Womöglich war das Risiko zu groß. Womöglich ist ein gerissenes Kreuzband nicht die allerbeste Voraussetzung, um ein olympisches Abfahrtsrennen fahren zu können. Lindsey Vonn hat es trotzdem riskiert. Mit 41 Jahren, einem kaputten Knie und einer Teilprothese in ihrem anderen Knie. Weil sie gehofft hatte, die Sportwelt noch einmal zu überraschen. Olympia hatte sie noch einmal gereizt.
Wenige Tore hatte es am Sonntagmittag aber nur gedauert, bis die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina ihr erstes Drama erlebten. Lindsey Vonn startete mit Nummer 13. Und nach 13 Sekunden war alles vorbei. Vonn war mit einer Hand im Tor hängengeblieben, hatte die Kontrolle verloren und auf die Piste gekracht. Die US-Amerikanerin schrie vor Schmerzen. Nach etlichen Minuten wurde sie mit einem Hubschrauber abtransportiert. Aus der vermeintlichen Erfolgsgeschichte war eine Tragödie geworden.
Hatte Vonn zu viel riskiert, hätte sie gestoppt werden müssen? „Ich glaube fest daran, dass so etwas von jedem einzelnen Athleten selbst entschieden werden muss“, sagte Ski-Weltverbands-Präsident Johan Eliasch am Montag. Sie kenne ihren Körper sicher besser als jeder andere, meinte Eliasch. Ähnliche Worte waren vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu vernehmen. „Es ist nicht an uns, da Ja oder Nein zu sagen, das liegt allein bei ihr“, sagte Sportdirektor Pierre Ducrey.
Auch Nadal hat auf Warnsignale seine Körpers nicht geachtet
Kritik am Start von Vonn gab es. Weil mancher erkannt haben wollte, dass sie für all die ambitionierten Hobbysportler ein schlechtes Vorbild sei. Nicht, dass künftig ein Kreuzbandriss nicht mehr zwingend als Hinderungsgrund für eine rasante Abfahrt gesehen wird. Dass eine solche Knieverletzung nicht die beste Voraussetzung für Profisport ist, scheint logisch. Einer erfahrenen Athletin wie der 41-Jährigen sollte man allerdings zutrauen, dass sie die Gefahren und Probleme realistisch einschätzen kann. Bei all den Wünschen und Träumen, die sie hinsichtlich ihrer wohl letzten Teilnahme bei Olympischen Spiele hatte. Und die wohl auch Antrieb waren, die eigenen Grenzen im Zweifel verschieben zu wollen.
Tennisstar Rafael Nadal hat auf seinen letzten Karrieremetern trotz Warnsignale seines Körpers immer weitergespielt. Er hat Schmerzen akzeptiert, weil es ihm so schwerfiel, vom Court zu verschwinden. Wer jahrelang Weltspitze war, kann nicht so einfach loslassen. Das zeigte sich nun auch bei Lindsey Vonn. Sie hatte für sich die Entscheidung getroffen, trotz Verletzung ein Olympia-Rennen zu fahren. Dass es in einem Drama endete, war auch Pech geschuldet, wie Eliasch betonte.
Vonn war immer eine Meisterin der Selbstinszenierung. Nicht wenige haben ihr das in ihrer langen Karriere vorgeworfen. Als sie vor ihrem ersten Rücktritt 2019 davon sprach, den Weltcup-Rekord von Ingemar Stenmark (86 Siege) als großes Ziel anzupeilen, hieß es, sie sei überehrgeizig. Da sie gerne Details aus ihrem Privatleben teilte, ließ Kritiker schlussfolgern, dass sie zu sehr in die Öffentlichkeit dränge. Letztlich aber lieferte Vonn immer eine Show.
Sport entwickelt sich mehr und mehr zu einer Unterhaltungsbranche. Gerade Vonn wusste und weiß das. Sie bot große Geschichten, erlebte aber auch Tiefpunkte. Als sie 2024 ihr Comeback mit einer Teilprothese im Knie ankündigte, waren die Reaktionen heftig. Olympiasieger Markus Wasmeier wollte in einer ersten Reaktion eine „Verarschung“ erkannt haben. Österreichs Altstar Franz Klammer sprach von einem „Vollschuss“.
Vonn war wieder eine Goldfavoritinnen
Vonn ließ sich nicht beirren. Sie fuhr wieder Ski und gewann sogar Weltcup-Rennen. In Cortina zählte sie mit ihren 41 Jahren in der Abfahrt zu den Goldfavoritinnen. Zumindest bis sie sich wenige Tage vor dem Rennen bei einem Sturz das Kreuzband gerissen hatte. Vonn trat dennoch an. Es ging schief.
Bei dem schweren Sturz am Sonntag hatte sie sich am linken Bein verletzt. Mittlerweile liegt sie im Ca‘-Foncello-Krankenhaus in Treviso. Sie soll bereits operiert worden sein, Informationen dringen nur spärlich nach außen. Polizisten stehen vor dem Eingang zur Klinik, um dafür zu sorgen, dass keine Fans ins Krankenhaus gelangen. Laut Mitteilung des US-Ski-Verbandes wird Vonn auch von amerikanischen Ärzten betreut. Sie soll auf der Intensivstation liegen, um ihr mehr Privatsphäre zu ermöglichen.
Vonns Familie ist in Italien dabei. „Es bricht mir das Herz“, hatte ihre Vater Alan Kildow kurz nach dem schweren Sturz gesagt. Seine Tochter sei „so eine Kriegerin, sie ist so eine starke Kämpferin. Sie hat alles gegeben, was sie hatte. Unglücklicherweise war es nicht ihr Tag. Das ist herzzerreißend.“
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