Das bestimmende Thema der vergangenen Tage wird am Sonntag kein Thema sein. Wenn die deutsche Mannschaft am Sonntag zu ihrer ersten WM-Partie antritt, tut sie das in einem wohltemperierten Stadion. Die Arena in Houston verfügt aus gegebenem Anlass über die Möglichkeit, das Dach zu schließen. Wenn die Deutschen gegen Curacao auflaufen, werden sie das bei rund 22 Grad machen. In den vergangenen Tagen mussten die Spieler noch bei Temperaturen um die 35 Grad trainieren und sich dabei massiver Luftfeuchtigkeit erwehren. Bei den Trinkpausen sorgte am Spielfeldrand ein Ventilator mit kühlendem Wasserdampf für ein wenig Erfrischung.
Deniz Undav hat sich seine eigene Strategie zurechtgelegt, um nicht unter den Temperaturen zu leiden. Der Offensivspieler „geht nicht so viel raus. Ich bin oft in Räumen“. Das führt dazu, dass er ob der Hochleistungsklimaanlagen meistens langärmelige Oberteile trägt. Spätestens ab Sonntag aber wird das Wetter ohnehin keine Rolle mehr spielen. Sollte die deutsche Mannschaft erwartungsgemäß deutlich gewinnen, kann sich der Ausschlag des Thermometers nicht auf die gute Laune auswirken. Im Falle eines überraschenden Punktverlustes würde sich niemand über einen anderen Niederschlag als den der deutschen Mannschaft unterhalten.
Auch unter diesen Voraussetzungen bleibt es freilich eine Binse, wenn Undav sagt: „Ein guter Start wäre sehr wichtig.“ Aber es stimmt eben auch. Bei den vergangenen Weltmeisterschaften gingen die Auftaktpartien verloren, der Ausgang ist bekannt. Allerdings hatten es die Deutschen da auch mit Mannschaften anderen Formats zu tun bekommen. Mexiko und Japan sind mit Curacao nicht zu vergleichen.
Innenverteidiger Nico Schlotterbeck sieht die Vorteile der deutschen Mannschaft nicht nur in der übersichtlichen Qualität des Gegners begründet „Ich sehe in unserer Mannschaft sehr viele Spieler, die talentiert sind, die sich noch gar nicht den Kopf machen, wie groß eine WM ist. Dazu sehe ich viele Spieler, die an ihrem Peak sind. Und ich sehe zwei, drei, vier Spieler, die ihre letzte WM spielen. Wir haben also eine Mischung, die brutal gut ist.“ Wie brutal gut diese Mischung tatsächlich ist, wird sich nicht in einem Spiel gegen den Tabellen-82. der Fifa-Weltrangliste herausstellen. Zumindest sollte es das nicht, wenn man den selbstbewussten Aussagen der Spieler folgt.
Deniz Undav hat ein Ziel – und das ist nicht das Achtelfinale
„Wenn ich sagen würde, ich will ins Achtelfinale kommen“ wäre ich falsch hier, sagt beispielsweise Undav. Auch nach zwei miserablen Weltmeisterschaften hat sich das Selbstverständnis der deutschen Mannschaft nicht geändert. Undav freilich konnte auch nichts dafür, dass das Team zweimal in Folge in der Vorrunde ausschied. Schlotterbeck hingegen war Augenzeuge und Betroffener. Insofern ist ihm ein Vergleich zur Vergangenheit zuzutrauen: „Was wir lange nicht hatten: Wir haben deutsche Tugenden auf dem Platz. Wir haben Disziplin. Wir haben Leidenschaft. Wir haben Widerstandsfähigkeit.“
All das wird es im weiteren Turnierverlauf brauchen. Das Spiel gegen Curacao aber ist dafür angetan, sich Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben zu holen. Trainer Julian Nagelsmann wird wohl in den Genuss kommen, auf seinen kompletten Kader zurückgreifen zu können. Das hat wohl zur Folge, dass Manuel Neuer zwei Jahre nach seinem Rücktritt nun endlich sein Comeback wird feiern dürfen. Der Stürmer Undav war von der Rückholaktion „überrascht“, hat aber volles Verständnis für die Entscheidung: „Er ist einer der besten Torhüter aller Zeiten.“ Außerdem verfüge Neuer über eine „besondere Aura“. Da das so oder so ähnlich von vielen Mit- und Gegenspielern behauptet wird, wird sich wohl langsam mit dem Gedanken anzufreunden sein, dass dem auch wirklich so ist.
Deniz Undav steht morgens nicht gerne auf
Es scheint also alles angerichtet zu sein für den besten Turnierstart einer deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft seit 2014: angenehme Temperaturen, wiedergefundene Tugenden sowie ein wiedergefundener Weltklasse-Torwart. Nur ein Umstand stört Deniz Undav. Dem Anstoß um 12 Uhr mittags kann er nichts abgewinnen. „Ich bin ein Morgenmuffel“, so der 29-Jährige. Wann die Mannschaft ihre Betten verlassen muss, weiß er noch nicht – wohl aber, dass er es ungern machen wird. Da davon auszugehen ist, dass er aber nicht von Beginn an spielen wird, bleiben ihm noch einige Minuten mehr, um in Torlaune zu kommen.
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