem Kloster Oberschönenfeld die Besitzungen in „Issenhouen“ bestätigte. Des Weiteren erscheint er als Einzelhof 1264 als „Yssenhoven“, 1278 als „Zeyssenhofen“ sowie 1342 „Yssenhofen“. In diesem Zeitraum haben Menschen dort gewohnt, vermutlich eine Bauernfamilie. Bei den letzten beiden schriftlichen Belegen aus den Jahren 1413 „Eissenhoffen“ und 1491 „Eysenhouen“ ist nur noch von einem Waldabschnitt und einer Wiese die Rede. Der Hof scheint nicht mehr existiert zu haben. Was ist also zwischen 1342 und 1413 passiert? Warum lebten dort keine Menschen mehr?
An dieser Stelle wägt die Wissenschaft verschiedene Theorien ab: Wurden die Einwohner Eisenhofens möglicherweise Opfer einer grausamen Gewalttat? Oder starben sie an der Pest, die zwischen 1349 und 1352 etwa ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte? Beides scheint denkbar. Eine wahrscheinlichere Erklärung liefert aber der Klimawandel durch die sogenannte Kleine Eiszeit. Ab dem 14. Jahrhundert wurden in Europa die Winter länger und kälter. Gleichzeitig waren die Sommer deutlich regenreicher. Dies hatte spürbare Folgen für die Bewohner in Eisenhofen, das etwa 60 Höhenmeter über Fischach lag: Die Ernteerträge mögen dauerhaft geringer oder ganz ausgefallen sein. Der Bestand an Nutztieren ging zurück. Der Bauernfamilie wurde so die erhöhte Lage ihres Anwesens und die vorwiegende Selbstversorgerkultur zum Verhängnis. Nehmen wir an, dass sie dies rechtzeitig realisierten, den Hof aufgaben und sich niederließen, wo eine ausreichende Ernte noch möglich war.
Um die 100 Siedlungen sind heute verschwunden
Eisenhofen ist beileibe kein Einzelfall. Auf dem Gebiet der Altlandkreise Augsburg und Schwabmünchen gibt es etwa 100 sogenannte abgegangene Siedlungen. Allein in einem Radius von etwa sechs Kilometern um Fischach herum hat die Wissenschaft zwei Dutzend Ortsnamen ermittelt, die heute nicht mehr existieren. Und die niemand mehr kennt. Adelburgried ist einer davon. Die nicht exakt lokalisierbare Siedlung erscheint erstmals in einer Urkunde von 1146, als ein Sigeboto von Fischach dem Kloster St. Ulrich und Afra in Augsburg ein Gut in „Adalburgerieth“ schenkte. Noch in fünf weiteren Schriftstücken taucht der Ortsname auf, letztmals 1405 als „Adelburgsried“. Auch hier ist nicht geklärt, warum die Siedlung nicht weiterbestand. Klar ist dafür immerhin: Der Name wird gedeutet als „Rodesiedlung der Adalburg“. Hier liegt der seltene Fall einer Siedlungsbenennung nach einer Frau vor.
Ein weiteres Beispiel ist Kimenberg. Die Siedlung lag auf einer flachen Anhöhe zwischen Fischach und Margertshausen. Der Ortsname ist 1338 als „Kymenberch“ belegt, 1339 und 1354 wird der dortige Hof erwähnt. Gedeutet wird der Name als „Siedlung am Berg der Familie Kyme“, die 1321 belegt ist. Ab 1413 jedoch ist nur noch von einem Holz oder einem Acker bei Kimenberg die Rede. Warum die Siedlung verschwand, bleibt spekulativ. Sicher aber ist: Sie lebt heute im Flurnamen „Keineberg/Kieneberg“ weiter.
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