Es hätte im besten Fall ein Heldinnen-Epos werden sollen. Mit Kreuzbandriss zum Olympiasieg, im Alter von 41 Jahren. Bester Stoff für einen Hollywood-Film. Aber für Lindsey Vonn endete die olympische Frauen-Abfahrt am Sonntag in Cortina d’Ampezzo mit einem weiteren Kapitel in ihrer an Dramen reichen Karriere, es war vermutlich das letzte. Aber man weiß ja nie bei dieser Frau.
Lindsey Vonn blieb an einem Tor hängen
Nach knapp 14 Sekunden war auf der Olimpia delle Tofane ihr Traum vom zweiten Olympia-Gold vorbei, zerstört im Schnee jener Piste, die sie in ihrer Karriere wie keine andere beherrscht und auf der sie zuvor zwölf Siege eingefahren hatte. Lindsey Vonn, die Stehauffrau des Skisports, blieb an einem Tor hängen, hob ab, drehte sich im Flug und knallte auf die Piste. Über die Außenmikrofone auf der Strecke hörte man sie schreien, in erster Linie vor Schmerzen, aber sicher waren auch Wut und Enttäuschung dabei.
Lindsey Vonn war als eine der letzten der großen Favoritinnen gestartet, nur die Italienerin Sofia Goggia kam noch nach ihr, am Ende mit Bronze dekoriert. Es führte Teamkollegin Breezy Johnson, die vor einem Jahr bei der WM in Saalbach bereits Weltmeisterin geworden war, vor Emma Aicher. Die junge Deutsche hatte keinen perfekten Lauf erwischt und war trotzdem nur vier Hundertstelsekunden langsamer als die Amerikanerin. Die 22-Jährige sorgte für die erste deutsche Abfahrts-Medaille bei Olympischen Spielen seit 28 Jahren, damals hatte Katja Seizinger Gold gewonnen.
Hat sie zu viel riskiert?
Vielleicht hatte Vonn das Gefühl, dass es dieses Mal nicht reichen würde, einfach nur runterzufahren, wie in den Weltcup-Rennen davor, um zu gewinnen. Sie musste mehr riskieren – und riskierte am Ende zu viel. Es ist gut möglich, dass ihr das Malheur mit intaktem Kreuzband nicht passiert wäre, weil dann das linke Knie dem Druck besser hätte standhalten können.
Anders als vor neun Tagen, als Vonn nach ihrem Sturz in Crans Montana noch selbst mit den Skiern der Berg hinuntergefahren ist und sich erst dann vom Hubschrauber ins Krankenhaus fliegen ließ, wo ein Kreuzbandriss im linken Knie diagnostiziert wurde, blieb sie dieses Mal liegen. Der Hubschrauber kam und flog dann mit Vonn an Bord über den Zielraum und die Tribüne hinweg. Unten klatschte das Publikum, vor allem die amerikanischen Fans, die zuvor schon Breezy Johnson gefeiert hatten. Es war ein eindrückliches Schlussbild einer großen Karriere.
„Ich lasse meine Träume nicht zerplatzen“, hatte Lindsey Vonn vor ein paar Tagen noch gesagt. Später schrieb sie auf Instagram: „Ich glaube fest an das, was möglich ist.“ Mit gerissenem Kreuzband Olympiasiegerin zu werden. Dass ein Start gewisse Risiken barg, ignorierte sie. Wie schon zuvor einige Male die Ratschläge der Mediziner oder Trainer. Warum das alles? „Ich liebe es einfach, Skirennen zu fahren“, schrieb sie in einem Post kurz der Abfahrt.
Drama war schon immer Teil von Vonns Inszenierung
Lindsey Vonn hat schon oft das Schicksal herausgefordert. Ein bisschen Drama, Tiefstapeln, um dann, wenn es doch anders kommt, den Erfolg noch größer erscheinen lassen zu können, das hat Vonn schon immer beherrscht. Es ist Teil ihrer Inszenierung. Keine versteht es so gut, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, vor allem vor ganz wichtigen Rennen. Und das sind für Amerikanerinnen in erster Linie die bei Olympischen Spielen.
In Turin 2006 stürzte sie im Abfahrtstraining und ging anschließend angeschlagen ins Rennen. Vonn, die damals noch Kildow hieß, ging leer aus. Vier Jahre, zwei WM-Titel und zwei Gesamtweltcupsiege später hatte sie vor den Winterspielen in Vancouver eine Schuhrandprellung erlitten, tatsächlich sehr schmerzhaft, aber im Vergleich zu ihrem aktuellen Kreuzbandriss eher harmlos. In einer Pressekonferenz führte sie damals haarklein aus, wie sie die Pein zu bekämpfen gedenke (Quarkwickel und Schmerztablette) und ließ wissen, dass ihre Chancen auf eine Medaille nicht mehr sehr groß seien. Ein paar Tage später war sie Olympiasiegerin.
Es wäre vielleicht zu viel gewesen, wenn sich die Geschichte 16 Jahre später wiederholt hätte. Selbst für eine Lindsey Vonn, der in ihrer Ski-Karriere immer alles zuzutrauen war.
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