Dass der Eiskanal in Cortina d’Ampezzo doch noch rechtzeitig vor Olympia fertig wurde, war aus deutscher Sicht die beste Nachricht. Wie hätte es sich auf den Medaillenspiegel der Winterspiele in Norditalien ausgewirkt, hätten die Bob-, Rodel- und Skeletonpiloten pausieren müssen? Ein Desaster für die Sammlung von Edelmetall wäre es gewesen. Weil: Schnell durch eine Röhre zu rasen, das können Deutschlands Wintersportler. Aber sonst? Viel Luft nach oben.
Die 27 Medaillen von vor vier Jahren in Peking waren der Anhaltspunkt. In diese Richtung sollte es für das deutsche Team auch in Norditalien gehen. In der Breite geht der Plan auf. In der Spitze nicht. Zwölf Goldmedaillen waren damals im Gepäck auf der Rückreise aus China. Unerreichbar in Italien. Eine ernüchternde Bilanz. Weil viele Sportarten ins Mittelmaß abrutschen. Weil Spitzenleistungen und Überraschungen kaum mehr gelingen. Der deutsche Sport also in einer Abwärtsspirale?
Schon die Sommerspiele in Paris hatten Hinweise darauf geliefert. Mailand und Cortina d’Ampezzo bestätigen das. Während sich Italien als Gastgeber im Medaillenspiegel weit nach vorn schiebt, hat die Häufigkeit goldener Medaillenfeiern im Deutschen Haus nachgelassen. Vor allem in Sportarten, die jahrelang als Garanten des Erfolgs gefeiert wurden. Seien es die Biathleten, Kombinierer oder Skispringer. Wenige Ausreißer nach oben gab es, wie Daniela Maiers beherzter Auftritt im Skicross oder Philipp Raimunds überraschendes Gold auf der Normalschanze. Das aber war auch mehr glücklicher Umstände geschuldet als offensichtlicher Überlegenheit.
Die Lust auf Profisport muss groß bleiben
Was aber tun? Das Sportfördergesetz scheint eine gute Idee. Es soll durch eine unabhängige Spitzensport-Agentur die Strukturen verschlanken, die Bürokratisierung vereinfachen und das bestehende Fördersystem digitalisieren. In erster Linie aber muss es dafür sorgen, dass der deutsche Sport aus der gefühlten Abwärtsspirale herauskommt. Dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Dass Nachwuchs gefördert und gefunden wird. Dass die Lust auf Profisport groß bleibt.
Ein wichtiger Baustein ist eine Bewerbung Deutschlands für Olympische Spiele. Weil Gastgeber im Bestreben, sich ordentlich zu präsentieren, auch ihre Unterstützung der Athleten intensivieren. Aktuell zu sehen an Italien oder Frankreich, dem nächsten Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2030.
Deutsche Athleten klagen über zu weite Wege
Die deutschen Athletinnen und Athleten verlassen Norditalien mit gemischten Gefühlen. Zu sportlichem Frust mischt sich auch die Enttäuschung über die Stimmung. Weil ein olympisches Gefühl nie so richtig aufgekommen sei. Bemängelte Skirennfahrer Linus Straßer in Bormio ebenso wie die Biathletin Selina Grotian in Antholz. Weil ihre Wettkampfstätten weit entfernt vom Rest Olympias lagen. Weil Kontakt zu anderen Sportlerinnen und Sportlern kaum möglich war. All das, was Olympia ausmachen soll. Ein Treffen des Sports, ein Austausch.
Nachhaltige Spiele waren gewünscht. In Norditalien versuchten sie, das umzusetzen. Die Folge waren weite Wege. Aber eben auch an vielen Orten Begeisterung für den Sport. Anders als in China oder Südkorea bei den vergangenen Winterspielen. Italien hat sich in den vergangenen zwei Wochen gut präsentiert. Besser als viele deutsche Sportlerinnen und Sportler.
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