Vielleicht denkt jemand aus dem Raum Sinsheim in diesen Tagen an den Dezember 2008 zurück. Die TSG Hoffenheim, damals frisch in die Bundesliga aufgestiegen, hatte eine Hinserie wie im Rausch hingelegt. Die von Ralf Rangnick trainierte Mannschaft war sensationell Herbstmeister geworden. Bei der ZDF-Gala zur „Mannschaft des Jahres“ landete die TSG sogar auf Platz zwei, hinter der deutschen Hockey-Nationalmannschaft, die bei Olympia Gold geholt hatte. Bei der Preisverleihung richtete Hoffenheim-Manager Jan Schindelmeiser Grüße an den FC Bayern aus, der in der Liga lediglich auf Platz zwei in die Winterpause eingelaufen war. „Ich weiß, dass die Bayern gerne Herbstmeister geworden wären. Wir widmen ihnen hiermit diesen Titel, denn für uns ist er nicht so wichtig.“
Das empfanden manche als gesunde Frechheit, andere als Respektlosigkeit. Philipp Lahm gehörte zur zweiten Kategorie und giftete in Richtung Schindelmeiser: „Das war unangebracht und überheblich. Aber ich kann es Herrn Schindelmeiser nachsehen. Er stand ja mehr oder weniger zum ersten Mal im Rampenlicht.“
Wenn die Hoffenheimer im Februar 2026 nach München fahren (Sonntag, 17.30 Uhr, DAZN), ist es vielleicht zum ersten Mal seit dieser Zeit wieder ein echtes Spitzenspiel, das sich beide Vereine liefern. Zwar trennen Hoffenheim und die Bayern aktuell immer noch neun Punkte – die Mannschaft der Stunde ist aber eindeutig die TSG. Hoffenheim hat im Jahr 2026 bislang alle fünf Bundesligaspiele gewonnen, stellt hinter den Bayern die beste Offensivreihe der Liga, kein Team hat aus den vergangenen zehn Spielen mehr Punkte geholt als die Mannschaft von Christian Ilzer. Sollte der TSG tatsächlich ein Sieg in München gelingen, könnten die Dortmunder bis auf drei Punkte an die Bayern heranrücken – und das in einer Saison, in der viele den Meistertitel der Münchner schon zum Osterfest erwartet hatten. Anders formuliert: Wenn es eine Mannschaft schaffen könnte, die Bundesliga nochmals spannend zu machen, dann die Hoffenheimer.
Ralf Rangnick schickte 2008 Giftpfeile nach München
Die vielleicht einzige Parallele zum damaligen Höhenflug: Das hatte sich im Vorfeld überhaupt nicht angedeutet. TSG-Trainer Christian Ilzer hatte mit dem Team in der Vorsaison gerade so den Klassenerhalt geschafft, ging aber schwer angeschlagen in die jetzige Spielzeit. Flotte Sprüche, wie sie sein Pendant Ralf Rangnick 2008 klopfte, kamen alleine schon deshalb nicht vom Österreicher. Rangnick hatte während der damaligen Hinrunde schöne Grüße nach München gesendet, wo sich Uli Hoeneß damals über die „Besserwisserei“ von Rangnick beschwert hatte: „Wenn Sie flotte Sprüche hören wollen, müssen Sie nach München fahren. Wenn Sie flotten Fußball sehen wollen, sind Sie in Hoffenheim richtig.“
Ansonsten hat sich so gut wie alles geändert. In Hoffenheim, das lange Zeit von Patron Dietmar Hopp regiert wurde, tobt seit Monaten ein Machtkampf hinter den Kulissen. Der Vereinspräsident sowie drei von ehemals vier Geschäftsführern sind mittlerweile weg. Der letzte, der für den Sport zuständige Andreas Schicker, könnte demnächst folgen. Die Opposition innerhalb des Vereins wirft ihm eine Datenpanne bei der Vergabe einer Stelle vor. Am Montag ist eine Gesellschafterversammlung angesetzt, auf der sich Schicker dazu äußern soll. Der mittlerweile 85-jährige Hopp sah sich deswegen gezwungen, in einer Mitteilung Schicker sein Vertrauen auszusprechen. „Aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen“ werde er Schicker unterstützen. Es gab Zeiten, da war das in Hoffenheim eine Jobgarantie.
Große Euphorie scheint in Hoffenheim nicht zu herrschen
Das ungewohnt stürmische Umfeld trägt gewissermaßen dazu bei, die Euphorie klein zu halten. Die Querelen scheinen auch die Zuschauer abzuhalten, ins Stadion zu kommen: Nur 19.000 kamen vergangenes Wochenende, um sich den 3:1-Sieg gegen Union anzusehen. Eine Bremse hätte auch die damalige Mannschaft brauchen können, befindet Vedad Ibisevic in einer Kolumne für den Kicker. „Uns fehlte jemand, der den Hype bremst. Alles hat sich auf uns gestürzt, weder der Verein noch die Spieler waren bereit.“
Ibisevic selbst, der damals in 17 Spielen 18 Treffer erzielte, musste zusehen, wie das Team in der Rückrunde abstürzte: Ein Kreuzbandriss im Winter-Trainingslager setzte ihn für den Rest der Spielzeit außer Gefecht, der Bosnier sollte nie wieder so zahlreich treffen. Am Ende landete die TSG auf Rang sieben. Meister wurden damals aber weder die Bayern noch Hoffenheim, sondern ein Team, das zur Winterpause noch auf Platz neun eingelaufen war: der VfL Wolfsburg. Es waren andere Zeiten.
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