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Bild: Bernhard Weizenegger

Im vergangenen Jahr wurde die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg 100 Jahre alt. Ein Interview mit Gemeinderabbiner Dr. h. c. Henry Brandt.

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Jüdisch. Was bedeutet das? Überwiegend denkt man bei diesem Thema immer an die Vergangenheit, schreckliche Taten und Leid. Doch wie lebt es sich heute als jüdischer Mitbürger in Augsburg? Um diese Frage zu klären, zieht es mich zur Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben – Augsburg (IKG Schwaben – Augsburg). Die Gemeinderäume befinden sich direkt an einer der ältesten erhaltenen Synagoge Deutschlands in der Halderstraße 6–8. Im vergangenen Jahr feierte diese 100-jähriges Jubiläum. Als eine der wenigen Synagogen wurde diese nicht in der Reichspogromnacht 1938 dem Boden gleichgemacht. Dennoch wurde sie geschändet und entweiht.

Als ich mich an die IKG Schwaben – Augsburg mit der Bitte wende, eine jüdische Familie in ihrem Alltag zu begleiten, stoße ich auf Hindernisse. Keines der 1500 Mitglieder ist zu einem Treffen bereit. Die Frage nach dem „Warum“ kreist durch meinen Kopf. Doch der ehemalige Landesrabbiner und heutige Gemeinderabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt hilft mir zu verstehen.

Henry Brandt: Der Hintergrund der meisten Mitglieder ist schwierig. Da sie aus der ehemaligen Sowjetunion kommen haben sie gelernt „Je weniger ich sage, besonders im öffentlichen Bereich, desto sicherer bin ich“. Die Menschen waren es gewohnt, mit Gefahr zu leben; das merkt man noch heute in deren Verhalten. Allerdings möchte man sich damit nicht selbst isolieren, nein, es ist eher eine gewisse Unsicherheit, die vorherrscht.

Wie sieht der Alltag als jüdischer Mitbürger in Augsburg aus?

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Brandt: Im Großen und Ganzen lebt es sich ganz normal. Die Menschen laufen nicht den ganzen Tag herum und sagen: „Wir sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde“. Sie leben je nach ihrem Status, ihrem Beruf oder ihrer Situation wie jeder andere auch. Ich glaube, dass bei fast allen das religiöse Motiv nicht im Vordergrund steht. Ein Großteil der Gemeinde kam aus der ehemaligen Sowjetunion. Bei vielen war in ihrer Heimat Religion seit einer langen Zeit verpönt. Es gab sehr wenig Gemeinden und Synagogen. „Jude sein“ war für die meisten eine ethnische Zugehörigkeit. Und so leben sie nun hier mit dem Wunsch, sich zu integrieren. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich das Bewusstsein heraus, dass sie zur jüdischen Religion gehören. So kommt zum Alltag das Element hinzu, dass sie am Wochenende, zu Feiertagen oder den kulturellen Veranstaltungen in die Synagoge kommen und sich als Teil der Gemeinde sehen.

Würden Sie die jüdische Gemeinde als aktive Gruppe bezeichnen?

Brandt: Ich würde sie schon als sehr aktive Gemeinde bezeichnen. Was man aber nicht im rein religiösen Bereich interpretieren darf, sondern auch in gesellschaftlichen Bereichen. Die jüdische Gemeinde erfüllt verschiedene Funktionen. Wir haben viele Leute, die Hilfe bei der Integration brauchen. Auch ältere Menschen, die Probleme mit der Sprache haben, besuchen uns. Der Kontakt zu Gleichgesinnten, die ein ähnliches Schicksal hinter sich haben, ist wichtig.

Bezieht sich das rege Interesse auch auf die Jugendlichen?

Brandt: Die Jugendlichen sind meist sehr beschäftigt und besonders im Studium sehr engagiert. Sodass ich sagen würde, es könnte noch reichhaltiger werden. Die jungen Leute sind sehr gut integriert und in der deutschen Sprache fließend.

Ist es heutzutage schwer, den Glauben auszuleben?

Brandt: Eher nicht. Wer will, der kann. Wenn man von seinem Glauben überzeugt ist, dann schafft man das auch. Es gibt genügend Arbeiten, bei welchen man nicht samstags arbeiten muss – sodass man zum Beispiel den Sabbat einhalten kann.

Der Sabbat ist ein Tag der Ruhe und Besinnung. Arbeit oder körperliche Anstrengung ist verboten – das klingt sehr strikt. Würden Sie sagen, dass er das Leben einschränkt?

Brandt: Die Restriktionen stammen ursprünglich von dem Gebot, keine kreative Arbeit zu verrichten. Im Laufe der Zeit haben sich da verschiedene Interpretationen breitgemacht, die vieles regulieren. Es gibt Leute, die versuchen den Sabbat zu 100 Prozent einzuhalten, aber das ist nur theoretisch möglich. Und solche, die überhaupt nichts einhalten. Dazwischen gibt es aber alles Mögliche. An und für sich ist der Sabbat so angelegt, ein freudiger Tag zu sein um Muse für seine Familie zu haben. Er soll ein Tag der Freude, der Erholung, geistig, seelisch aber auch körperlich sein.

Wie haben Sie die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Synagoge Augsburg empfunden?

Brandt: Sie entsprachen dem, wie ich sie mir vorgestellt habe. Klotzen und nicht kleckern. Dem Anlass angemessen und auf der Bühne, die ihr zusteht.

Wie sieht die Zukunft der jüdischen Gemeinde aus?

Brandt: Wir hoffen, in absehbarer Zeit den gesamten Komplex zu sanieren. Wir planen weiter, hier zu sein. Wie sich das entwickelt – wer ist schon Prophet – aber wir sehen, dass die jüdische Gemeinde hier eine Zukunft hat. Wir sind voller Zuversicht.

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