Es dürfte extrem eng werden für Leon Draisaitl. Zumindest für den Fall, dass er zum Fahnenträger der deutschen Olympiamannschaft bei der Eröffnungsfeier auserkoren wird. Der beste deutsche Eishockeyspieler hat kurz zuvor noch ein Spiel zu absolvieren, bevor er nach Europa fliegt. Am Donnerstag um vier Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit treten die Edmonton Oilers im Scotiabank Saddledome von Calgary bei den Flames an. Am Freitagabend soll Draisaitl die Fahne ins San Siro Stadion von Mailand tragen. Der 30-Jährige ist jedoch Flug-Stress aus seinem Arbeitsalltag auf dem nordamerikanischen Kontinent gewohnt.
Bereits bei der Weltmeisterschaft 2017 in Köln war der Sohn des ehemaligen Nationalstürmers Peter Draisaitl in letzter Sekunde eingeschwebt. Der Stürmer war vormittags um 11 Uhr in Frankfurt eingetroffen. Nach einem Nickerchen zu Hause bei der Mama in Köln und anschließendem Kaffee und Kuchen, führte der Mittelstürmer neun Stunden nach der Landung die deutsche Mannschaft zum 4:1 gegen Frankreich und schließlich ins WM-Viertelfinale. Der Zeitplan zwischen Calgary und Mailand dürfte ähnlich eng sein.
Draisaitl ist einer der Kandidaten als Fahnenträger bei Olympia
Noch ist allerdings nicht sicher, ob der deutsche Superstar auch tatsächlich in der Eröffnungszeremonie auftritt. Neben Draisaitl zählen die Olympiasieger Johannes Rydzek (Nordische Kombination), und Tobias Wendl (Rodel-Doppelsitzer) sowie die siebenmalige Skisprung-Weltmeisterin Katharina Schmid, Laura Nolte (Bob) und Ramona Hofmeister (Snowboard) zur Vorauswahl. Zum vierten Mal nach Olympia in Tokio (2021), Peking (2022) und Paris (2024) werden eine Frau und ein Mann als Fahnenträgerin und Fahnenträger ausgewählt. Auch die Athletinnen und Athleten des deutschen Teams dürfen votieren. Die Ergebnisse beider Abstimmungen fließen jeweils zur Hälfte in die Entscheidung ein, die am 5. Februar verkündet wird.
„Erst mal fühle ich mich total geehrt, überhaupt die Chance zu haben, das Land zu repräsentieren. Das wäre für mich ein absolutes Highlight“, sagte Draisaitl am Montag in einer Videokonferenz mit deutschen Sport-Journalisten. Der 30-Jährige saß vor seiner Garderobe. Hinter ihm steckten der Helm mit der Nummer 29 und seine Handschuhe im Regal. Aktuell spielt der Center wieder einmal eine überragende Saison mit neuen Bestmarken für die Edmonton Oilers. Draisaitl hat in seiner bisherigen Karriere die Auszeichnung für den wertvollsten (MVP) und den besten Spieler der NHL erhalten sowie die Trophäen für den besten Scorer und den besten Torschützen der Liga. Darüber hinaus wurde er bereits zum Sportler des Jahres in Deutschland gewählt. Im vergangenen Dezember hat er als erster Deutscher die 1000-Punkte-Marke in der NHL erreicht.
Draisaitl erlebt seine Olympia-Premiere
Der gebürtige Kölner wird seine Olympia-Premiere erleben. Bei den Winterspielen 2022 in Peking oder 2018 in Südkorea, wo Deutschland sensationell Olympia-Silber gewann, waren allerdings alle Nationen ohne die NHL-Profis angetreten. Weil die weltweit beste Liga es nicht für notwendig und bezahlbar erachtete, ihren Spielbetrieb für das Turnier im Zeichen der Ringe zu unterbrechen. Das Business hatte Vorrang.
Für Olympia 2026 legt die NHL jedoch eine kurze Pause ein. Deshalb sind die Kader von Kanada, Schweden oder auch der USA ausschließlich mit NHL-Profis bestückt. Auf die US-Auswahl trifft das Team von Bundestrainer Harold Kreis im letzten Gruppenspiel am 15. Februar. Zum Auftakt spielt Deutschland gegen Dänemark (12. Februar). Am 14. Februar geht es gegen Lettland. Die beiden ersten Aufgaben sind lösbar. Das erste Ziel Viertelfinal-Teilnahme scheint realistisch in dem eng getakteten Programm mit drei Spielen innerhalb von vier Tagen.
Letzter Test der deutschen Mannschaft gegen Italien
Den einzigen Olympiatest bestreitet das DEB-Team am heutigen Mittwoch um 19.30 Uhr in Bozen gegen Italien. Der Olympia-Gastgeber geht als Außenseiter in das Turnier, auch weil kein einziger NHL-Profi im Aufgebot steht. In der deutschen Mannschaft werden in Südtirol noch alle sieben nominierten NHL-Profis fehlen. Sie werden erst am Wochenende in Mailand zur Mannschaft stoßen. Draisaitl eben früher, sofern er zum Fahnenträger gewählt wird.
Als Ziel gibt der Ausnahmestürmer nicht weniger als die Goldmedaille aus: „Als Sportler gehst du in ein Turnier rein, um zu gewinnen. Wir wissen, dass wir nicht die Favoriten sind und es ein langer Weg für uns ist“, sagte Draisaitl in der Umkleide der Oilers sitzend und fügte an: „Vielleicht brauchen wir ein kleines Wunder. Aber wenn ich nicht mit der Einstellung hereingehe, dass ich gewinnen möchte, dann brauche ich gar nicht zu kommen. Ich bin mir natürlich bewusst, wie schwer das ist und wo wir mit dem deutschen Eishockey stehen.“
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