Dieses Gefühl kennen die wenigsten. Da ganz oben zu sitzen, viele Meter in der Höhe. Auf einem dünnen Balken mit dicken Brettern unter den Füßen. Bereit, loszulassen. Bereit, in die Tiefe zu sausen. Und bereit, sich in die Luft zu werfen.
Der Wind weht einem um die Ohren. Die Höhe kann einem zusetzen, vor allem wenn das weite Entfernen vom sicheren Boden für Angstgefühle sorgt. Höhenangst gibt es auch unter Skispringern, so leidet etwa Philipp Raimund darunter. Hilft aber alles nichts. Jetzt ist der Moment gekommen. Im Wissen, dass viele zuschauen. Dort unten, auf den Tribünen im Auslauf der Skisprungschanze. Aber natürlich auch vor dem Fernseher.
Skispringen fasziniert die Menschen. Winter für Winter. Vor allem um den Jahreswechsel, wenn die Vierschanzentournee durch Deutschland und Österreich tourt. Wenn auf vier verschiedenen Anlagen der Gesamtsieger gesucht wird. Die Zuschauertribünen sind voll, die Einschaltquoten im Fernsehen hoch. Weil die Zuschauerinnen und Zuschauer es lieben, wenn sich ihre wagemutigen Helden von den Schanzen stürzen.
Wie fühlt sich ein perfektes Sprungsystem an?
Warum aber ist das so? Weshalb ist die Verbundenheit mit einer Sportart so eng, die die wenigsten aus ihrem Alltag wirklich kennen? Kaum einer der vielen Fans hat eigene Erfahrungen mit dem Skispringen. Weiß, wie es sich anfühlt, durch die Luft zu fliegen, in der Hoffnung, ein Windpolster zu erwischen, das einen weit nach unten treibt. Oder wie es sich anfühlt, sein Sprungsystem perfektioniert zu haben. Wie gerade der Slowene Domen Prevc, der tun kann, was er will, und doch immer wieder gewinnt. Weil er im Flow ist. Anders als ein Karl Geiger, der auf der Suche nach dieser Perfektion ist. Der Oberstdorfer hatte sie schon für sich gefunden, er war ein Siegspringer. Jetzt fehlt er bei den Olympischen Winterspielen in Italien.
Die Wettkämpfe in den Hallen, auf der Schanze, in den Loipen oder auf den Skipisten werden wieder für Begeisterung sorgen. Was teilweise kurios anmutet, weil in etlichen Sportarten kaum ein Außenstehender einschätzen kann, was die Athletinnen und Athleten hier eigentlich leisten. Weil die Selbsterfahrung in vielen Sportarten fehlt. Kein Hinderungsgrund, trotzdem mitfiebern zu können.
Fußballspielen haben viele schon ausprobiert. Ein Ball, im Idealfall zwei Tore und Gleichgesinnte – schon kann es losgehen mit dem wilden Kick. Auch im Tennis oder Handball gibt es oftmals eigene Erfahrungswerte. Skispringen aber kann nur, wer eine Schanze in der Nähe seines Wohnorts stehen hat. Noch seltener finden sich Bob- und Rodelbahnen, was das Erlernen dieser aus deutscher Sicht viele Medaillen versprechenden Sportarten deutlich erschwert. Aber eben auch die Chance für diejenigen erhöht, die sich in den Eiskanal wagen. Weil die Konkurrenz deutlich kleiner ist als etwa beim Fußball.
Die Olympischen Spiele vereinen Sportdeutschland
Langlaufen und mit einem Gewehr schießen – die jeweiligen Einzelteile mag schon der ein oder andere ausprobiert haben. In Kombination aber – also im Biathlon – ist es eine Sportart, die ihre Popularität weniger aus dem eigenen Empfinden als vielmehr aus der Faszination als Zuschauer zieht. Mitfiebern, wenn die Athletinnen und Athleten völlig außer Atem das Gewehr vom Rücken nehmen und die kleinen Zielscheiben anvisieren. Mitfiebern, ob der Ski so gut präpariert ist, dass auch in der Loipe gute Leistungen möglich sind. Und mitfiebern, ob die Leistungsfähigkeit noch für den Schlusssprint reicht. Und das aus dem eigenen Fernsehsessel heraus. Vor allem jetzt wieder, wenn sich die besten Athleten in Italien duellieren. Bei den Olympischen Winterspielen, die Sportdeutschland vereinen. In der Hoffnung auf viele Medaillen.
Christoph Breuer arbeitet am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er sagt: „In Deutschland gibt es ein gleichbleibend hohes Interesse an Olympischen Winterspielen.“ Zumeist vor dem Fernseher, weil gerade die vergangenen Spiele weit weg von Europa stattgefunden haben. Diesmal aber bietet sich die Gelegenheit, selbst vor Ort dabei zu sein. Nach Sotschi, Pyeongchang und Peking sind die Spiele zurück in Europa. In Mailand und Cortina soll der Wintersport zu seinen Wurzeln zurückkehren. Zu Sportstätten, die schon vorhanden sind. Wenngleich auch in Italien Neubauten in die Natur gepflanzt wurden – obwohl von früheren Veranstaltungen bereits Schanze und Eiskanal verfügbar waren.
Olympia habe noch einmal eine andere Relevanz als die wöchentlichen Weltcups, so Breuer. Auch weil die Medien ihren Teil dazu beitragen, dass das Interesse steigt. „Viele sind bei Olympia Fan der deutschen Mannschaft“, sagt der Sportökonom. Auch der Blick auf den Medaillenspiegel reizt. Wo platzieren sich die deutschen Athleten im internationalen Vergleich? Wer stellt die beste Nation? All das treibt die Menschen um.
Die Berichterstattung rund um Olympische Spiele nimmt noch einmal deutlich zu. Die Athleten werden in den Vordergrund gerückt. Ihre Geschichten werden ausführlich erzählt. Es fällt leichter, mit einem zu fiebern, den man vermeintlich kennt. Und sei es nur aus Fernsehen oder Zeitung. „Man bekommt dann auch als Fan einen anderen Bezug“, sagt Breuer. Zu dem Menschen, der da um Medaillen kämpft. Egal, in welcher Sportart.
Konsumkapital entsteht auch durch passiven Sport
Das regelmäßige Schauen ist die Basis. Konsumkapital ist dabei ein wichtiges Schlagwort, erläutert Breuer. Wer eine Sportart häufig schaut, baut sich ein Wissen auf. Unabhängig davon, ob man selbst schon einmal aktiv Erfahrungen gemacht hat. Verständnis, aber auch der alleinige Genuss des Schauens verstärken sich. So lassen sich auch die guten Quoten von Weltcups erklären. „Konsumkapital kann sich dadurch aufbauen, dass man eine Sportart selbst betrieben hat“, sagt Breuer, „aber auch durch passiven Sport.“
Bei Olympia wächst die mediale Aufmerksamkeit weiter. Vor allem bei Sportarten, die im Normalfall eher im Schatten stattfinden. Wer aber für Medaillen garantiert, wird beobachtet. Und unterstützt. Im Fernsehen oder direkt an der Strecke.
Wichtig für die Attraktivität einer Sportart ist der ungewisse Ausgang. Dass Dinge passieren, mit denen nicht zu rechnen ist. Wenn beim Skispringen plötzlich der Wind so dreht, dass die Favoriten am Ende nicht oben stehen. Oder dass im Biathlon der lange Führende beim letzten Schießen so viele Scheiben verfehlt, dass er noch weit zurückfällt. „Die Dramaturgie ist entscheidend“, sagt Breuer. Ebenso aber auch die Bilder, die die TV-Anstalten in die Wohnzimmer schicken.
Wer auf verschneite Berge schaut, fühlt sich auf der heimischen Couch dem Winter plötzlich viel näher. Und freut sich, dieses Naturerlebnis frei Haus geliefert zu bekommen. Vor allem, wenn in Zeiten des Klimawandels die weiße Pracht nicht zwingend Tag für Tag vor der eigenen Haustüre liegt. Wobei es auch an vielen Weltcup-Orten mehr und mehr an Schnee mangelt. Ohne künstliche Beschneiung gäbe es noch weniger Ausrichter von Wintersportwettkämpfen.
Was aber tun? Eine Vorverlegung der Spiele wäre eine Möglichkeit, um mehreren Ausrichtungsorten noch eine Chance zu geben. Also aus dem Februar in den Januar wechseln, wobei im ersten Monat des Jahres vor allem im Ski-alpin-Kalender etliche Klassiker mit einem festen Termin stehen. Eine aktuelle Studie von drei Universitäten untersuchte jedoch 93 Standorte, die das IOC als mögliche Austragungsorte für Winterspiele aussuchte. Nur 52 wären nach dieser Studie Stand jetzt unter den herrschenden Gegebenheiten verlässliche Gastgeber. Der Januar könnte helfen. Und natürlich weiterhin die Beschneiung, ohne die die Anzahl potenzieller Gastgeber bis in die 2050er Jahre auf nur noch vier Orte weltweit sinken würde. Es könnte zum Aus der Olympischen Winterspiele in der gewohnten Form führen.
Das olympiainteressierte Publikum altert
Irgendwann aber könnte auch das Interesse der Fans nachlassen. „Es ist erstaunlich, dass solche Veranstaltungen so lange so ein großes Interesse haben“, sagt Breuer. Der Sportökonom betont aber auch, dass das Publikum altere. Dass die etablierten Sportarten bei jungen Zuschauern nicht mehr so gefragt sind. Auch deshalb überlegt das IOC immer wieder, neue Sportarten ins Olympische Programm aufzunehmen. Sportarten, die jugendlicher wirken. Wie Snowboard in der Halfpipe etwa. Auch wenn dort vielen die praktische Erfahrung fehlt, ziehen die spektakulären Bilder in ihren Bann. Und sorgen dafür, dass ein jüngeres Publikum sich mit Olympischen Spielen beschäftigt. Und im Idealfall auch bei anderen Sportarten hängenbleibt.
Wie an einem normalen Weltcup-Wochenende, an dem vom frühen Morgen weg bis in den Abend die Wettkämpfe übertragen werden. Der Deutsche Ski-Verband (DSV) hat dabei Verhandlungsgeschick bewiesen. Wenn ein Sender Biathlon übertragen möchte, muss er auch Bilder vom weniger attraktiven Langlauf zeigen. Das führt zu einem vollen TV-Programm. Und dazu, dass die Quoten bei vielen Sportarten gut sind. Auch wenn kaum einer der Zuschauer jemals auf einer Schanze gesessen hat oder eine Bob-Bahn runtergerast ist. Und damit die wirklichen Herausforderungen kennt, die die Sportler bewältigen müssen.
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