Katharina Schmid rang nach Worten. Die Nachricht hatte sie im Teamquartier in Predazzo erreicht. Am Mittwoch waren die deutschen Skispringerinnen nach Italien gereist, bereits am Samstag (18.46 Uhr) steht der erste Wettbewerb auf der Normalschanze an. Zuvor aber hat Schmid noch eine ganz besondere Aufgabe.
Die 29-Jährige hatte darauf gehofft. Darauf, dass sie sich gegen Snowboarderin Ramona Hofmeister und Bobfahrerin Laura Nolte durchsetzen würde. Dass die Wahl auf sie fällt. Eine Riesenehre sei das, hatte sie am Dienstag bereits gesagt. Wenn sie, die Skispringerin aus Oberstdorf, die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d‘Ampezzo tragen dürfe. Sie darf es.
Sowohl in der öffentlichen Wahl mit knapp 50 Prozent als auch in der internen Abstimmung im deutschen Team mit 37 Prozent der Stimmen setzte sich Schmid durch. „Ich freue mich mega, mega, dass ich für Deutschland die Fahne tragen darf“, sagte sie. Es werden ihre vierten Olympischen Spiele werden – und ihre letzten. Das ist klar. Schmid hört nach dieser Saison auf. Sie ist auf Abschiedstournee. Bislang bei den verschiedenen Weltcup-Veranstaltungen, nun bei Olympia. Sie möchte noch so viel wie möglich aufsaugen, alles genießen. Aber auch erfolgreich sein.
Der Olympiasieg fehlt Katharina Schmid noch
Schmid hat viele Titel gewonnen. Weltmeisterin ist sie. Olympiasiegerin aber noch nicht. Diesen Traum hat sie noch immer. Wenngleich die Saison bislang nicht einfach ist. Es gibt andere Athletinnen, die dominieren. Nika Prevc etwa. Schmid aber stand wie ihre Teamkolleginnen auch bereits auf dem Podest, sie sagte: „Ich habe es mir Stück für Stück erarbeitet, dass ich mich auf der Schanze wieder wohler fühle.“ Soll heißen: Der Formaufbau hin zu den Olympischen Spielen könnte geklappt haben. Nun geht es darum, diesen Eindruck in Italien zu bestätigen.
Am Montag hatte sich Schmid noch einmal einen ruhigen Tag gegönnt. War mit Freundinnen zum Kaffeetrinken auf dem Nebelhorn. Noch einmal durchatmen, bevor der olympische Stress beginnt. Drei Wettbewerbe stehen für die Frauen auf den Schanzen in Predazzo an. Drei Möglichkeiten für Medaillen.
Keine guten Erinnerungen an Peking
An die vergangenen Spiele in Peking hat die 29-Jährige keine guten Erinnerungen. Wegen Auffälligkeiten bei ihrem Anzug war sie im Mixed-Team disqualifiziert worden. Eine Rechnung habe sie noch offen, gestand sie. Sagte aber auch: Sollte es mit dem Olympiasieg auch bei der vierten Teilnahme nicht klappen, ginge die Welt nicht unter. Sie habe in ihrer Karriere schon viel erreicht. Eine Kampfansage schickte sie trotzdem an die Konkurrenz: „Ich fahre nicht dorthin, um nur teilzunehmen.“
Familie, Freunde und ihr Ehemann werden in Italien dabei sein. Sie genießt es, dass die Spiele diesmal nahe der Heimat stattfinden. Nicht wie zuletzt weit entfernt in China oder Südkorea. Das macht Olympia für sie diesmal noch spannender als ohnehin schon. Auch, weil das Interesse am Frauenskispringen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Auch wegen Katharina Schmid, die eine stete Kämpferin für Gleichberechtigung ist. Dafür, dass die Frauen künftig wie die Männer ihre Vierschanzentournee bekommen.
Für Draisaitl ist es das i-Tüpfelchen
Zeitgleich werden am Freitagabend ab 20 Uhr die Eröffnungsfeiern an den Standorten Mailand, Predazzo, Cortina und Livigno stattfinden. An allen Standorten werden die Teams einlaufen. In Predazzo mit der Skispringerin Katharina Schmid an der Spitze. Im San-Siro-Stadion in Mailand wird Leon Draisaitl das deutsche Team mit der Fahne anführen. Er hat die Wahl bei den Männern gewonnen. Wie Schmid in beiden Kategorien, in der Öffentlichkeit mit etwas mehr als 51 Prozent der Stimmen und in der internen Abstimmung mit 41 Prozent.
Draisaitl bekam die Nachricht in der Kabine der Edmonton Oilers überbracht. Olaf Tabor, der Chef de Mission des deutschen Teams, hatte sich per Telefon gemeldet. Auch Draisaitl fiel es zunächst schwer, die richtigen Worte zu finden. Er könne gar nicht viel sagen, meinte er. „Ich fühle mich total geehrt.“ Und er könne es kaum erwarten, nach Mailand zu kommen. „Ich freue mich seit Monaten wie ein kleines Kind auf Olympia. Das ist das i-Tüpfelchen“, sagte er.
Auch für Katharina Schmid wird es am Freitag ein besonderer Moment werden. Einer, der sie mit Stolz erfüllt. Und einer, der ihr Aufwind geben könnte. Für das erste Springen am Samstagabend. Vielleicht erfüllt sich die 29-Jährige dort ihren nächsten Traum: Olympiasiegerin. Falls es nicht klappt, blieben noch zwei weitere Möglichkeiten.
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