Herr Aumann, Sie sind 1990 mit der deutschen Nationalmannschaft Fußball-Weltmeister geworden. Durch die Film-Doku „Ein Sommer in Italien – Die WM 1990“ sind sicher auch bei Ihnen wieder Erinnerungen hochgekommen. Wie war da Ihre Gefühlslage?
RAIMOND AUMANN: Nachdem ich ja ein Teil dieser Geschichte war, finde ich es sehr schön, dass eine solche Doku 36 Jahre später so viel Anklang findet. Dann kann man schon unglaublich stolz sein, ein Teil dieses Teams gewesen zu sein.
Sie sind damals als Torhüter hinter Bodo Ilgner nicht zum Einsatz gekommen. Aber wie haben Sie die Filmaufnahmen damals und jetzt erlebt?
AUMANN: Ich war live dabei und es ist immer wieder schön, rückblickend zu sehen, was dort vonstattengegangen ist. Wie es genau war, weiß ja jeder einzelne Spieler von uns, aber es ist schön, dass man das 36 Jahre später noch einmal so zurückblicken kann. Es war auch für uns spannend, zu sehen, was bei dem Film rauskommt. Denn es bedarf ja eines ziemlich langen Vorlaufs, das alles zusammenzuschneiden. Es ist rundum eine gelungene Geschichte geworden und es sind, wie ich gehört habe, alle sehr zufrieden. Es gibt eine sehr große und gute Resonanz auf den Film.
Der erste WM-Titel für das wiedervereinte Deutschland
In dem auch anschaulich zu sehen ist, wie begeistert die Nation auf den Titelgewinn unter Bundestrainer Franz Beckenbauer reagierte.
AUMANN: Wir haben 1990 erstmals als Gesamtdeutschland an einer Fußball-WM teilgenommen. Das war ein Erlebnis, das man damals gar nicht so wahrgenommen hat, denn man war fokussiert auf den Titel. Aber diese WM erstmals für das wiedervereinte Deutschland zu gewinnen, das war außergewöhnlich. Da ist uns bewusst geworden, was passiert ist in einem Deutschland, das gerade den Mauerfall hinter sich hatte. Das war das ganz Große nach diesem Titel.
Ist das von Bundestrainer Julian Nagelsmann nominierte Team stark genug für den Titel?
AUMANN: Ich glaube, dass wir momentan leider alles erst einmal in Schutt und Asche reden. Die deutsche Mannschaft hat sich wunderbar qualifiziert für dieses Turnier. Man redet jetzt schon wieder sehr oft nur negativ. Man sollte der deutschen Mannschaft erst einmal die Möglichkeit geben, ins Turnier zu starten. Um einen WM-Titel zu holen, braucht es natürlich auch ein Quäntchen Glück.
Teamchef Beckenbauer hat seiner WM-Mannschaft voll vertraut
Was wäre dann Ihre Empfehlung für das anstehende Turnier?
AUMANN: Die Mannschaft hat mit Julian Nagelsmann einen erstklassigen Bundestrainer und mit mit Rudi Völler einen erstklassigen Sportdirektor. Deutschland ist ja auch mit Rudi Weltmeister geworden. Er kann seine ganzen Eindrücke von damals miteinfließen lassen. Ich denke, dass das, was damals funktioniert hat, vielleicht heute in einer anderen Form funktionieren kann. Aber eines ist klar: Die Mannschaft ist immer noch das Wichtigste. Die Mannschaft muss funktionieren. Und man muss Vertrauen zueinander haben. Ich habe es damals schon gesagt, Franz Beckenbauer hat uns total vertraut und ich denke, dass Julian seiner Mannschaft auch vertraut. Daraus kann etwas entstehen.
Was wäre für sie das Minimalziel bei der WM?
AUMANN: Die Gruppenphase sollten wir überstehen, dann ist alles möglich.
Wie sehen Sie die Belastung der Mannschaft durch diese große WM mit den vielen Teilnehmern, der langen Turnierzeit und den Reisestrapazen?
AUMANN: Das ist sicherlich ein kleiner Aspekt, aber diese Bedingungen haben alle Mannschaften, nicht nur die deutsche. Ich glaube, dass man sich das im Vorfeld bei den Planungen sicher sehr gut überlegt hat und berücksichtigen wird. Heute ist die medizinische und ernährungstechnische Betreuung viel komplexer geworden als zu unserer Zeit. Deswegen wird sich die deutsche Mannschaft so professionell auf das Turnier vorbereiten, wie es sein muss.
Mit Überraschungen ist bei jeder Fußball-WM zu rechnen
Was halten sie denn von einer so großen Fußball-Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften und 104 Spielen in drei Ländern? Ist das ein zukunftsfähiges Konzept?
AUMANN: Es ist die Frage, ob man dem Fußball und seinen Fans einen Gefallen damit tut. Alles wird immer größer, immer höher, immer schneller, immer weiter. Ob das die Lösung ist, weiß ich nicht. Ich denke schon, dass die Qualität darunter leiden wird, auch bei dieser WM, denn die Spieler müssen generell immer mehr Partien absolvieren. Dazu noch eine aufgeblähte Weltmeisterschaft. Das ist sicherlich nicht gerade förderlich.
Besteht da nicht die Gefahr, dass die WM zäh wird und sich am Ende doch die Etablierten wie immer durchsetzen?
AUMANN: Naja, ich hatte auch gedacht, dass sich Italien qualifiziert. Es gibt also schon immer die ein oder andere Überraschung. Und es ist ja nicht immer schlecht, was neu ist. So finde ich auch den neuen Champions-League-Modus wesentlich spannender und attraktiver, als er in der Vergangenheit war. Da kann es auch Überraschungen geben. Grundsätzlich möchte ich nicht alles schlechtreden. Wir dürfen nicht alles aus der Vergangenheits-Brille sehen, sondern schon auch die Zukunft.
Lob für den Augsburger Torhüter Finn Dahmen
Glauben Sie, dass eine WM durch die Dauer-Präsenz in den Sozialen Medien für die Spieler nun komplizierter wird als das bei Ihnen früher der Fall war?
AUMANN: Das ist die neue Welt. Sie sich verändert und für diese Generation gehört das einfach dazu. Damit werden die Spieler groß. Ich hoffe nur, dass man sie auf diesem Weg gut begleitet, aber sie haben ja alle ihre Berater. Es gibt andererseits aber auch so viele Dinge, die heute viel besser sind als früher. Wir haben damals keine Rasenheizung gehabt, wir sind nicht im Privatflieger geflogen und haben zum Beispiel vor 15.000 Zuschauer im Olympiastadion gespielt. Die Spieler können nichts dafür, dass sich diese Marktsituation so geändert hat.
Was halten sie als ehemaliger Torhüter und gebürtiger Augsburger von Finn Dahmen, dem Keeper des FC Augsburg, der in der erweiterten Auswahl für die Nationalmannschaft war – auch wenn er dann doch nicht bei der WM dabei ist?
AUMANN: Ich halte ihn für einen sehr guten Torhüter. Er hat in den letzten Jahren sehr stabil gespielt und war sicherlich eine der großen Überraschungen bei den deutschen Torhütern.
Verfolgen sie den FCA noch?
AUMANN: Ich verfolge den FC Augsburg immer, denn Augsburg ist meine Geburtsstadt und meine Heimatstadt, auch wenn ich seit 1980 beim FC Bayern bin, was bei mir natürlich Priorität hat. Aber immer, wenn es mir möglich ist, habe ich ein Auge auf den FC Augsburg.
Zur Person
Raimond Aumann, 62, ist gebürtiger Augsburger. Vom FCA wechselte der Torhüter 1980 im Alter zum FC Bayern München. Mit dem Klub wurde er sechsmal deutscher Meister, mit Besiktas Istanbul, für den er von 1994 bis 1995 spielte, einmal türkischer Meister. 1990 war Aumann Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, die in Italien Fußball-Weltmeister wurde.
Info Die Doku „Ein Sommer in Italien – Die WM 1990“ ist im Streaming-Service WOW und bei Sky abrufbar. Darin sind auch bislang unveröffentlichte Aufnahmen des deutschen Weltmeisterteams zu sehen. Zudem läuft in der ARD Mediathek und am 14. Juni direkt nach dem deutschen WM-Spiel die vierteilige Dokuserie „Elf Helden – Ein Albtraum“ über den missglückten WM-Auftritt 1994.
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