Nico Hülkenberg nicht zu mögen, ist schwierig. In der Boxengasse und bei Presseterminen wirkt „Nicolas“, so sein voller Name, immer entspannt und freundlich. Starallüren sind dem 37-Jährigen fremd. Vielleicht auch weil ihn die Familie erdete, wo er als junger Bursche im elterlichen Speditionsbetrieb eine Lehre als Speditionskaufmann absolvierte und später als „Mädchen für alles“, wie der Formel-1-Pilot sich bezeichnete, aushalf. Die Zeiten sind vorbei. Mittlerweile lebt „Hulk“, so sein Spitzname, mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter Noemi-Sky in Monaco und gehört mit 239 Grand-Prix-Starts zu den erfahrenen Piloten im Feld. Allerdings hielt er bis zum Sonntag einen Rekord, den niemand haben will. Der Deutsche hatte bis dahin die meisten Grand-Prix ohne eine Podestplatzierung erreicht. Im Regen von Silverstone spülte es jedoch Hülkenberg dank seines fahrerischen Könnens, guter Strategie und auch ein wenig Glück im unterlegenen Sauber auf den dritten Platz. Die ungewollte Rekordserie war beendet.
Anschließend feierte der Pilot mit dem Schweizer Rennstall das Ende seiner 15 Jahre währenden Durstrecke. „Es ist ziemlich viel, das zu verarbeiten. Ich werde ein paar Tage brauchen“, sagte Hülkenberg. Im Teamquartier von Sauber knallten die Champagnerkorken. Zur Melodie des Partyhits „Freed from Desire“ grölten Mechaniker und Ehrengäste immer wieder „Nico is on fire“. Die Schweizer hatten selbst nicht mit dem Erfolg gerechnet. Mercedes und Aston Martin lieferten ein paar Flaschen Champagner.
„Es ist gut, dass wir jetzt zwei Wochen haben, um das zu feiern, bevor wir wieder fahren“, sagte der 37-Jährige. Komplett aus dem Nichts kam der Erfolg nicht. Vor dem Saisonstart hatten die Experten wie auch Ralf Schumacher den Schweizer Rennstall zwar noch als hoffnungslos unterlegenen Hinterbänkler einsortiert. Die Zwischenbilanz zur Halbzeit klingt jedoch vielversprechend. In den vergangenen vier Rennen hat Sauber sogar mehr Punkte gesammelt als Red Bull, ist inzwischen Sechster der Konstrukteurswertung und könnte auch Williams bald überholen. „Wir haben noch eine lange Reise bis dahin, wo wir sein müssen. Das ist ein tolles Sprungbrett“, sagte Teamchef Jonathan Wheatley mit Blick auf die Zukunft. Audi übernimmt ab der kommenden Saison die Mannschaft aus Hinwil nahe Zürich.
Jubel auch in Ingolstadt bei Audi
„Es geht nach vorn, wir machen Fortschritte, holen Punkte. Die Leute kommen mit einem Lächeln ins Werk“, sagte Mattia Binotto, der das Formel-1-Projekt der Ingolstädter leitet. Audi hatte auch auf die langjährige Expertise von Hülkenberg am Steuer gebaut. Der 37-Jährige gilt als idealer Entwicklungshelfer. Der umtriebige Willi Weber, der Michael Schumacher entdeckte und managte, brachte Hülkenberg in die Formel 1. 2010 debütierte der Mann aus Emmerich in der Formel 1 bei Williams. Trotz respektabler Ergebnisse bot ihm Teambesitzer Frank Williams keine Vertragsverlängerung an. Anschließend wechselte er achtmal den Arbeitgeber. Trotz stets zuverlässiger Leistungen schaffte er es nie zu einem der Top-Teams und war zwischendurch schon als TV-Experte tätig.
Weltmeister Verstappen freut sich mit Hülkenberg
In Silverstone freute sich Max Verstappen mit dem Kollegen. Obwohl der Niederländer mit dem fünften Platz beim Großen Preis von England weiter Boden im Titelrennen verlor und seinen fünften Weltmeistertitel wohl abschreiben kann, jubelte Verstappen mit. Auf der Auslaufrunde streckte der Red-Bull-Pilot dem Deutschen die Jubelfaust entgegen. In der Heimat des Sauber-Rennstalls jubelte der Tagesanzeiger: „Dem Deutschen gelingt das Rennen seines Lebens.“
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