Regen? In der Wüste? Kommt zunächst mal unerwartet. Dauerregen erst recht. Las Vegas liegt bekanntlich in einer solchen Wüste, was allerdings für die Gesamtbetrachtung dieser Stadt nicht entscheidend ist. Wer nach Nevada kommt, sucht Unterhaltung. Beim Glücksspiel oder weltbekannten Shows. Ob die Sonne scheint oder Regen fällt, spielt eine untergeordnete Rolle.
Für die Formel 1 dagegen, die seit einigen Jahren durch Las Vegas und damit auch über den berühmten Strip rast, ist das Wetter bedeutungsvoll wie ein voller Geldbeutel am Roulettetisch. Ist es warm und trocken, gestaltet sich die Fahrt weitaus angenehmer. Da es aber in den vergangenen Tagen heftig geregnet hat und dieser Niederschlag zumindest bis zum Training anhalten soll, dürfte es rutschig werden. Und damit unangenehm.
Fernando Alonso ist schon lange in der Formel 1 dabei. Der Spanier ist zweimaliger Weltmeister. Mit seinen 44 Jahren ist er zudem der erfahrenste Pilot im aktuellen Fahrerfeld. Er weiß einzuschätzen, wie sich eine feuchte Strecke in Las Vegas auswirken könnte. „Nicht spaßig. Überhaupt nicht spaßig. Die Sicht wird eine Herausforderung mit dem Flutlicht, der Grip ist eh schon niedrig. Es könnte Spaß machen beim Zuschauen, aber nicht beim Fahren“, sagte Alonso.
Das Rennen in Las Vegas findet unter Flutlicht statt
Wie es zu Las Vegas passt, wird in den Abendstunden gefahren. Mit dem Effekt, dass das Rennen nicht wie üblich am Sonntag stattfindet, sondern am Samstagabend Ortszeit Las Vegas. Wer das Rennen in Deutschland schauen möchte, muss entsprechend früh aufstehen. Am Sonntagmorgen um 5 Uhr erlischt die Startampel. Zumindest dann soll es in Las Vegas wieder trocken sein.
Die Zeitenhatz an den berühmten Hotels vorbei läutet die Schlussphase der Saison ein. Nach Las Vegas folgen die Rennen in Katar und Abu Dhabi. Noch drei Gelegenheiten, Punkte zu sammeln. Momentan führt Lando Norris die WM-Wertung an. Mit 24 Zählern vor seinem McLaren-Teamkolllegen Oscar Piastri, Max Verstappen hat bereits 49 Zähler Rückstand. Der Titelverteidiger könnte schon nach Las Vegas aus dem Titelrennen raus sein.
Norris müsste in dieser Saison nicht einmal mehr ein Rennen gewinnen, um am Ende zu triumphieren. Er wäre in jedem Fall der etwas andere Weltmeister. Der nette Typ von nebenan. „Ich möchte einfach mein Leben genießen. Das ist eine Einstellung, die vielleicht nicht unbedingt mit Killerinstinkt gleichzusetzen ist“, hatte Norris in einem Interview dem Guardian gesagt und ergänzt: „Ich glaube einfach nicht, dass man diesen haben muss, um Weltmeister zu werden.“
In der Formel 1 gab es seit 1950 34 Weltmeister. Viele von ihnen hatten und haben diesen Killerinstinkt. Die Eigenschaft, sich gegen alle Widerstände ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Nur auf sich selbst zu schauen und das Bild der Öffentlichkeit auszublenden. Max Verstappen kann das exzellent. Vor allem in seinen Anfangsjahren ist der Niederländer kompromisslos gefahren. Vom Erfolg getrieben. Und nicht bereit, eigene Schwächen zuzugeben.
Lando Norris kann auch eigene Fehler zugeben
Norris ist anders. Er hatte in der vergangenen Saison erzählt, dass er vor Rennen auch mal nervös sei. Dass er dann kaum essen oder trinken könne. Als mentale Schwäche hatte ihm das mancher ausgelegt und geschlussfolgert, dass Norris im Kopf nicht stark genug sei, um Weltmeister zu werden. Fehler, die sich Norris in der Folge leistete, schienen die These zu untermauern.
Der widersprach McLaren-Geschäftsführer Zak Brown vehement. „Lando ist eine Art Botschafter für mentale Gesundheit“, sagte er. Weil er auch Schwächen und Fehler zugeben kann, was jahrelang für ambitionierte Rennfahrer tabu war. Weil dem 26-Jährigen wichtig ist, wie ihn die Welt außerhalb des Fahrerlagers wahrnimmt. „Es ist mir wichtig, wie die Leute mich sehen“, sagte Norris zuletzt. Er war sowohl in Mexiko-Stadt als auch in São Paulo teilweise ausgepfiffen worden. „Das ist nicht gerade angenehm. Aber ich denke, dass ich das in den letzten Monaten gut gemeistert habe“, meinte er. Weil er gelernt habe, diejenigen zu ignorieren, die schlecht über ihn reden.
Lando Norris hat sich verändert. Er hat in den vergangenen Jahren viel gelernt. Er ist auf dem besten Weg zum Weltmeister. Las Vegas könnte dennoch zu einem Problem werden. Im vergangenen Jahr kamen die beiden McLaren-Rennfahrer dort nicht klar, sie holten nur die Plätze sechs und sieben. Hinzu könnte in diesem Jahr der Regen kommen. „Es wäre eine unglaublich komplizierte Strecke im Regen. Ziemlich ungemütlich“, meinte Norris. Sein Selbstvertrauen aber ist groß. Er sollte auch damit zurechtkommen.
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