Skandale erhöhen zwar die Aufmerksamkeit, aber sie sind Gift für eine Sportart. Wenn der Zuschauer, egal ob an der Schanze oder im Fernsehsessel, nicht weiß, ob alles mit rechten Dingen zugeht, dann wendet er sich ab. Der Skandal um die manipulierten Sprunganzüge der Norweger wirkt bis in die neue Weltcup-Saison nach, die am Freitag im norwegischen Lillehammer startet. Ausgerechnet in Norwegen wird gesprungen. Das skandinavische Team hat mit Tricksereien und Betrug für Riesen-Wirbel gesorgt. Europäische Fernsehanstalten, darunter auch die ARD und das ZDF, drohten zwischenzeitlich, aus der Berichterstattung auszusteigen. Das hätte finanziell massive Folgen für die Verbände und letztlich auch die Aktiven gehabt.
Die Norweger spielen die Unschuldslämmer
Bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft manipulierten die norwegischen Trainer und Techniker die Sprunganzüge der Athleten, die davon nichts gewusst haben sollen. Der Betrug flog auf. Ein Trainer und ein Materialtechniker erhielten langjährige Sperren. Die Springer blieben unbehelligt, was bis heute Empörung bei den anderen Nationen hervorruft. Dass Marius Lindvik, der vor dem zweitplatzierten Wellinger Weltmeister auf der Normalschanze wurde und diesen Titel auch behalten darf, sowie Johann Andre Forfang nichts von der unerlaubten Verbesserung ihrer Anzüge gewusst haben sollen, glaubt Andreas Wellinger nicht. „Ich finde es äußerst fragwürdig. Deswegen haben wir die Situation, wie sie ist“, sagte der 30-Jährige bei der Einkleidung für den Winter in Nürnberg und bemühte einen Vergleich aus der Formel 1: „Wenn das Team von Max Verstappen Frontflügel umstellt, dann dauert es genau eine Runde und er sagt: Freunde, was habt ihr gemacht?“ Die norwegischen Athleten geben dagegen die Unschuldslämmer.
Die Norweger dürfen weiter im Weltcup auf die Schanzen und werden ebenso wie die DSV-Springer in Lillehammer starten. Bundestrainer Stefan Horngacher bezeichnet die Strafen als „eher bescheiden.“ Wellinger ist nicht scharf darauf, diese Kollegen wieder zu treffen: „Ich habe sie zum Glück wenig gesehen. Aber ich will sie auch gar nicht sehen.“ Der zweifache Olympiasieger fürchtet Konsequenzen für seine Sportart. „Ich glaube, wir haben einen sehr großen Einbruch in der Glaubwürdigkeit unserer Sportart gehabt. Haben wir die Glaubwürdigkeit mit dem, wie es jetzt aufgearbeitet wurde, zurückgewonnen? Die Frage stelle ich jetzt so in den Raum“, sagte der 30-Jährige.
Weltverband FIS zog harte Konsequenzen
Der Weltverband FIS zog Konsequenzen aus dem Anzug-Skandal. Es gibt strengere Prüfungen und einen neuen Kontrolleur, der das Vertrauen der Sportler genießt. Mathias Hafele ist ein früherer Materialtechniker des Österreichischen Skiverbandes und gilt als „Anzug-Fachmann“. Auch weil die neuen Regeln den Sportlern zuletzt nicht bis ins letzte Detail klar waren, zeigte sich Wellinger angefressen: „Das, was in Trondheim passiert ist, war scheiße – scheiße für unseren Sport, scheiße für alle Athleten. Und die Konsequenzen müssen nicht nur die norwegischen Athleten tragen, sondern alle.“
Die Springer starten in eine lange Saison mit zwei Höhepunkten. Über den Jahreswechsel werden die DSV-Adler wieder einmal den Anlauf nehmen, den ersten deutschen Gesamtsieg seit Sven Hannawalds Erfolg im Jahr 2002 zu feiern. Im Februar folgt Olympia auf einer erneut umgebauten Schanze im italienischen Predazzo. Danach folgt im DSV-Team ein personeller Neuanfang im Trainerteam.
Nach sieben Jahren als Cheftrainer verkündete Horngacher bei der Einkleidung, dass für ihn am Saisonende Schluss ist. Karl Geiger bedauert diesen Entschluss. „Es ist ein harter Einschnitt, auch für uns als Team. Er hat uns viele, viele Jahre begleitet. Ich habe ihm viel zu verdanken. Es sind meine besten Jahre, die ich mit ihm gehabt habe.“
Ein Schatten liegt über der Sportart
Aktuell sind die etablierten Athleten noch nicht in Topform. „Bei Wellinger fehlt noch etwas. Auch bei Karl Geiger haben wir noch Probleme“, sagte Horngacher nach dem Sommer-Grand-Prix in Klingenthal. Einzig der Oberstdorfer Philipp Raimund konnte mit der Weltspitze mithalten und scheint in Topform. Der 25-Jährige gewann die Gesamtwertung beim Sommer-Grand-Prix. Dafür reichte ein zweiter Platz zum Abschluss hinter Ryoyu Kobayashi. „Es hat sich mega angefühlt, die deutsche Nationalhymne in Deutschland zu hören“, sagte Raimund.
Die DSV-Springer wollen sportlich wieder für Schlagzeilen sorgen. Der Anzug-Skandal liegt jedoch wie ein Schatten über der Sportart. Andreas Wellinger ist auch wegen des Verhaltens der Norweger sicher: „Ich glaube, es wird uns noch länger beschäftigen.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren