Lewis Hamilton hatte sich zurückgezogen. Wie er es im Winter oft macht. Die rennfreie Zeit nutzt der Brite zum Nachdenken. 41 Jahre ist Hamilton mittlerweile alt, er hat schon viele Winter des Innehaltens erlebt. Diesmal aber stand er vor einer besonderen Herausforderung. Nach seiner wohl enttäuschendsten Formel-1-Saison musste er die Motivation zum Weitermachen finden. Musste sich selbst überzeugen, dass die Königsklasse weiterhin sein beruflicher Standort bleiben soll. Es ist ihm gelungen.
Schon häufig hat Hamilton im Januar davon gesprochen, wie effektiv seine Aufbauarbeit über den Winter gewesen sei. Davon, dass er Körper und Geist in einen nahezu wieder perfekten Einklang gebracht habe. In einen, der die Herausforderung Formel 1 bewältigen kann. So auch wieder vor einigen Wochen, als Hamilton sagte: „Ich habe diesen Winter viel Zeit damit verbracht, mich neu aufzubauen, mich neu zu fokussieren und meinen Körper und meinen Geist wirklich in einen viel besseren Zustand zu bringen.“
Das war auch nötig. In seinem ersten Ferrari-Jahr hatte er, der 105-fache Formel-1-Rennsieger, kein einziges Mal gewonnen. Er landete nicht mal auf dem Podest. Desaströs sei das alles gewesen, Hamilton sprach von der „schlechtesten Saison“. Dabei war er vor der vergangenen Saison mit großen Hoffnungen zu Ferrari gewechselt. Hatte darüber geredet, sich einen Lebenstraum erfüllt zu haben. Seine Hoffnung: Mit der ruhmreichen Scuderia WM-Titel Nummer acht zu holen, was ihn zum alleinigen Rekordweltmeister vor Michael Schumacher krönen würde.
Hamilton hat bei Ferrari viele Dinge verändert
Von diesem Ziel war er vergangenes Jahr weit entfernt. Viel weiter, als er selbst gedacht hatte. Und viel weiter, als der chronisch ungeduldige Rennstall gehofft hatte. Ferrari wartet seit 2007 auf einen Fahrer-WM-Titel. Kimi Räikkönen gelang damals der Überraschungscoup. Seitdem haben sich viele Topfahrer an einer Wiederholung des Erfolgs versucht. Vergeblich. Sowohl Fernando Alonso als auch Sebastian Vettel sind gescheitert.
Hamilton hat den Winter nicht nur zum Nachdenken genutzt. Er hat wie immer eine Liste an Verbesserungsmöglichkeiten zusammengestellt. Sie dürfte diesmal lang gewesen sein. Und der 41-Jährige hat auch gleich Konsequenzen gezogen. Er hat seinen Renningenieur ausgetauscht. Riccardo Adami musste gehen, ihn ersetzt Carlos Santi. Neben Expertise bringt der auch ein gutes Omen mit. Er war Räikkönens Renningenieur beim Titelgewinn 2007.
Nicht nur im Umfeld hat Hamilton für Veränderungen gesorgt. Auch bei seinem neuen Rennwagen war sein Einfluss diesmal stärker als nach seinem Wechsel. „Im vergangenen Jahr waren wir noch an ein Auto gebunden, das ich letztendlich nur geerbt habe. Dieses Auto jetzt habe ich in den letzten acht, zehn Monaten am Simulator mitentwickelt, sodass es ein bisschen wie ein Teil meiner DNA ist. Deshalb fühle ich mich diesem Auto definitiv mehr verbunden“, erklärte Hamilton. Zumal es nun auch seinem Fahrstil besser entsprechen dürfte.
Die Formel-1-Fahrer müssen Energiemanagement betreiben
Die große Reglementänderung könnte ihm und Ferrari zudem helfen. Die Autos sind kürzer, schmaler und leichter. Wichtige Veränderungen betreffen die Motoren. Nur noch gut 50 Prozent der Leistung liefert ein Verbrenner, der von komplett nachhaltigem Kraftstoff befeuert wird. Für die restlichen fast 50 Prozent ist die Batterie zuständig. Für die Fahrer bedeutet das, Energiemanagement zu betreiben. Immer Vollgas, das ist Geschichte.
Daran müssen sich viele Piloten erst gewöhnen. Max Verstappen hat so seine Anpassungsschwierigkeiten. Dem Niederländer fehlt ein wenig der Reiz der alten Formel 1. Und Hamilton hatte das Haushalten mit der Energie als „komplex, so lächerlich komplex“ bezeichnet. „Ich hatte an einem Tag sieben Meetings. Es ist, als bräuchten wir einen Abschluss, um das alles komplett zu verstehen“, sagte der Rekordweltmeister.
Ferrari jedenfalls scheint bei der Entwicklung des neuen Autos gute Ansätze gefunden zu haben. Die Tests in Barcelona und Bahrain lieferten zumindest Hinweise. Weil die Scuderia innovationsfreudig war und mit verschiedenen Flügeln am Heck experimentierte. Mit Erfolg? Das wird das erste Rennen am Sonntag (5 Uhr) in Melbourne zeigen.
Hamilton jedenfalls scheint nach einer Phase des Zauderns gerüstet. „Für einen Moment hatte ich vergessen, wer ich bin“, sagte er. Als ihn die vergangene Saison besonders gequält hatte. Eine solche Herangehensweise werde man bei ihm aber „nicht noch einmal erleben. Ich weiß, was zu tun ist. Das wird eine verdammt gute Saison.“ Mit dem Traum des achten WM-Titels am Ende. Es wäre sein Meisterstück. Dann könnte er sich entspannt zurückziehen. (mit dpa)
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