Ein großes Fenster mit Ausblick in die Natur flutet den Therapieraum mit natürlichem Licht. Ein leichter Duft nach ätherischen Ölen breitet sich in der Luft aus. Mit ruhigen Bewegungen findet Julia Gerstberger die richtige Sitzposition auf den weißen Bodenkissen in ihrem Praxisraum in Steindorf bei Augsburg, und stellt, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, die Frage: „Welches Gefühl weckt das in Ihrem Inneren?“ Seit rund sechs Jahren steht für die 33-jährige Heilpraktikerin für Psychotherapie der Mensch im Vordergrund ihrer Arbeit. Doch das war nicht immer so.
Nach dem Abitur entschied sich Gerstberger für das duale Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Gastronomiemanagement. Schon früh stieg sie die Karriereleiter hinauf und übernahm verschiedene Führungspositionen. Doch genauso schnell breitete sich ein Konflikt in ihr aus. „Ich hatte die Verantwortung, die Menschen zu leiten, aber nicht ausreichend Zeit, auch für die Menschen da zu sein“, erzählt Gerstberger nachdenklich.
Julia Gerstberger: Als Heilpraktikerin für Psychotherapie für andere da
Positives Feedback und weiterer beruflicher Aufstieg verloren für sie an Bedeutung und Wert, was eine große Unzufriedenheit auslöste. Auch wenn die zahlenorientierte Arbeit in der Wirtschaft Gerstberger bis heute Freude bereitet, war es nie das, was sie erfüllte. „Ich konnte einen (…) Haken dahinter setzen, habe aber festgestellt, dass das nur die Erwartungshaltung von außen ist und nicht meine eigenen Werte widerspiegelt.“ Ein guter Job, viel Geld oder ein schönes Auto – all das hatte für Gerstberger nie wirklich eine Bedeutung. „Nur, weil etwas toll aussieht, heißt es nicht, dass es sich auch gut anfühlt.“ Es stand also fest: Ihr Leben musste sich verändern – und eine Person inspirierte sie dabei besonders.
Sie lernte ihren Lebenspartner kennen, und sie hätten verschiedener nicht sein können. „Doch genau diese Unterschiedlichkeit hat mich sehen lassen, wie man das Leben auch anders leben kann.“ Das wurde der Startschuss für Gerstbergers Reise. „Ich lernte, dass das Leben nicht als gut oder schlecht, schwarz oder weiß, bewertet werden muss.“ So begann sie, sich selbst inmitten des Alltags zu finden.
Faszination für Psychologie
Die Faszination für Psychologie und ihr Wunsch, Menschen so zu sehen, wie sie sind, führten sie zu ihrer heutigen Tätigkeit. „Ich besuche immer wieder Seminare, die vor allem in gestalttherapeutischen Räumen stattfinden, und gehe so meine eigene Reise“, erzählt Gerstberger zufrieden. Die Arbeit und Reflexion über sich selbst ende nie. Je mehr Erfahrungen sie sammle, desto besser könne sie ein Fundament für ihre Klientinnen und Klienten schaffen und ihnen bei der Überwindung ihrer Lebensherausforderungen helfen. Sie selbst habe ebenfalls bereits mehrere Herausforderungen überwunden.
Zum einen wagte sie den Schritt, ihren sicheren, gut bezahlten Beruf aufzugeben. Zum anderen hat sie es geschafft, ihre Nikotinabhängigkeit zu überwinden. „Ich habe erst später für mich herausgefunden, dass die Zigarette einen psychologischen Effekt auf mich hatte, denn sie hat mir den Raum gegeben, mein Nervensystem nach einer Reizüberflutung wieder zu beruhigen“, stellt die 33-Jährige rückblickend fest. Heute versteckt sie ihre Bedürfnisse nicht mehr hinter einer Zigarette, sondern hört auf sich selbst. Sie sagt: „Wenn mein Nervensystem überfordert ist, mache ich einen Spaziergang oder gehe einfach nach Hause.“
Bereits kleine Rituale im Alltag können ihr zufolge dabei helfen, sich selbst nicht zu verlieren. „Ich starte seit einigen Jahren meinen Morgen auf dem Balkon, mit meinem Kaffee in der Hand, lasse meine Gedanken schweifen und fühle in mich hinein“, beschreibt sie ihr Tagesritual für mehr Achtsamkeit. Genau diese Erfahrungen – aus ihrer eigenen Reise und aus der Gestalttherapie, die sie selbst durchläuft – möchte sie weitergeben. „Oft glauben die Menschen, sie müssten alles selbst schaffen und haben Angst davor, Schwäche zu zeigen oder um Unterstützung zu bitten.“ Aber genau dafür sind Menschen wie sie da, denn oft braucht es nur eine kleine Unterstützung, um Großes zu bewirken.
Zurück im Praxisraum in Steindorf führt Gerstberger mit sanfter und einfühlsamer Stimme durch das Gespräch. Ziel ist es, tief liegende und schwer greifbare Gefühle an die Oberfläche zu bringen und ihnen Gestalt zu geben. Sie erzählt mit großer Freude, dass es sie besonders erfüllt, wenn ehemalige Klientinnen und Klienten berichten, wie selbstwirksam und frei von gesellschaftlichen Erwartungen sie heute ihr Leben führen. „Es ist das Schönste, zu sehen, wie ein Mensch sich ein Stück weit freier fühlt und mehr bei sich selbst ankommt. Denn oft stehen wir uns selbst ein bisschen zu sehr im Weg.“
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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