Spätestens seit dem , lohnt es sich, genauer hinzusehen, wenn die Kamera das Publikum abfilmt. Das galt auch am Mittwochabend, viele Minuten, bevor sich Deutschland und Spanien einen spannenden Kampf um den Einzug ins EM-Finale lieferten. Denn auf den Rängen im Letzigrund-Stadion in Zürich saß Opa Herbert. Dieser überraschte seine Enkelin, die deutsche Torfrau Ann-Katrin Berger. Nach ihrer überragenden Leistung im EM-Viertelfinale gegen Frankreich hatte sie ihn noch mit einer emotionalen Grußbotschaft bedacht, „Opa, das war für dich“ in die TV-Kameras gerufen. Geplant war, dass der 92-Jährige im Fall eines Finaleinzugs des deutschen Teams anreist. Nun drückte er schon zum Halbfinale vor Ort die Daumen – musste jedoch mit ansehen, wie Spanien den deutschen EM-Traum mit einem 1:0-Sieg in der Verlängerung beendete.
Die Zeichen standen gut: Noch nie haben die deutschen Frauen ein Duell bei einem großen Turnier gegen die Spanierinnen verloren. Nationaltrainer Christian Wück beorderte drei Neue in die Startelf: Rechtsverteidigerin Carlotta Wamser kehrte nach abgesessener Sperre zurück, Sophia Kleinherne rückte in die Innenverteidigung. Zudem feierte Sara Däbritz im Mittelfeld ihr Startelf-Debüt bei dieser Europameisterschaft. Sie ersetzte die gesperrte Sjoeke Nüsken. Mit Erfahrung und Körperlichkeit der spanischen Ballkontrolle und Finesse entgegnen, lautete also die Devise der deutschen Nationalmannschaft. Und tatsächlich hatten die deutschen Frauen die erste Chance im Spiel: Klara Bühl schoss nach schnellem Umschalten jedoch rechts vorbei (8.).
EM-Halbfinale: Ann-Katrin Berger verhindert mehrfach den Rückstand gegen Spanien
In der Anfangsphase ließ das deutsche Team das gefürchtete Spiel der Spanierinnen, nach vier Siegen aus vier Spielen und 16:3 Toren als Top-Favoritinnen auf den Titel ins Halbfinale gestartet, nicht zur Entfaltung kommen. Im Mittelfeld standen die Deutschen kompakt, Spanien versuchte es immer wieder über die linke Angriffsseite. Darüber entwickelte sich auch die erste Chance der „Furja Roja“ – und die hatte es gleich in sich: Nach einer Flanke von Pina und einem Stockfehler von Franziska Kett landete der Ball bei Esther, die am Elfmeterpunkt aus der Drehung sofort abzog (21.). Torfrau Berger tat jedoch das, was sie bereits gegen Frankreich weltklasse tat: Sie parierte spektakulär.
Von da an erhöhten die Spanierinnen den Druck und kamen kurz vor der Pause zu gleich mehreren vielversprechenden Chancen. Pina und Esther scheiterten zunächst an der vielbeinigen deutschen Abwehr (40./41.), Spaniens Kapitänin Irene Paredes köpfte eine Ecke an den rechten Pfosten (42.) und Berger bewahrte in der Nachspielzeit der ersten Hälfte erneut gegen Esther die deutsche Nationalmannschaft vor dem Rückstand. So ging es aus deutscher Sicht etwas schmeichelhaft mit einem 0:0 in die Pause. Die spanische Dominanz zeigte sich auch in der Ballbesitzstatistik: 77 Prozent verbuchte Spanien.
Der nächste Krimi: Wieder muss Deutschland in die Verlängerung
Ohne Wechsel ging es in die zweiten 45 Minuten – und die deutschen Fans inklusive Opa Herbert mussten einen kleinen Schreckmoment überstehen. Spaniens Außenverteidigerin Ona Batlle rauschte in Berger, diese blieb kurz liegen, konnte jedoch weitermachen. Ansonsten blieb das Bild unverändert: Die Spanierinnen dominierten, die Deutschen lauerten auf Konter. Zwar bekam Deutschland zunehmend Probleme, sich aus der spanischen Umklammerung zu befreien. Doch kurz vor Schluss hatte die Nationalelf den Sieg zweimal knapp vor Augen. In der 85. Minute zirkelte Bühl einen Freistoß aus zentraler Position denkbar knapp am rechten Pfosten vorbei, Sekunden vor dem Ende fiel ein abgefälschter Schuss Bühls fast ins Tor. Cata Coll konnte gerade noch so parieren. Es ging erneut in die Verlängerung. Die geriet immer mehr zum Abnutzungskampf. Spanien versuchte, sich Chancen zu erspielen, aber die deutschen Frauen verteidigten die Angriffe weg – zur Not auf Kosten einer eigenen Verletzung, wie Kleinherne, die im letzten Moment klärte und danach nicht weitermachen konnte (95.).
In der zweiten Hälfte der Verlängerung halfen dann aber auch keine Grätschen und keine Berger-Paraden mehr: Ein Befreiungsschlag der Deutschen landete umgehend bei den Spanierinnen. Aitana ließ den Ball erst durch die eigenen Beine laufen und traf aus spitzem Winkel ins kurze Eck (113.). Torhüterin Berger sah beim Gegentor nicht gut aus. Eine Schlussoffensive und der Ausgleich gelangen der Nationalmannschaft nicht mehr. Auf Spanien warten am Sonntag um 18 Uhr in Basel die Titelverteidigerinnen aus England im EM-Finale. Opa Herbert wird dann nicht im Stadion sitzen – stolz auf seine Enkelin Ann-Katrin Berger ist er aber sicherlich trotzdem.
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