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Fußball

16.05.2019

Wird die Champions League zur Super-Liga?

So sah es vergangenes Jahr aus: Real Madrids Gareth Bale küsst den Pokal der Champions League nach dem gewonnenen Finale gegen Liverpool.
Bild: Witters

Die Uefa plant, den Europacup ab 2024 durch eine Liga mit Auf- und Abstieg zu ersetzen. Dies würde die großen Klubs kräftigen und nationale Ligen schwächen.

In der vergangenen Woche berauschten sich Fußballbegeisterte an den aufregenden Begegnungen im Europapokal. Die Aufholjagden und torreichen Partien täuschten darüber hinweg, wie zäh sich in den Monaten zuvor Qualifikationsrunden und Gruppenphasen hingezogen haben. Dennoch plant der europäische Verband Uefa wohl eine weitere Ausweitung: Es gibt konkrete Pläne für eine dreigleisige Europaliga ab Sommer 2024.

Was plant die Uefa?

Nichts weniger als eine komplett überarbeitete Wettbewerbsstruktur. Champions und Europa League sollen zusammengeführt und ausgebaut werden. Folge: drei Ligen mit Auf- und Abstieg. Überspitzt formuliert spielt halb Europa gegeneinander: 32 Klubs in der League 1 (derzeit die Champions League), 32 Klubs in der League 2 (jetzige Europa League) und 64 Klubs in der League 3 (neu).

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Wie wirkt sich diese Veränderung in der Ligenstruktur aus?

Bisher mussten sich die Mannschaften über die nationalen Meisterschaften qualifizieren. Derzeit dürfen die vier Erstplatzierten der Bundesliga an der Champions League teilnehmen, der Fünfte und der Sechste treten in der Europa League an. Durch eine Auf- und Abstiegsregelung wird dieser Qualifikationsprozess nahezu komplett abgeschafft. 24 der 32 Champions-League-Teilnehmer sind auch in der kommenden Spielzeit gesetzt. Vier Teams steigen aus der League 2 auf, vier Teams qualifizieren sich über die nationalen Ligen.

Was bedeutet das für Topteams wie den FC Bayern, Real Madrid oder den FC Liverpool?

Bereits jetzt bestehen extreme finanzielle Unterschiede, die dem FC Bayern, Paris St. Germain oder Juventus Turin Meisterschaften am laufenden Band bescheren. Ihr Status würde sich weiter verfestigen, wie Michael Schaffrath erklärt. "Durch die Ausweitung von Wettbewerben und zusätzliche Spiele zementieren sich Machtverhältnisse", sagt der Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation an der Sportfakultät der TU München. Allgemein sieht Schaffrath die Entwicklungen im Profifußball kritisch. "Die Uefa versucht das Produkt Fußball auszuweiten, um noch mehr Fernsehgelder zu akquirieren. Sie versucht die Kuh noch weiter zu melken, obwohl sie aus marktpolitischer Sicht nicht mehr gemolken werden sollte." Markus Kurscheidt ist Lehrstuhlinhaber für Sport Governance und Eventmanagement Universität Bayreuth. Auch er sieht die Reform kritisch: "Erneut geht die Tendenz dahin, die Top-Teams zu stärken. Dabei wäre es wichtiger, einen funktionierenden Wettbewerb zu sichern."

So könnte das Ligensystem aussehen: 24 Teams hätten unabhängig vom Abschneiden in der Liga ihren Startplatz in der 1. Liga (ehemals Champions League) sicher.

Wie werden die Gruppen eingeteilt?

Die erste Liga soll nach den Plänen der Uefa aus vier Gruppen mit je acht Mannschaften bestehen. Die besten 16 Teams treffen im Achtelfinale aufeinander, die zwei schlechtesten jeder Gruppe steigen ab. Die Mindestanzahl an Spielen für jedes Team würde sich von sechs auf 14 erhöhen, die beiden Finalisten würden am Ende 21 Spiele bestreiten. Für Schaffrath eine bedenkliche Entwicklung: "Das Fernsehen treibt eine Übersättigung mit Fußball voran und entwertet das Produkt. Sogar Testspiele oder Partien aus den vierten Ligen werden übertragen." Bestätigt sieht er sich dadurch, dass neun von 18 Bundesligisten rückläufige Zuschauerzahlen in ihrem Stadion hätten. "Die Fußballisierung in Deutschland und Teilen Europas nimmt exorbitante Ausmaße an und stößt so an ihre Marktgrenzen." Etwas anders sieht der Sportökonom Kurscheidt die Sache: Dass zu viel Fußball im TV zu einer Übersättigung führen können, werde schon Beginn der TV-Übertragungen befürchtet. "Dennoch ist es immer noch wertvoller, im Stadion zu sein. Ich glaube nicht, dass es zu einem Zusammenbruch der Nachfrage kommt." Einschaltquoten und TV-Einnahmen sprudeln weiterhin. Ein Problem sei hingegen, dass es innerhalb der Fanszene eine Unzufriedenheit mit der fortschreitenden Kommerzialisierung gebe.

Was bedeutet das für den sportlichen Wettbewerb?

Kurz gesagt: Langeweile. Die Schere zwischen reichen und weniger reichen Klubs geht noch weiter auseinander, die Einnahmen für Top-Klubs steigen. Die nationalen Ligen würden entwertet. Zudem könnte der mit einem sicheren Startplatz für die Champions League ausgestattete FC Bayern in der Bundesliga mit einer Reservemannschaft antreten. Dass dem FC Bayern die Bundesliga egal ist, glaubt Kurscheidt jedoch nicht. Zu wichtig sei für die Großklubs ihre nationale Identität. "Wenn der FC Bayern sein Wohl in einer europäischen Super Liga sehen würde, hätte er die Bundesliga längst verlassen."

Wie sehen die Reaktionen aus?

Am Mittwoch gaben die 36 Profivereine der Deutschen Fußball Liga bekannt, die Reform einstimmig abzulehnen. DFL-Chef Seifert sagte dazu: "Das Reformkonzept hätte fatale und nicht akzeptable Konsequenzen, weil es mittel- bis langfristig die Existenz der nationalen Ligen gefährden würde." Sportökonom Kurscheidt wünscht sich zudem eine stärkere Rolle der Uefa. Die Reformen sind für ihn ein Ergebnis des Drucks, den die Vereinigung der europäischen Top-Klubs ECA auf den Kontinentalverband ausübt: "Es ist die Politik der Uefa, ihren großen Klubs gefallen zu wollen und zu vermeiden, dass es eine Abspaltung gibt." Dass sich die Top-Klubs vom Verband abspalten, um eine eigene Super-Liga zu eröffnen, ist eine immer wieder kehrende Drohkulisse. Anstatt sich erpressen zu lassen, sollte die Uefa selbstbewusster auftreten, so Kurscheidt.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Uefa knickt vor den Top-Klubs ein

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