Die Regie im Zielraum reagierte routiniert und drehte die ohrenbetäubende Musik leiser, ehe sie zu ruhiger Kaufhausberieselung wechselte. Das ist eine Art Standardprozedur, wenn mal wieder eine Fahrerin gestürzt und noch unklar ist, wie schlimm es die Betroffene erwischt hat. Erschrocken schauen dann alle auf die riesigen Bildschirme im Zielbereich, wo wiederum die Reaktionen diverser Betreuer in Zeitlupe gezeigt werden. Diesmal hatte es Lindsey Vonn erwischt. Mit Nummer 30 war der größte Star des alpinen Skirennsports spät in den WM-Super-G gestartet und ziemlich früh, ziemlich heftig mit der rechten Schulter in ein Tor gerammt. Einen Sturz konnte die US-Amerikanerin vermeiden, doch das Rennen war für sie beendet.
Fünf Jahre hat Lindsey Vonn ausgesetzt
Nun hat es sich ja mittlerweile herumgesprochen hat, dass Vonn im rechten Knie eine Teilprothese trägt, weshalb ein Schlag auf die Schulter erst einmal unproblematisch scheint. Fünf Jahre hatte die mittlerweile 40-jährige Amerikanerin nach mehreren schweren Verletzungen ausgesetzt, ehe sie in diesem Winter ein Comeback wagte. Mit überraschend großem Erfolg, nur knapp war sie im Weltcup am Podium vorbeigefahren.
Für die WM im österreichischen Saalbach-Hinterglemm haben ihr viele Experten zumindest Außenseiterchancen auf eine Medaille attestiert, nachdem die meisten anfangs eher skeptisch waren. Vor allem Markus Wasmeier hatte Vonn für ihre Rückkehr kritisiert. Unmittelbar vor der WM ruderte er zumindest ein bisschen zurück, auch wenn er einige Aussagen Vonns als „ziemliche Verarschung“ empfunden habe, wie er bei Sport1 ausführte. „Sie hat gesagt, sie bekomme ein künstliches Knie“, monierte er dort. Dabei handele es sich um eine „Gleitplatte, die keinen Eingriff auf den Knochen hat, sondern praktisch wie eine Zahnkrone darüber gesetzt wird, wenn man es laienhaft erklärt. Das ist etwas ganz anderes.“ Er selbst habe zwei künstliche Hüften und wisse, was künstlich ist. Trotzdem lobte er Vonn dafür, dass sie so schnell wieder in der Weltspitze angekommen ist und traut ihr in Saalbach-Hinterglemm auch einen Platz auf dem Treppchen zu.
Erst einmal eine Umarmung von Felix Neureuther
Zumindest im Super-G wurde es damit aber nichts. Mit schmerzender Schulter, die Skistöcke in der linken Hand, fuhr sie in den Zielbereich, winkte kurz in die Zuschauerränge und verließ den Innenraum. Ein paar Minuten später hatte sich die 82-fache Weltcupsiegerin schon wieder gefangen und wurde von ihrer Entourage von Kamerastation zu Kamerastation geschoben. Bei der ARD wartete deren Experte Felix Neureuther und nahm sie erst einmal tröstend in den Arm, bei Eurosport stand Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg hinter der Absperrung.
Doch egal, wer fragte, immer wieder musste Vonn die gleichen Antworten geben. Dass die Torstange einen Nerv getroffen habe, sie kein Gefühl mehr im Arm gehabt habe, aber auf jeden Fall zurückkehren werde. Es ist das nächste Kapitel einer Helden-Geschichte, die vom Drama lebt. Schon im Vorfeld des Rennens am Donnerstag hatte Vonn via Instagram vermeldet, dass sie sich eine Erkältung oder Grippe eingefangen habe. Doch 2187 Tage nach ihrem letzten WM-Start werde sie das nicht davon abhalten, wieder ein WM-Rennen zu fahren, „nach allem, was ich durchgemacht habe“.
Überraschendes Gold für Stephanie Venier
An besagtem Tor sei sie dann wohl „ein bisschen zu aggressiv“ gewesen, bekannte sie im Zielbereich und lachte. „Das kann passieren. Aber ich freue mich sehr für Lauren. Sie ist toll gefahren, ich bin stolz auf sie.“ Damit leitete Vonn elegant zu ihrer Teamkollegin Lauren Macuga über, die zeitgleich mit der Norwegerin Kajsa Vickhoff Lie Bronze gewann. Gold ging überraschend an die Österreicherin Stephanie Venier vor der favorisierten Italienerin Federica Brignone.
Für einen Lichtblick aus deutscher Sicht sorgte Emma Aicher, die auf Platz sechs fuhr. „Ich bin hergekommen und war so weit von den Top 10 entfernt“, erinnerte sie. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Skifahren heute und dass ich es von oben bis unten zeigen konnte.“ Nur 28 Hundertstelsekunden fehlten Aicher zu Bronze. Blanke Enttäuschung dagegen bei Kira Weidle-Winkelmann. Rang 23 und satte 1,89 Sekunden Rückstand auf die Siegerin waren nicht das, was sich die Vize-Weltmeisterin von 2021 vorgestellt hatte. Frustriert sagte die Starnbergerin: „Irgendwo muss ich mal ganz, ganz laut schreien jetzt.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren