Laut war es in Abu Dhabi. Weil überall irgendwelche Boxen wummerten. Saisonende in der Formel 1 bedeutet auch immer große Party. Vor allem natürlich beim neuen Weltmeister, der diesmal tatsächlich ein neuer war. Erstmals holte sich Lando Norris beim Saisonabschluss in Abu Dhabi den WM-Titel. Ein Feiertag für ihn und McLaren.
Kurz war die Nacht für den 26-Jährigen. Familie, Freunde und Teammitglieder hatten große Lust zu feiern. „Ich habe meine Leute glücklich gemacht. Darum geht es mir wirklich am Ende des Tages“, sagte Norris. Eben ganz der nette Weltmeister von nebenan. Bemerkenswert war, dass er sich in der Schlussphase der Saison den Angriffen von Max Verstappen widersetzen konnte. Der Niederländer hatte in seinem Red Bull mächtig aufgeholt, am Ende aber fehlten ihm zwei Punkte zur erneuten Titelverteidigung. Seine Vorfreude auf die neue Saison, die viele Veränderungen bringen wird, ist jedenfalls riesig. „Wir sind wirklich auf Erfolgskurs – positive Energie, Überzeugung, Zuversicht – und genau das ist es, was man für das nächste Jahr braucht“, sagte er.
Von Lewis Hamilton gab es dagegen ganz andere Töne. Der Rekordweltmeister erlebte eine Saison zum Vergessen. Ein Tiefschlag reihte sich an den nächsten. Dabei hatte er sich mit seinem Wechsel von Mercedes zu Ferrari einen Traum erfüllt. Alles hatte so harmonisch begonnen. Zu Jahresbeginn hatte Hamilton noch euphorisch über die anstehenden Aufgaben gesprochen. Davon, was er mit Ferrari alles plane. Davon, dass er sich nichts Schöneres vorstellen könne, als für die Scuderia zu fahren. Und jetzt?
Lewis Hamilton hatte die Lust am Rennfahren komplett verloren
Am Sonntag wirkte Hamilton wie ein gebrochener Star. Er schlurfte gesenkten Hauptes durch das Fahrerlager. Interviews sind in der Formel 1 Pflicht, wie kurz sie sind, hängt von der Tagesform des jeweiligen Fahrers ab. Bei Hamilton waren sie in der abgelaufenen Saison häufig sehr kurz. Irgendwann hatte der 40-Jährige komplett die Lust verloren. Am Rennfahren und darüber zu reden.
Am Sonntag sollte er über die schlimmste Saison seines Rennfahrerlebens sprechen. Er, der siebenmalige Titelträger, hatte keinen Grand Prix gewonnen. Er war nicht einmal auf dem Podium gestanden. Hatte also kein Rennen unter den besten Drei beendet. In den abschließenden Rennen war er sogar mehrfach in der ersten Runde der Qualifikation gescheitert und kämpfte gegen die langsamsten Autos des Feldes. Eine Demütigung für den Briten. Was also sollte er erzählen? „Niemand wird mich in diesem Winter erreichen können“, sagte er in Abu Dhabi lediglich. Er werde sein Telefon „in den Müll werfen“.
Hamilton also wird sich zurückziehen. Wird darüber nachdenken, was die Zukunft bringt. Ob er womöglich seinen Vertrag bei Ferrari vorzeitig beenden wird. „Ich denke nicht an die Zukunft. Ich denke nur an Weihnachten“, meinte er. Und setzte damit natürlich Spekulationen in Gang. Sein ehemaliger Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg sieht Hamilton „in einer Zwickmühle“. Der Ex-Weltmeister meinte bei Sky zudem: „Ich bin mir sicher, dass er gerne aufhören würde.“
Vor vier Jahren war Lewis Hamilton in einer ähnlichen Situation
Irgendwie aber würde das nicht zu Hamilton passen. Er hat das Projekt bei Ferrari gerade erst begonnen. Die neue Saison bietet mit ihren vielen Veränderungen eine neue Chance. Und am Tiefpunkt aufhören, entspricht so gar nicht Hamiltons Herangehensweise. Der Brite möchte sich noch den Traum vom achten Titel erfüllen. Damit wäre er alleiniger Rekordhalter.
Allerdings kam er in der vergangenen Saison mit dem Ferrari-Rennwagen deutlich schlechter zurecht als Teamkollege Charles Leclerc. Er fand nicht die richtige Fahrweise für seinen Dienstwagen. Aber deswegen gleich aufhören? Vor vier Jahren war Hamilton in einer ähnlichen Lage. Damals hatte er im letzten Saisonrennen den WM-Titel nach einem umstrittenen Eingriff der Rennleitung gegen Verstappen verloren. Auch damals zog sich Hamilton lange zurück. Auch damals wurde über seinen Rücktritt spekuliert. Hamilton aber kämpfte sich zurück.
Viele gehen davon aus, dass er das auch diesmal wieder tun wird. Die Aussagen, die sein Rennstall am Sonntagabend in die Welt schickte, lassen zumindest diesen Schluss zu. „Ich stehe zu meinem Team und weiß, dass wir bessere Zeiten vor uns haben“, wird der 40-Jährige zitiert. Und: „Nach den letzten Tests freue ich mich darauf, Zeit mit Familie und Freuden zu verbringen. Ich werde im Januar erholt und stärker zurückkommen.“ Das klang zumindest etwas versöhnlicher als seine ersten Worte direkt nach Rennende. Bei Hamilton allerdings schwingt immer eine gewisse Unsicherheit mit. Gerade nach einer so enttäuschenden Saison scheint vieles möglich. Sogar ein Karriereende.
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