An einem Dezemberabend in Madrid sitzt Benjamin Netz plötzlich zwischen vielen fremden Menschen. Das ist in einem Fußballstadion erstmal nichts Ungewöhnliches, aber etwas hatte sich gerade verändert. Der 37-Jährige ist eigentlich in der spanischen Hauptstadt, um ein Länderspiel der deutschen Frauennationalmannschaft zu besuchen. Weil aber auch der Madrider Vorstadtclub Rayo Vallecano spielt, treibt es ihn zum Spiel in der ersten spanischen Liga der Männer. Ein Bekannter kennt ein Mitglied der Fanszene. „Dann habe ich Stunden vor dem Spiel plötzlich mit den Ultras von Rayo gechillt.“ Erlebnisse wie diese sammelt Netz, doch nicht nur das.
Der 37-Jährige ist Fußballfan, reist der deutschen Männer- und Frauennationalmannschaft zu fast jedem Spiel hinterher. Und er ist Groundhopper, das mit „Platzhüpfer“ übersetzt werden kann. Das heißt, er sammelt „Grounds“, also Fußballstadien, und schaut sich dabei auch viele unterklassige Fußballspiele an. Die Groundhopping-Szene wächst in Deutschland und weltweit. Die App „futbology“, in der Groundhopper ihre Fußballspiele eintragen und Stadien sammeln, haben im Google Play Store über 100.000 Menschen heruntergeladen. Die anstehende Weltmeisterschaft in drei verschiedenen Ländern könnte zum „Hoppen“ einladen.
Groundhopper haben unterschiedliche interessen
Doch zunächst einmal zurück zu den Basics: Was ist dieses Phänomen eigentlich? „Groundhopping ist eine typische Sammelleidenschaft. Viele Menschen sammeln Materielles, wie Briefmarken, Stadiensammeln ist eben immateriell“, sagt der Münchner Soziologe Tim Frohwein, der ein Buch über die gesellschaftliche Bedeutung der WM 2006 geschrieben hat, sich viel mit Fußballkultur beschäftigt und für die Philipp-Lahm-Stiftung arbeitet.
Groundhopper, sagt er, haben verschiedene Schwerpunkte. „Manche interessieren sich für die Stadionwurst, für andere steht die Landschaft, das Miteinander oder Kurioses im Vordergrund.“ Ein Beispiel sei das Eulenfelsen-Stadion der SG Forbach/Weisenbach in Baden-Württemberg, das in einen Felsen eingebaut ist.
Für Groundhopper Netz ist es die Atmosphäre: „Alles, was mit Fanszenen zu tun hat, finde ich sehr spannend.“ Ob er in große Arenen oder auf kleine Sportplätze geht, ist ihm dabei ziemlich egal. Er hat in der ersten, zweiten und einer Staffel der vierten Schweizer Liga alle Stadien besucht. Denn er hat sein Herz an einen viertklassigen Schweizer Fußballclub verloren.
99 neue Stadien in einem Jahr
Netz selbst kommt aus der Nähe von Bonn und ist 2014 der Liebe wegen in die Schweiz gezogen. Er findet sich an einem Montagabend im Sommer 2014 im Stadion Niedermatten im schweizerischen Wohlen wieder. Weil es in Strömen regnet, dürfen alle Zuschauerinnen und Zuschauer unter das Tribünendach. Netz hat einen schönen Abend und ist von den Menschen und der netten Geste angetan. Künftig geht er öfter, die Mannschaft, damals noch Zweitligist, steigt mehrmals ab, ist mittlerweile viertklassig, aber Netz bleibt – und ist mittlerweile Teil einer kleinen Fanszene mit ungefähr 15 Menschen.
Seit Jahren sieht er jedes Spiel des Schweizer Viertligisten und ist auch sonst viel unterwegs. Insgesamt hat er bis Ende Mai in 33 Ländern 2187 Spiele in 1287 Stadien gesehen. In den vergangenen beiden Jahren hat er jeweils 99 neue Stadien besucht. „Das fuchst mich ein bisschen, die 100 würde ich gerne noch knacken.“ Doch gerade neue Stadien zu sammeln, ist für Netz mit mehr Aufwand verbunden als früher: „Unter einer Stunde Fahrtzeit kann ich fast keine neuen Stadien mehr besuchen.“ Für den Fußballfan steht die Entspannung und die Flucht aus dem Alltag im Vordergrund: „Wenn ich am Fußballplatz stehe, ist mir alles egal, auch die Fahrt dahin ist für mich schon eine schöne Abwechslung vom Alltag.“
Viele können das Hobby Groundhopping nicht nachvollziehen
Ist Netz mal auf Reisen, sind Stadionbesuche Pflicht. „Dass du irgendwo hinfährst um fünf neue Grounds zu machen, kannst du eigentlich keinem erzählen.“ Dass er auch Fan vom DFB sei und deshalb verreist, verstünden die Menschen eher. Das zeitintensive Hobby mit seinem sonstigen Privatleben zu verbinden, sei gerade am Anfang seiner Beziehung nicht immer einfach gewesen. „Ich versuche, die Waage zu halten, mal mache ich vier Grounds in vier Tagen, aber dann habe ich auch mal wieder zwei Wochen ohne.“ Doch jetzt steht eine gemeinsame Reise an.
Netz und seine Frau sind zwei Wochen in Kanada unterwegs und haben geplant, vier Spiele zu besuchen. „Vor allem in Toronto und Umgebung“, sagt Netz. Darunter ist mit Deutschland gegen die Elfenbeinküste aber nur ein WM-Spiel. Alles andere ist unterklassiger Fußball. „Es ist eigentlich Wahnsinn, aber ich habe bisher erst ein Männer-WM-Spiel in meinem Leben gesehen. Das war 2006 in Kaiserslautern.“ Ein Highlight ist die anstehende Partie in Toronto für Netz aber nicht.
Groundhopper Netz sieht die WM 2026 kritisch
„Ich lehne die FIFA, die derzeitigen USA und die hohen Preise ab. Ich bin nicht glücklich mit dem Turnier.“ Die WM 2022 in Katar hatte er boykottiert. Warum er das mit der WM 2026, die hauptsächlich in einem umstrittenen Land stattfindet, anders handhabt? „Ich möchte mal sehen, wie das ist.“ Wichtig sei ihm, sich ein Bild von dem zu machen, was er kritisiert, er habe sich aber bewusst für Kanada und gegen die USA entschieden. „Das ist für mich die Grenze, deshalb schaue ich mir ein Spiel an, ich würde aber niemanden kritisieren, der sich die WM anschaut.“
Groundhopping, sagt auch Soziologe Frohwein, wurde ursprünglich von Fußballromantikern vorangetrieben und sei auch als eine Gegenbewegung zum durchkommerzialisierten Profibereich zu verstehen. „Da geht es ursprünglich um eine eigene Kultur, wo man die Liebe zum Fußball spürt. In den kleineren Stadien und auf Amateurplätzen geht es vermeintlich originär zu.“
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