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FC Augsburg: Trainer Jess Thorup spricht über Ziele, Kritik und Zukunft

Interview

FCA-Trainer Thorup: „Der Gewinner hat immer recht“

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    Jess Thorup hat den FC Augsburg zu einem der besten Rückrundenteams in der Fußball-Bundesliga geformt. Am Sonntag trifft der Klub auf Eintracht Frankfurt.
    Jess Thorup hat den FC Augsburg zu einem der besten Rückrundenteams in der Fußball-Bundesliga geformt. Am Sonntag trifft der Klub auf Eintracht Frankfurt. Foto: David Inderlied, dpa

    Herr Thorup, Sie haben in der Rückrunde Rekorde gebrochen und haben erstmals fünf Spieltage vor Saisonende rechnerisch den Klassenerhalt geschafft. Was ist in der Winterpause passiert?
    JESS THORUP: Als wir in den Urlaub gegangen sind, habe ich gedacht: Das wird ein Kampf bis zum letzten Spiel. Mit 42 Punkten fünf Spieltage vor Schluss bin ich deshalb sehr zufrieden. Manchmal muss etwas Negatives passieren, um mehr und schneller zu lernen. Nach dem 1:5 in Kiel vor der Winterpause war klar: So haben wir keine Chance auf den Klassenerhalt. Wir haben auch die Spieler einbezogen, Anpassungen vorgenommen, haben nicht mehr mit zwei Stürmern, sondern mit drei Offensivspielern gespielt. Wir wollten mehr Intensität hineinbringen, wollten höher anlaufen und wollten unseren Strafraum besser verteidigen.

    In der Rückrunde haben Sie bislang nur gegen den FC Bayern München verloren.
    THORUP: Die Mannschaft hat zur Geschlossenheit gefunden. Die Erkenntnis war: Wir sind ganz stark gegen den Ball. Natürlich möchte jeder attraktiv und offensiv spielen. Ich als Trainer muss aber die Stärken der einzelnen Spieler im Blick haben. Ist das Tikitaka oder etwas anderes? Wir hatten ein Loch im Boot, das wir stopfen mussten. Unser Fokus lag darauf, die Null zu halten. Momentan sind wir in der Defensive eine der besten Mannschaften Europas, darauf können wir stolz sein.

    Welche Rolle spielte der Torwartwechsel hin zu Dahmen, der 683 Minuten ohne Gegentor blieb?
    THORUP: Nediljko Labrovic hat in Kiel Fehler gemacht, aber das war nicht ausschlaggebend. Ich bin niemand, der nach einem Spiel den Torhüter tauscht, sondern schenke ihm für mehrere Spiele das Vertrauen. Finn hat gut trainiert und es zweimal im Pokal sehr gut gemacht. Das war mehr ein Bauchgefühl. Ich wollte ein anderes Element hereinbringen, weil wir als Team zu viele Gegentore kassiert haben. Er hat dann gut gespielt und einen Rekord aufgestellt. So läuft das manchmal im Fußball.

    Kann er deutscher Nationaltorhüter werden?
    THORUP: Ja, das ist möglich. Wenn du auf der Liste bist, ist der Weg nicht zu weit. Wenn Finn weiterhin gute Leistungen beim FCA zeigt, ist es möglich, dass er eine Chance in der Nationalmannschaft bekommt.

    Was ist für den FCA möglich? Welches Ziel verfolgen Sie in den letzten fünf Spielen?
    THORUP: Wir alle sind hoch ambitioniert und wollen das Bestmögliche erreichen. Wir können befreit auf die Jagd gehen. Mein Gefühl sagt mir, dass viel möglich ist. Wenn man öffentlich den Europapokal als Ziel ausgibt, steigt die Erwartung und wächst der Druck. Ich spreche nicht über einen bestimmten Tabellenplatz, weil wir bisher gut damit gefahren sind, uns von Spiel zu Spiel zu fokussieren.

    War das das Problem in der vergangenen Saison, als Europa ebenfalls ein Thema war? Ist die Mannschaft mit dem Druck nicht klargekommen?
    THORUP: Nein, es war eine andere Situation. Wir hatten viele Verletzte und zugleich befürchteten Nationalspieler, verletzt die EM zu verpassen. Auch Europa war ein Thema. In der Kabine und rund um den Verein war viel los. Wir haben das als Lerneffekt mitgenommen. Jetzt spricht keiner über Europa – wenngleich jeder weiß, was möglich ist. Jeder spricht über das nächste Spiel.

    Sind Sie gerüstet für das Aufeinandertreffen mit Frankfurt?
    THORUP: Beide Mannschaften haben ein Momentum. Gegen Dortmund, Leipzig, Freiburg und zuletzt Bayern haben wir gut gespielt. Das ist die nächste Möglichkeit für uns, sich gegen eine Top-Mannschaft zu beweisen.

    Trotz des anhaltenden Erfolgs ebbt die Kritik an Ihrer Spielweise nicht ab. Können Sie diese nachvollziehen?
    THORUP: Ich mache mir nicht zu viele Gedanken, was Leute über meine Arbeit denken. Ich versuche, ein Fundament aufzubauen und erfolgreich zu sein. Im Fußball geht es um Erfolg. Der Gewinner hat immer recht. Andererseits geht es um eine Entwicklung. Seit Winter haben wir uns eine defensive Stabilität erarbeitet und ja, offensiv haben wir weniger bewirkt. Aber als Trainer muss man manchmal pragmatisch denken, ehe die nächsten Schritte kommen.

    Müssen Sie gegenüber Geschäftsführer Michael Ströll und Sportdirektor Marinko Jurendic Rechenschaft ablegen?
    THORUP: In regelmäßigen Treffen blicken wir zurück, schauen dann aber vor allem auf die nächsten Spiele, das Geschehen im Verein und die Situation in der Mannschaft. Unabhängig davon spreche ich täglich mit Marinko, auch Michael ist oft dabei. Wir sind immer im engen Austausch.

    Wie ist das Feedback für Sie?
    THORUP: Alle Themen kommen auf den Tisch. Wir gehen in den Gesprächen offen, ehrlich, auch kritisch miteinander um.

    Spüren Sie uneingeschränkte Rückendeckung?
    THORUP: Um ehrlich zu sein, kümmere ich mich darum momentan nicht. Ich versuche den Fokus dort zu behalten, wo es sein muss: auf meiner Arbeit und dem nächsten Spiel.

    Ihr Vertrag läuft bis Sommer 2026. Sehen Sie sich langfristig in Augsburg?
    THORUP: Meine Familie und ich fühlen uns sehr wohl in Augsburg. Sportlich sind wir auf einem guten Weg und haben ein Fundament errichtet. Ich habe das Gefühl, wir können mit dem FCA noch viel erreichen. Ich denke nicht über das Morgen nach oder was passiert, wenn die Ergebnisse schlecht sind. Ich weiß aber auch: Im Fußball kann schnell etwas passieren – in beide Richtungen.

    Erfolg macht Sie als Trainer interessant. Was machen Sie, wenn der FC Bayern Sie als Nachfolger für Vincent Kompany möchte?
    THORUP: Wenn eine Mannschaft Erfolg hat, treten Agenten und Klubs in Kontakt. Vor allem schauen sie nach Spielern, aber auch nach Trainern. Ich habe einen Berater, der sich im Hintergrund um solche Dinge kümmert. Ich lege den Fokus auf meine tägliche Arbeit.

    Sie sprechen es an. Matsima, Claude-Maurice oder Giannoulis sind für andere Klubs interessant geworden. Befürchten Sie den nächsten Umbruch im Kader?
    THORUP: Nein, ich habe keine Befürchtungen. Gerüchte sind das Ergebnis guter Leistungen. Wir haben Spieler weiterentwickelt und Marktwerte gesteigert. Meine Hoffnung ist, dass wir das Fundament behalten, in der nächsten Saison darauf aufbauen und den nächsten Schritt machen können.

    Wie viel Mitspracherecht haben Sie bei Transfers?
    THORUP: Wir tauschen uns täglich aus. Wenn der Klub einen Spieler verkaufen möchte, kann ich wenig Einfluss nehmen. Ein Verein muss immer auch wirtschaftlich denken. Bei Neuverpflichtungen bringe ich mich natürlich ein. Aber auch hier gibt es finanzielle Grenzen.

    Wo braucht Ihre Mannschaft Verstärkung?
    THORUP: Wir sind immer unterwegs und haben eine Schatten-Mannschaft im Kopf. Ich werde aber nicht über Einzelpositionen sprechen, weil das die vorhandenen Spieler nachdenken lässt. Welche Spieler wir halten und holen wollen, darüber diskutieren wir gerade sehr viel. Immer mit Blick darauf, welche Möglichkeiten wir als Verein haben.

    Eigengewächse wie Banks, Kömür oder Koudossou bekamen zuletzt weniger Einsatzzeit. Was fehlt Ihnen noch?
    THORUP: Ich war U21-Nationaltrainer. Ich mag es, mit jungen Spielern zu arbeiten. Noakhai, Mert und Henri haben ihre Einsätze bekommen. Es gibt aber keine Geschenke. Während ihre Mitspieler teils seit zehn Jahren Profi sind, sind sie das erste Jahr dabei. Als Trainer schaust du nicht auf das Alter, sondern, wann der richtige Zeitpunkt ist, ihn einzusetzen. Mehr junge Spieler einzubinden, ist ein Ziel. Aber wir brauchen auch Ergebnisse. Wenn wir einen Nachwuchsspieler pro Saison zu den Profis holen, ist das als Klub ein Erfolg. Jetzt haben wir drei innerhalb von eineinhalb Jahren hochgezogen.

    Nach dem Klassenerhalt könnten sie jungen Spielern vermehrt eine Chance geben, oder?
    THORUP: Nach dem Klassenerhalt werden wir uns nicht zurücklehnen, wir haben noch Ziele. Ich werde versuchen, die bestmögliche Mannschaft auf den Platz zu stellen. Noakhai, Mert oder Henri konkurrieren mit anderen Spielern.

    Fredrik Jensen steht vor einem Wechsel in die USA, Arne Maier ist gesperrt. Naheliegend wäre, dass Mert Kömür gegen Frankfurt in der Startelf steht.
    THORUP: Mert ist gegen Bochum reingekommen und hat das Siegtor gemacht. Er hat das Momentum auf seiner Seite. Ob er von Anfang an spielt oder der Mannschaft mehr hilft, wenn er eingewechselt wird, werde ich entscheiden.

    Sie haben mit 1,45 Punkten pro Ligaspiel aktuell den besten Schnitt eines FCA-Trainers in der Bundesliga. Wie schwierig wird es, diesen Erfolg in der nächsten Saison zu bestätigen?
    THORUP: So denke ich nicht. Wir haben ein paar Rekorde geschafft und werden die Spielzeit in jedem Fall mit der drittbesten Punktezahl der FCA-Bundesligahistorie beenden. Jetzt liegt der Fokus auf den letzten fünf Spielen, danach werden wir evaluieren und die Möglichkeiten für die neue Saison ausloten. Noch kann keiner wissen, wo wir am Ende landen.

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