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Olympia in Sotschi 2014
29.07.2020

Neue Enthüllungen: War Evi Sachenbacher-Stehle nur ein Bauernopfer?

Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle wurde 2014 in Sotschi nach Platz vier im Massenstart positiv getestet. Nun stellt sich heraus: Sie könnte ein Bauernopfer der Doping-Kontrolleure sein.
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Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle wurde 2014 in Sotschi nach Platz vier im Massenstart positiv getestet. Nun stellt sich heraus: Sie könnte ein Bauernopfer der Doping-Kontrolleure sein.
Foto: Kay Nietfeld, dpa (Archiv)

Exklusiv War Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle ein Bauernopfer, um das russische Staatsdoping zu überdecken? Ein neues Buch gibt Hinweise darauf.

Es sind nur einige wenige Sätze und doch reichten sie, um am Dienstag noch einmal alles hochzuspülen. Diese dunklen Tage während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Die Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle war dort positiv auf ein verbotenes Stimulanzmittel getestet worden. Es folgte ein Spießrutenlauf. Auszug aus dem Olympischen Dorf. Überstürzte Heimreise. Staatsanwälte, die nach Beweisen suchen. Flucht zum Schwager. Schlagzeilen in allen Medien. „Es war schrecklich“, erinnert sich Sachenbacher-Stehle, die immer auf ihrer Unschuld beharrte. Über einen verunreinigten Tee sei das Mittel in ihren Körper gelangt. „Ich habe Dopingsünder immer verurteilt und dann wirst du plötzlich selbst so an den Pranger gestellt - das ist brutal.“

Sachenbacher-Stehle zog vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas, der ihrer Argumentation folgte und die ursprünglich verhängte Sperre von zwei Jahren auf sechs Monate verkürzte. Trotzdem: Die große Karriere der zweifachen Olympiasiegerin Evi Sachenbacher-Stehle war beendet. Es war ein Abschied mit bitterem Beigeschmack.

War Evi Sachenbacher-Stehle ein Bauernopfer der Doping-Kontrolleure?

Das dürfte sich jetzt ändern, denn der Name der ehemaligen Biathletin taucht in einem neuen Buch auf. Geschrieben hat es Grigori Rodchenkov. Der 61-Jährige leitete während der Sotschi-Spiele das Moskauer Anti-Doping-Zentrum. Als Kronzeuge half er später dabei, das staatlich orchestrierte Doping in Russland aufzudecken. Seitdem lebt Rodchenkov in den USA an einem geheimen Ort. Er fürchtet um sein Leben und hat angeblich sogar sein Gesicht operativ verändern lassen. Sicher ist, dass er nun ein Buch geschrieben hat, aus dem die britische Zeitung Daily Mail erste Auszüge veröffentlichte.

Darin beschreibt Rodchenkov detailliert, wie während der Winterspiele in Sotschi systematisch dafür gesorgt wurde, dass russische Sportler ungestraft dopen konnten. Auffällige Proben wurden durch saubere ersetzt. Das System funktionierte perfekt. Das Problem sei aber gewesen, dass in der ersten Woche auch kein einziger Athlet aus anderen Nationen erwischt wurde. „Wir hatten ein modernes Doping-Kontroll-Labor, aber keine Skalps, die wir vorzeigen konnten“, schreibt Rodchenkov. Es seien zwar einige positive Proben gefunden worden, diese waren aber nur Testballons des IOC, um die Funktionsfähigkeit des Labors zu überprüfen. Es mussten also Dopingsünder her.

Foto: Valeriy Melnikov/RIA Novosti, dpa

„Erstes Opfer war die deutsche Athletin Evi Sachenbacher-Stehle, die nach einem Rennen eine geringe Menge Methylhexanamin im Urin hatte. Ihr Fall war ein Grenzfall; dieses Stimulanzmittel taucht normalerweise in hohen Konzentrationen auf. Wenn ich bereits fünf echte Verstöße angemeldet hätte, hätte ich sie möglicherweise nicht abgegeben. Aber wir brauchten Blut. Sie wurde gesperrt und die Bestrafung passte nicht wirklich zu ihrem Verbrechen.“

Diese Sätze wurden auch in Fischen im Allgäu gelesen. Dort lebt Evi Sachenbacher-Stehle mit ihrem Mann und den beiden Töchtern. Dass ausgerechnet ihr Name in dem Buch von Rodchenkov auftaucht, habe sie erst gar nicht fassen können. „Das ist schon krass, das muss der ja nicht machen. Es bringt ihm ja nichts.“ Ihre Gefühlslage sei seitdem ziemlich durcheinander geraten. „Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein soll. Aber die Erleichterung überwiegt dann doch, dass ich auch von dieser Seite in ein richtiges Licht gerückt werde“, sagte die 39-Jährige unserer Redaktion. Als sie davon erfahren habe, seien ihr erst einmal die Tränen gekommen. „Alles ist wieder hochgekommen. Ich habe zwar gelernt, damit zu leben, aber es steckt halt doch noch drin.“

Neues Buch enthüllt Praxis der russischen Kontrolleure bei Olympia in Sotschi 2014

Genugtuung oder Wut empfinde sie nicht, auch wenn sie damals wie eine Verbrecherin behandelt worden sei. „Wer sich bis jetzt nicht entschuldigt und mit dem Finger auf mich gezeigt hat, auf den kann ich gut verzichten“, sagt Sachenbacher-Stehle. Ein Stück weit kann sie das Misstrauen sogar verstehen. „Es gibt so viele Dopingsünder, die sagen, sie hätten nichts gemacht. Und keiner glaubt das eigentlich. Mir war klar, ich kann sagen was ich will. Es wird immer welche geben, die mir nicht glauben. Es wird immer ein Restzweifel bleiben.“

Jetzt hofft Sachenbacher-Stehle, dass auch diese letzten Zweifel verschwinden. Sehr viele Menschen hätten sich in den vergangenen Stunden bei ihr gemeldet. „Es hat mich sehr berührt, dass sich so viele mit mir mitfreuen und hoffen, dass ich meinen Frieden finde.“ Das sei ohnehin das einzig Positive an dem ganzen Schlamassel gewesen. „In so schweren Situationen merkt man erst, wer die wahren Freunde sind.“

Alles geschehe immer aus einem Grund, sagt die 39-Jährige. „Wenn das alle nicht passiert wäre, vielleicht hätte ich dann unseren beiden wunderbaren Mädels gar nicht. Ich bin so glücklich und froh mit den beiden, das macht so viel gut. Ich bin rundum glücklich mit dem Leben, das ich führe. Das ist viel wichtiger als alles andere.“

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29.07.2020

Na gottseidank wissen wir jetzt - der böse Russe, ganz konret Putin war's!
Wie immer halt!:)

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