Es war nun wirklich keine Liebesheirat zwischen Julian Nagelsmann und dem Deutschen Fußball-Bund. Nicht, dass man sich gleich ein Leben lang aneinander binden müsste, wie es die Kirche gerne hätte (und immer häufiger enttäuscht wird). Aber sich nicht einmal für ein Jahr einander die Treue zu versprechen, ist dann selbst für den der Realität verhafteten Trainermarkt eine arg pragmatische Lösung. Als der DFB und Nagelsmann im September 2023 bekanntgaben, zusammenzuarbeiten, war das Arbeitspapier lediglich bis zum 31. Juli 2024 datiert. Nagelsmann war als hoffnungsvoller Projektarbeiter engagiert worden. Zum Zeitpunkt seiner Vertragsunterschrift war Nagelsmann 36 Jahre alt. Ein Alter, in dem sich die meisten Spitzentrainer kaum Gedanken um die Work-Life-Balance machen, die als Nationaltrainer zweifelsfrei höher ist als bei einem Vereinstrainer. Zumal Nagelsmann als detailverliebt bis hin zur Pedanterie gilt und derlei Kleinigkeiten sich im täglichen Austausch besser abarbeiten lassen als im Zwei-Monats-Turnus, in dem sich die Nationalspieler versammeln.
Auf zehn Monate war das Arbeitsverhältnis der Vertragspartner angelegt und beide Parteien hatten gute Gründe, nicht weiter in die Zukunft zu planen. Der DFB hatte sich von Wunschlösung Hansi Flick trennen müssen, nachdem partout kein Fortschritt in den spielerischen Darbietungen zu erkennen war. Derart desillusioniert sollte der nächste Ur-Ahne des ewigen Herbergers nicht wieder mit einem langen Kontrakt ausgestattet werden, der später möglicherweise kostenintensiv wieder aufzulösen wäre. Nagelsmann wiederum sah seine Zukunft in der täglichen Arbeit mit Spitzenspielern bei einem Spitzenklub.
Sein Ego dürfte durch die Avancen des FC Bayern gestreichelt worden sein, der im Frühjahr des vergangenen Jahres nochmals um ihn buhlte. Wer aber wäre davon nicht geschmeichelt gewesen? Die deutsche Mannschaft hatte da gerade gegen Frankreich und die Niederlande gewonnen und machte sich plötzlich Hoffnungen, dass die Heim-EM ja vielleicht doch noch so ein kleines bisschen, also zumindest ansatzweise so ein wenig sommermärchig daherkommen könnte. Plötzlich war man sich beim DFB einig, dass man sich mit diesem Mann auch eine längerfristige gemeinsame Zukunft vorstellen könnte und Nagelsmann war sich nach den ersten nervösen Monaten des Kennenlernens sicher, den richtigen Partner gefunden zu haben. „Das ist eine Entscheidung des Herzens. Es ist eine große Ehre, die Nationalmannschaft trainieren und mit den besten Spielern des Landes arbeiten zu dürfen“, sagte er zur Ausdehnung des Vertrages bis 2026. Mittlerweile hat man sich sogar bis 2028 aneinander gebunden. Beim DFB ist man immer noch ganz vernarrt in Nagelsmann. „Wir lieben Julian genauso, wie er ist“, sagt Sportdirektor Rudi Völler.
Dass Julian genauso ist, wie er ist, heißt ja auch, dass er genauso nicht ist wie andere. Nagelsmann ist direkt und deutlich in seinen Ansagen. Sowohl an die Mannschaft als auch in der Öffentlichkeit. Er ist intelligent und unterhaltsam – und weiß das auch. Manchmal gefällt es ihm ein bisschen zu sehr, fein und ausdauernd zu formulieren. „Wir wollen mehr ins Machen kommen und weniger ins Reden“, sagte er nun selbst vor den Duellen am Freitag gegen Luxemburg und kommenden Montag in Nordirland. Es geht immerhin um die WM-Qualifikation und noch sieht es nicht danach aus, als würde die der deutschen Mannschaft locker gelingen. Die Beziehung zwischen der Nationalelf und den Fans ist eine Beziehung der Höhen und Tiefen – was insofern eine Verbesserung ist, als dass sie die Jahre zuvor ausschließlich von Tiefen geprägt war.
Julian Nagelsmann sucht noch nach Beständigkeit
Nagelsmann hatte anfangs Mats Hummels zur Mannschaft zurückgeholt, verzichtete aber nach zwei krachenden Niederlagen gegen die Türkei und Österreich wieder auf ihn. Stattdessen reaktivierte er Toni Kroos im Frühjahr 2024. Nach der EM berief er den zuvor aussortierten Leon Goretzka wieder in den Kader, Erfolgen in der Nations League folgten fahrige Auftritte und zuletzt sogar eine Niederlage in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei. Nagelsmann hat gezeigt, dass er eine Mannschaft formidabel auf ein Turnier vorbereiten kann. Noch aber war er nicht in der Lage, das Team auf ein so hohes Basis-Niveau zu führen, dass die Beziehung ohne echte Tiefen auskommt.
Beziehungen, die von permanenten emotionalen Ausschlägen begleitet werden, dauern meist nicht länger als jene, die auf einer festen Basis beruhen. Zwei Jahre nach Schließung der Vernunftehe ist diese Basis noch immer nicht geschaffen. Die Gefühle füreinander sind aber immer noch groß. Größer als am Anfang. Das ist nicht selbstverständlich.
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