Ein abgerubbelter Radiergummi, ein auseinandergebautes Klavier, ein verrostetes Sägeblatt – all dies findet man, wenn man sich in Gabriele Schnitzenbaumers Atelier in Wartaweil bei Herrsching am Ammersee umsieht. Es sind Gegenstände, die sie in ihre Kunstwerke einbaut. Schnitzenbaumer ist Malerin und Bildhauerin. Sie kreiert Skulpturen verschiedenster Art: von einer lebensgroßen Frauenskulptur aus Bronze bis hin zu einem kleinen Krokodil aus Holz. Oftmals baut sie dabei Dinge ein, die sie im Alltag findet, als eine Art Leitidee. Für die 87-Jährige steht Kunst über allem.
Schnitzenbaumer wurde 1938 in Augsburg geboren. Sie wuchs in einer Zeit auf, die von Krieg geprägt war. „Es war alles normal. Bomben normal, Krach normal, Feuer normal, Tote normal“, erzählt sie. Erst wenn auch die Mutter Angst bekam, wussten sie und ihr jüngerer Bruder Jürgen, dass es jetzt um die Existenz ging, sagt sie mit klarer Stimme. Im Alter von sechs Jahren musste sie am bombardierten Fliegerhorst Lechfeld mithelfen, verkohlte Leichen auszugraben – ein Erlebnis, das sie später in einer Installation namens „Lagerlechfeld 44“ verarbeitete.
Mit 16 Jahren aus den Trümmern nach New York
Nach dem Krieg besuchte sie die Kunstschule in Augsburg – fußläufig die nächste, die ihren Interessen entsprach. „Ein paar der Schüler waren so jemand wie ich, verlorene Seelen im ganzen System, die versucht haben, irgendwie zu profitieren.“ Lange blieb sie dort allerdings nicht. Nach wenigen Wochen wagte sie mit 16 den Sprung nach New York. Sie kam bei ihrer Tante unter, die dort als Auswanderin lebte – eine Konstellation, in der Schnitzenbaumer die Welt und sich selbst völlig neu kennenlernte.
Schnitzenbaumer begann, auf eigenen Beinen zu stehen: Eine Zeitungsanzeige führte sie zu einem Job als Pelzmodel, bis sie schließlich im Fotoatelier „Aaron“ landete. Die New Yorker Aufbruchstimmung wurde zum Grundstein für ihren weiteren Weg: Das Reisen war für sie seitdem nicht mehr wegzudenken. Es sind die fremden Sprachen, Lebensweisen und Landschaften, die sie faszinieren. Das „Ausgeliefertsein an sich selbst“, wie sie es beschreibt. „Ich war überall auf der Welt zu Hause, wo ich einen Platz gefunden, mich hingesetzt und gezeichnet habe.“
Eine Seiltänzerin ohne Netz im Alltag
Das Gefühl, auf sich allein gestellt am sichersten zu sein, begleitete sie zurück in den Alltag. Mit ihrem Partner Otto bekam Gabriele zwei Söhne, Christian und Florian. Die Ehe zwischen den beiden scheiterte allerdings; bis zu seinem Tod blieben sie aber gute Freunde. „Ich bin schon ein Einzelgänger, ich brauche das“, sagt sie unumwunden. Er habe sie als Seiltänzerin ohne Netz beschrieben. „Ich habe alles stehen und liegen lassen, wenn ich arbeiten wollte. Dann hat nichts anderes mehr Platz daneben gehabt“, erinnert sich Schnitzenbaumer. Dabei lächelt die 87-Jährige, sonst ansteckend aufgeweckt und entwaffnend humorvoll, ein wenig wehmütig.
Nach der Trennung begab sie sich in totales Risiko. „Wie soll ich sagen, dann bin ich mit dem Kopf durch die Wand“, sagt sie und gestikuliert energisch. Sich als Frau künstlerisch zu verwirklichen, sei damals weit mehr als eine berufliche Entscheidung gewesen, vielmehr eine Rebellion. In einer Gesellschaft, in der eine Trennung für Frauen finanziellen Ruin und den Verlust des Sorgerechts bedeuten konnte, erkämpfte sie sich ihre Unabhängigkeit. Und es funktionierte: Die 68er-Bewegung aus Amerika machte sich auch in Deutschland bemerkbar, einige Menschen begannen umzudenken. „Die Zeit war reif für Menschen wie mich.“
Zwischen New York, Venedig, Ammersee und den Seychellen
Es folgten gute Jobs mit gutem Geld, Ausstellungen und Lehraufträge in Deutschland und den USA, aber auch in Australien oder im Jemen. Ab ihrem 40. Lebensjahr, als ihre Kinder sie nicht mehr dauerhaft brauchten, begann sich dieses Unterwegssein zu verfestigen. Schnitzenbaumer lebte lange im vierteljährlichen Wechsel zwischen New York, den Seychellen, Venedig und Ammersee. Diese Rastlosigkeit und die besondere Atmosphäre ihrer Wirkungsstätten fängt ein Dokumentarfilm von Konrad Hirsch in eindrucksvollen Bildern ein. In den vergangenen fünf Jahren reduzierte sie diesen Wechselrhythmus aus gesundheitlichen Gründen, vereinzelt besucht sie diese Orte aber bis heute.
Inzwischen ist die 87-Jährige in ihrem Haus am Ammersee angekommen, wo sie heute umgeben von ihrem lebenslangen Schaffen lebt. Doch nicht nur das Reisen, auch die künstlerische Arbeit hat sich für Schnitzenbaumer verändert. Große, schwere Skulpturen lässt das Alter nicht mehr zu, doch sie begreift körperliche Grenzen als kreative Herausforderung. Als eine Operation an der rechten Schulter sie vor Kurzem ausbremste, begann sie schlichtweg, mit der linken Hand zu schreiben. „Sobald du mit einem Instrument reduziert bist, fällt dir als kreativer Mensch sofort etwas ein, was du mit einem anderen machen kannst“, sagt sie. Kunst ohne Kompromisse.
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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