Augsburg „Die Europameisterschaft in Augsburg ist mein Saisonhöhepunkt.“ Kajakfahrerin Melanie Pfeifer (Schwaben Augsburg) sagt es mit einem Lächeln, aber ihr Blick verrät, dass sie die Kanuslalom-Titelkämpfe (Mittwoch bis Sonntag) auf ihrer Heimstrecke viel lieber als Zwischenstopp vor den Olympischen Sommerspielen betrachtet hätte. Doch die Siegerin der vorolympischen Rennen 2011 kam in der Qualifikation des Deutschen Kanuverbandes (DKV) nur auf Platz drei und kann deshalb höchstens als Zuschauerin die Wildwasserwettbewerbe in London verfolgen. Sie will dann ihrem Freund Hannes Aigner (Augsburger Kajakverein) die Daumen drücken.
Der Kanu-Weltverband ICF lässt in London nur ein Boot pro Nation und Disziplin zu. DKV-Sportdirektor Jens Kahl hält das für die falsche Schlagrichtung. „Für mich heißen Olympische Spiele, dass sich die Besten messen.“ Aber nur 82 Slalomfahrer dürfen in der englischen Hauptstadt paddeln – viel weniger als Organisationsleiter Horst Woppowa (Kanu Schwaben) bei den Europameisterschaften begrüßen kann. Für Augsburg sind 230 Kanuten aus 28 Nationen gemeldet. Ein Teil davon macht sich in vier Bootskategorien noch Hoffnungen auf einen der Olympia-Startplätze. Nur die neue Disziplin „Canadier-Einer der Frauen“ hat es noch nicht ins olympische Programm geschafft.
Der Engländer Etienne Stott kann mit Tim Baillie im Canadier-Zweier bereits für London planen und sieht die EM auf dem Augsburger Olympiakurs von 1972 als wichtigen Test. „Was hier manchmal einfach aussieht, ist in Wahrheit schwierig zu meistern“, hat der Brite Respekt – vor dem pulsierenden Wildwasser in der Betonrinne neben dem Lech und den 18 deutschen Fahrern. Aus dem geplanten Team haben sich die früheren Weltmeister Marcus Becker/Stefan Henze (BSV Halle) verabschiedet. „Aus privaten Gründen“, betont Henze. Die Müller-Zwillinge (Magdeburg) rücken nach. Der DKV hat wie die meisten anderen Nationen sein Olympiateam mit den Kajakfahrern Jasmin Schornberg (KR Hamm), Hannes Aigner (Augsburger Kajakverein) sowie den Canadier-Spezialisten Sideris Tasiadis (Schwaben Augsburg) und David Schröder/Frank Henze (LKC Leipzig, Zweier) nominiert.
Die fünf Paddler können nach der anstrengenden Qualifikation, in der sogar Kajak-Olympiasieger Alexander Grimm scheiterte, bei der EM ohne Nervenbelastung auf die Suche nach der Ideallinie gehen. „Unsere Sportler stehen voll im Saft, wir wollen die ersten Erfolge einfahren“, kündigt Cheftrainer Michael Trummer (Zeitz) selbstbewusst an. Auch wenn in Leipzig mittlerweile eine spektakulärere Anlage entstanden ist, will Augsburg seinen Ruf als Kanu-Hochburg verteidigen. Vor der EM-Eröffnungsgala am Abend wird heute Mittag neben der Strecke an alter Stelle das neue Leistungszentrum von Oberbürgermeister Kurt Gribl eröffnet. Über sieben Millionen Euro haben Bund, Land und Stadt investiert, damit die Slalomfahrer weiterhin beste Bedingungen am Eiskanal vorfinden.
Jasmin Schornberg (Weltmeisterin 2009) ist 2005 aus Lippstadt an den Lech gezogen. „Ich freue mich sehr auf die EM, denn ich bin hier fast zu Hause“, sagt die Kajakfahrerin. Hannes Aigner (23) kennt die Strecke seit seiner Kindheit und gewann hier sein erstes Weltcuprennen. „In Augsburg können wir uns immer vor großer Öffentlichkeit präsentieren“, nimmt Cheftrainer Trummer dankbar zur Kenntnis. Die Zuschauer werden viele Olympiasieger sehen und Cheforganisator Woppowa rechnet damit, dass „80 Prozent der Medaillengewinner von London“ in Augsburg ins Boot steigen. Melanie Pfeifer kann sich nicht dazuzählen, aber der EM-Titel wäre ein beachtlicher Trostpreis.