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FC Augsburg empfängt FC St. Pauli im richtungsweisenden Bundesliga-Duell

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Vor dem Spiel in Augsburg: Wie viel ist vom Kultklub FC St. Pauli noch übrig?

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    Alexander Blessin hat den FC St. Pauli in der vergangenen Saison mit viel Mühe in der Bundesliga gehalten. Auch jetzt ist der Klassenerhalt in Gefahr.
    Alexander Blessin hat den FC St. Pauli in der vergangenen Saison mit viel Mühe in der Bundesliga gehalten. Auch jetzt ist der Klassenerhalt in Gefahr. Foto: Christian Charisius, dpa

    Alexander Blessin, 52, ist niemand, der sich von einem späten Erfolgsmoment blenden lässt. Der Trainer des FC St. Pauli spricht im Abstiegskampf lieber über Prozesse als über Parolen. Daher ordnete er das 1:1 unter der Woche gegen RB Leipzig nüchtern ein. „Wir wissen, dass wir in einer Situation sind, in der wir vor allem Dreier brauchen“, sagte Blessin, „aber der eine Punkt tut uns gut.“ Es war ein Satz, der zur Lage der Hamburger passt: Der Kiezklub steckt nach dem Klassenerhalt in der vergangenen Saison erneut mitten im Überlebenskampf. Richtungsweisender kann eine Begegnung kaum sein – als jene beim FC Augsburg (Samstag, 15.30 Uhr, Sky).

    Sportlich ist die Ausgangslage klar: St. Pauli bleibt nach dem späten Remis gegen Leipzig einen Punkt hinter Mainz auf dem Relegationsplatz. Vier Zähler fehlen auf Rang 15, den die kriselnden Bremer belegen. Immerhin: Der unter Druck erarbeitete Punkt wirkte wie ein kleiner Stimmungswechsel, nachdem es zuvor trotz guter Leistungen bitter gelaufen war. In Wolfsburg (1:2) und Dortmund (2:3) kassierte St. Pauli jeweils späte Gegentreffer und stand am Ende ohne Punkt da. Und nach einer dürftigen Vorstellung gegen den HSV stimmten gegen Leipzig wieder das Auftreten und das Resultat.

    Punktgewinn gegen RB Leipzig dient FC St. Pauli als Mutmacher

    Es war ein Mutmacher, mehr nicht. Denn das Kernproblem bleibt: St. Pauli ist in dieser Saison zu harmlos. Erst 17 Treffer gelangen dem Klub – neben dem HSV und Heidenheim der Negativwert in der Bundesliga. Das Muster ist oft das gleiche: ordentliche Anlage, viel Arbeit gegen den Ball, aber im letzten Drittel zu viele Ungenauigkeiten. Im Abschlussdrittel vermisst Blessin genaue Pässe, die richtigen Laufwege und Durchschlagskraft. Blessin, gebürtiger Stuttgarter, formulierte nach dem Leipzig-Spiel schwäbelnd: „Da waren echt viele, viele Situationen, wo zum Raufen sind. Da müssen wir halt dran üben.“ So ist das Spiel in Augsburg ein Test, wie stabil die Mannschaft mental und körperlich ist. Ob die Mannschaft den „Push“, den Blessin nach dem späten Leipziger Ausgleich erwartet, wirklich in Punkte ummünzen kann.

    Der FC St. Pauli ist in der Öffentlichkeit kein normaler Verein. Wird gern als Kultklub romantisiert: nahbar, authentisch, Kiez-Idylle. Es gibt diese Bilder noch, wenn Spieler wie Kapitän Jackson Irvine in Hamburg in der U-Bahn Richtung Trainingsgelände oder im Viertel zu sehen sind. Irvine, ein Gesicht der Mannschaft, formulierte das in der Süddeutschen Zeitung mal so: „Ich will das nicht überhöhen, aber ja, dass etwas im Fußball so gut zusammenpasst, dürfte es wohl nicht oft geben. Der Klub und ich teilen dieselben Werte.“ Und er beschrieb, wofür St. Pauli stehen will: „Du darfst hier politisch oder einfach nur ein guter Nachbar sein. Working Class, links, lässig – damit kann ich mich identifizieren.“

    Im Inneren ist das Bild längst komplizierter. Klub und Stadtteil haben sich massiv verändert. Sven Brux, Leiter der Spieltagsorganisation und Fanangelegenheiten, sagte dazu im Vereinspodcast „Don’t call it a Kultclub“ einmal: „Ein Fußballstadion ist das Spiegelbild der umgebenen Gesellschaft. In den 80er-Jahren war viel mehr working class im Stadion, Hafenarbeiter etwa. Diesen Job gibt es rein quantitativ nicht mehr.“ Und weiter: „Die Welt hat sich verändert, also verändert sich auch die Welt im Stadion.“ St. Pauli steht damit für einen Spagat: Haltung bewahren, ohne im Milliardengeschäft abgehängt zu werden.

    FC St. Pauli unterliegt wirtschaftlichen Zwängen

    Zu dieser Wahrheit gehört auch die Kommerzialisierung – und ihre Nebenwirkungen. Präsident Oke Göttlich sagt offen, sein Verein sei vielleicht der „größte Gentrifizierer des Stadtteils“. Und er formulierte den Anspruch, der daraus folgt. Man wolle dieser Verantwortung gerecht werden und der Gesellschaft etwas zurückgeben. „St. Pauli hat einen Anspruch, Dinge anders zu denken.“ Dieses Andersdenken zeigt sich in Entscheidungen abseits des Rasens: etwa der Haltung im Nachwuchsbereich, im Marketing oder in der einzigartigen Finanzierung über eine Genossenschaft. Gleichzeitig unterliegt der Klub, wie jeder Erstligist, wirtschaftlichen Zwängen. Mitarbeiter wurden in der Vergangenheit entlassen, um Geld zu sparen. Der Verbleib in der Bundesliga ist daher nicht nur sportlich, sondern auch finanziell ein Schlüssel.

    Seit Andreas Bornemann 2019 als Geschäftsleiter Sport übernahm, ist zudem sportlich eine neue Nüchternheit eingezogen: Der Kader wurde ausgedünnt, verdiente Spieler mussten gehen, ein Umbruch sollte die ewige Zweitklassigkeit beenden. Und auch in der Fanszene hat sich die Gewichtung verschoben: Werte bleiben zentral, aber der Wunsch nach sportlichem Erfolg ist gewachsen. Vor diesem Hintergrund ist das Auswärtsspiel in Augsburg von existenzieller Bedeutung.

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