Dieser Artikel wurde erstmals am 12. November 2025 veröffentlicht. Er zählt zu den beliebtesten unserer Leserinnen und Leser und wird daher von uns erneut angeboten.
Eine Frau öffnet ihre Wohnungstür im 17. Stock. Ein großer goldverzierter Vollholzschrank steht in der Ecke, die Wände sind geschmückt mit Engeln, die Möbelstücke mit Bedacht ausgewählt. Die Bezeichnung „ältere Dame“ ist wie für Christl Hangartner gemacht, ihre 83 Jahre sieht man ihr nicht an.
Hangartner wohnt in der bekanntesten Hochhaussiedlung Augsburgs, dem Schwabencenter. Die drei markanten Hochhäuser an der Friedberger Straße, in denen etwa 1500 Menschen leben, prägen das Stadtbild seit mehr als fünf Jahrzehnten. Einst ein Symbol für den Aufschwung Augsburgs, steht es heute für Verfall. Doch viele überzeugte Bewohnerinnen und Bewohner möchten sich mit diesem Bild nicht zufriedengeben. Wie lebt es sich dort heute?
Das Schwabencenter war als guter Ort zum Altwerden gedacht
An ihrem Lieblingsplatz, einem Tisch mit Fensterblick, kann Hangartner über ganz Augsburg sehen. Hier fängt sie an, zu erzählen. „Früher war es hier wie ein Traum“, schwärmt sie und schaut aus dem Fenster. „Ich konnte mit dem Lift runterfahren und alles war da – Bäcker, Cafés, mehrere Restaurants, Arzt, Orthopäde, Klamottenläden, sogar die Post. Für mich war das ideal, gerade im Alter“, sagt sie und zeigt dabei auf ihren Rollator.
Die gebürtige Österreicherin stammt aus Tirol und ist gelernte Hutmacherin. Sie kam in den 1970ern nach Deutschland, arbeitete in verschiedenen Städten, bevor sie in Augsburg sesshaft wurde. Heute lebt sie allein in ihrem Apartment mit 46 Quadratmetern, „früher haben da zwei Erwachsene und zwei Kinder gewohnt“. Bereits in den 1980er Jahren wohnte sie im Schwabencenter, bevor sie vor gut 20 Jahren hier eine Eigentumswohnung kaufte.
Das Schwabencenter war einmal eine kleine Stadt in der Stadt. „Am Wochenende war Markt unten in der Ladenstraße, mit Fisch auf Eis, mit Obstständen. Da war Leben, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Hangartner. Rund 50 Geschäfte gab es damals in der Ladenstraße, die sich über mehrere hundert Meter erstreckte. Um den Flair eines Stadtbummels zu genießen, genügte es, mit dem Aufzug in das Erdgeschoss zu fahren. Es war das pure Leben, auch, weil im Schwabencenter ausgiebig gefeiert wurde, erzählt Hangartner. Zum Beispiel in der Discothek Jet-Set, die selbst die Münchner Schickeria angelockt haben soll.
Das Schwabencenter stand für Wohnen, Einkaufen und Vergnügen an einem Ort
Und der Ruf des Schwabencenters? „Der war schon immer schlecht“, sagt Hangartner und lacht. „Zu mir haben sie gesagt: Wie kannst du da einziehen?” Dieses Image lag wohl auch an „bestimmten Damen“, wie Hangartner sie beschreibt, die in einigen Apartments Prostitution anboten. Trotzdem waren viele Bewohnerinnen und Bewohner stolz, zum Schwabencenter zu gehören – einer neuartigen Kombination aus Wohnen, Einkaufen und Vergnügung an einem Ort.
Und heute? Ein Geschäft nach dem anderen ist verschwunden. Viele wollten gar nicht raus, sie mussten, weil die Mieten zu hoch wurden. Erst im Mai schloss das letzte Gewerbe, die ansässige Apotheke, die Insolvenz beantragen musste. „Es ist ein Jammer. Heute ist alles leer. Außer an einem Ort, wo wir gleich noch hingehen können“, sagt sie.
Ein „gigantischer“ Blick auf Augsburg
Aber erst will Hangartner noch etwas anderes herzeigen: Ihren Balkon voller Pflanzen und Blumen. Sie will der trostlosen Fassade des Hochhauses etwas Grün entgegensetzen. „Auch hier oben hab ich etwas Natur“, sagt sie, „und schauen sie sich diesen gigantischen Ausblick an. Bei Föhn sehe ich die Berge. Wenn Plärrer ist, sehe ich das Feuerwerk, an Silvester sowieso.“ Hangartner schwärmt von den Sonnenuntergängen über Augsburg und holt ihr Tablet hervor, um Bilder zu zeigen. Es sind unzählige.
Dann führt die 83-Jährige durch das Haus, in dem sie sich gut auskennt. Leider habe sich auch die Gemeinschaft in den letzten Jahren verändert. „Es wird weniger gegrüßt“, sagt Hangartner. Auch gab es immer wieder Vorfälle von Vandalismus im Treppenhaus. Doch Ausziehen kommt nicht infrage. Mit dem Lift aus dem 17. Stock ist es ein kurzer Weg ins Erdgeschoss. Dort wirkt die leere Ladenstraße wie gespenstisch, auch, weil die Beleuchtung nicht mehr regelmäßig erneuert wird.
Das Wohnzimmer: Gemeinsam gegen die Tristesse
Aus einem Raum dröhnt aber Musik. Es ist der Ort, der die Gemeinschaft im Schwabencenter aufrechterhält und „Wohnzimmer“ genannt wird. „Seit zehn Jahren gibt es das Wohnzimmer in der Ladenstraße“, erzählt Hangartner. „Da kann jeder kommen – zum Spielen, Singen, Malen, Reden.“
Beim Besuch wird klar: Dieser Ort der Begegnung hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Institution entwickelt. Es ist ein Ort, der die Anonymität der Hochhaussiedlung durchbrechen möchte. Bei Kaffee und Tee wird getratscht und gelacht, fast so, wie es früher einmal gewesen sein muss.
Und was wünscht sich Hangartner für die Zukunft? „Eine frische Breze holen zum Frühstück, das wäre schon toll. Vielleicht erlebe ich es ja noch.“
Der Artikel ist Teil unserer Videoserie „Augsburg, deine Menschen“. Lesen und sehen Sie weitere Begegnungen:
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- „Bei mir gibts keine Nationalität, bei mir gibt‘s nur Kleingärtner“: Zu Besuch bei Alfred Steck in der Kleingartenanlage Lech-Nord
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre – und das Video – noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 12. November veröffentlicht.
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