Wenn Roger Federer in die Umkleide kommt, muss ein besonderes Match anstehen. Vor dem Viertelfinale der Eishockey-WM betrat die Schweizer Tennis-Ikone mit einem Zettel in der Hand die Kabine. „Ab jetzt geht es los“, leitete der 44-Jährige seine Ansprache ein. Danach las der 20-fache Grand-Slam-Sieger die Starting Six (Startaufstellung) für das Spiel gegen Schweden vor. Federer klatschte reihum alle Spieler ab und wünschte ihnen Glück.
Nach der Kabinenansprache feuerte der Tennis-Rentner auf der Tribüne das Team an und läutete eine Kuhglocke. Prominente Unterstützung konnten die Eidgenossen gegen ihren bisherigen Angstgegner brauchen. Zuvor hatte die Nationalmannschaft jedes der K.o.-Duelle gegen die Skandinavier, darunter auch die WM-Finals 2013 und 2018, verloren. Federer leistete ganze Arbeit als Maskottchen. Die Schweiz siegte 3:1. Die Spieler zeigten sich begeistert. „Es war mega cool, ich habe ihn sogar zweimal umarmt, um ein wenig von seiner Energie abzuholen. Es ist unglaublich für uns, er ist der Größte für uns alle, der größte Sportler und ein Riesenvorbild“, sagte Teamkapitän Roman Josi, der das 1:1 gegen die Schweden erzielt hatte, nach dem Match.
Im heißen Mai 2026 feuern die Eidgenossen mit „Hopp Schwiiz“ ihre „Nati“ an, wie die Nationalmannschaft in der Schweiz genannt wird. Die Eishockeyprofis zählen neben den Skirennfahrern zu den größten Stars im Land der Berge. Dabei hatten die Titelkämpfe in Fribourg und Zürich mit einem Riesenknall begonnen.
Alte Gräben zwischen Impf-Gegnern und Befürwortern wieder aufgerissen
Ein Skandal kurz vor dem WM-Auftakt produzierte Schlagzeilen, der auch die Schweizer interessierte, die sonst den Puck-Sport ignorieren. Trainer Patrick Fischer musste über Nacht gehen. Bei einem Mittagessen mit Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens SRF hatte der 50-Jährige ohne Not ausgeplaudert, dass er sich für Olympia 2022 in Peking nicht wie angekündigt hatte impfen lassen, sondern das Problem mit gefälschten Impfzertifikaten auf dem Schwarzmarkt „gelöst“ hatte. Die SRF-Reporter, die eine Hintergrund-Geschichte über den stets smarten Fischer geplant hatten, gingen der Fälschung nach und deckten den Strafbefehl der Luzerner Staatsanwaltschaft auf. Alte Gräben aus der Corona-Zeit zwischen Befürwortern von Pandemie-Maßnahmen und Impfgegnern wurden wieder aufgerissen.
Als im Zuge des Skandals bekannt wurde, dass der ehemalige NHL-Profi zusätzlich wegen eines Raserdelikts zu einer Strafe von 12.000 Euro verdonnert worden war, konnte der Schweizer Verband seinen Startrainer nicht halten. Trotz großer Erfolge mit dem Gewinn von drei WM-Silbermedaillen musste Fischer gehen. Team-Kapitän und Star-Verteidiger Roman Josi hatte dem Verband zuvor eine Sympathiebekundung für Fischer geschickt. Es half nicht. Jan Cadieux übernahm einen Monat vor dem WM-Start das Kommando. Cadieux formte aus einer Mischung von zahlreichen NHL-Spielern und Profis aus der heimischen National League eine bisher ungeschlagene Einheit.
Der Weltranglisten-Zweite hat noch nie den WM-Titel gewonnen
Das gewonnene Viertelfinale soll erst der Auftakt eines Turnierendspurts sein. 2018 und zuletzt zweimal in Folge (2024 und 2025) waren die Schweizer mit der Silbermedaille von Weltmeisterschaften zurückgekehrt. Der Zweite der Eishockey-Weltrangliste ist nach 56 WM-Teilnahmen überreif für den Premieren-Titel. Das deutsche Team, das bei der WM enttäuschte und das Viertelfinale verpasste, hat man längst sportlich abgehängt. In der Vorrunde hatte die Schweiz locker mit 6:1 gegen die DEB-Auswahl gewonnen.
Am Samstag (15.20 Uhr) trifft der Gastgeber im ersten Halbfinale auf Norwegen. Für viele Schweizer Fans ist das lediglich eine lästige Durchgangsstation in Richtung Endspiel. Die Norweger sind die WM-Überraschung schlechthin. Das Team vor dem überragenden Torhüter Henrik Haukeland vom DEL-Klub Straubing hatte als Vorrundenzweiter im Viertelfinale die Letten 2:0 besiegt. Das andere Halbfinale bestreiten Kanada und Finnland. Die Kanadier setzten sich in der Revanche für das verlorene Olympiafinale mit 4:0 gegen die USA durch. Finnland siegte 4:1 gegen Tschechien.
Steigt die größte Schweizer Eishockey-Party aller Zeiten?
Wer in der Schweizer Kabine am Samstag und am Sonntag (Spiel um Platz drei: 15.20 Uhr/Finale 20.20 Uhr) die Starting Six verlesen wird, ist noch geheim. Vor Federer hatte Büne Huber von Schweizer Mundart-Band „Patent Ochsner“ die Mannschaft heiß gemacht. Zu WM-Beginn hatte Bundespräsident Guy Parmelin in der Kabine vorbeigeschaut. Allen Starting-Six-Ankündigungen in der Umkleide folgten Siege. Die „Nati“ hat bisher alle acht WM-Spiele gewonnen. Wenn nun auch noch die Erfolge neun und zehn folgen, steigt in der Nacht auf Montag die wohl größte Schweizer Eishockey-Party der Geschichte.
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