Jetzt hat man sich gerade so schön eingefahren, kennt die Taktik der Fahrer und ihre Ernährungsgewohnheiten. Und dann ist sie am Sonntag wieder vorbei. Die 112. Tour de France, das größte und spektakulärste Radrennen der Welt, hat nicht nur die Radsport-Fans in den Bann gezogen. Wenn sich knapp 200 Profis, dazu Betreuer, Funktionäre, Medien und Begleitfahrzeuge wie ein riesiger Wurm durch Frankreich schlängelt, dann ist Spektakel garantiert.
Die Tour ist ein Nationalheiligtum, dessen Faszination man sich auch dann nicht entziehen kann, wenn man kein Franzose ist. Man muss selbst nicht unbedingt das Radtrikot überstreifen und als Sonntagsradler durch die Gegend keuchen, um zu erahnen, was mit der Tour der Leiden gemeint ist. Es genügt völlig, vom Sofa aus in die Gesichter der Fahrer zu blicken, die sich über Pyrenäen- und Alpenpässe quälen. Die deutschen Fans fieberten mit Florian Lipowitz, der ein bärenstarkes Tour-Debüt gab und für die Zukunft hoffen lässt.
Zimmermann war „außerhalb der Komfortzone“
Mit einem ungläubigen Stauen war zu sehen, wie sich Georg Zimmermann nach einem fürchterlichen Sturz in den Straßengraben wieder aufrappelte. Bei rasender Fahrt klammerte sich der Radprofi am Auto fest, während der Tourarzt die blutenden Schürfwunden versorgte. Sein trockener Kommentar: „Das war außerhalb der Komfortzone.“ Das war die Untertreibung des Jahres und Bestätigung dafür, dass Radprofis zu den härtesten Sportlern überhaupt zählen. Einen Tag darauf musste Zimmermann aufgeben.
Wenn das Gelbe Trikot zum Pinkeln anhält, wird nicht attackiert
Gleichzeitig ist die Tour eine Reisereportage, die sich durch ein wunderbares Land zieht. Dort ein Schloss, hier eine Parkanlage. Richtig spannend wird ein Etappe ja erst, wenn die Profis mit Tempo 70 am Lenker ziehen und die Außreißergruppe vielleicht doch noch kurz vor dem Ziel einfangen. Dazu kommen Helfer, die ihre Chefs wie Tadej Pogacar oder Jonas Vingegaard vor dem Wind schützen. Jede Etappe schreibt ihre eigene Geschichte, so wie der Abschnitt auf den Mont Ventoux. In der TV-Übertragung war zu erkennen, dass Nils Politt mit heftigen Gesten auf andere Fahrer an der Spitze des Feldes einwirkte. Politt erklärte sein Verhalten damit, dass es eine Attacke gegeben habe, als er und Pogacar eine kurze Toilettenpause eingelegt hätten. Ihm sei beigebracht worden, dass es im Peloton ruhig bleibt, „wenn das Gelbe Trikot zum Pinkeln anhält“, erklärte Politt, einer der wichtigsten Helfer von Pogacar.
Gebe es im Leben sonst nichts anderes zu tun, man könnte komplette Nachmittage mit der Tour de France verbringen. Nächstes Jahr wieder.
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