Hier ein T-Shirt im Sale, dort die dritte Jeans in Schwarz und endlich ein neuer Wintermantel – schon der zweite in dieser Saison. Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke kauft jede Person in Deutschland pro Jahr. Das bedeutet, im Schnitt wandert jährlich mehr als ein Teil pro Woche in unsere Kleiderschränke. Das größere Problem ist jedoch: Wer viel kauft, wirft auch viel weg. Mehrere Kilogramm Textilien im Jahr sortiert jede und jeder hierzulande aus. Das meiste davon wird vernichtet oder landet auf riesigen Mülldeponien im Ausland. Recycling? Findet kaum statt.
Umstände, die Julius Lattmann und Robert Rudolph nicht mehr hinnehmen wollten. Die beiden Berliner kennen sich aus Studienzeiten in Duisburg und wollten ihr gesammeltes Wissen nachhaltig anwenden. „Wie kriegen wir es hin, den Müll nicht in der Welt zu verteilen, sondern in Deutschland zu behalten?“, fragte sich Lattmann. Als studierter Logistiker hatte er viel Einblick in die Branche und wusste über das kaum stattfindende Recycling von Alttextilien Bescheid. „Das andere ist, dass die Textil- und Kleidungsindustrie so viel CO2 produziert wie der internationale Flug- und Schiffsverkehr zusammen. Außerdem braucht man für ein neu hergestelltes T-Shirt 2700 Liter Trinkwasser“, ergänzt Rudolph.
Das Label pip & pavel aus Augsburg rettet alte Kleidung vor der Müllhalde
Um die Situation zu verbessern, wollen sie aus Textilien, die auf dem Müll gelandet wären, in der Region etwas Neues machen. Der Energie- und Wasserverbrauch sollte dabei möglichst gering sein. So kamen sie auf Upcycling. Das ist eine Form des Recyclings, bei der Abfall zu neuwertigen Produkten aufbereitet wird. „Upcycling kommt nicht nur aus der Ökorichtung, es ist auch einfach ein neuer Modetrend“, betont Rudolph. Nach Gesprächen mit Textilien-Verwertern und einigen Recherchen sind Lattmann und Rudolph schlussendlich auf die Augsburgerin Ruth Spitzer aufmerksam geworden.
Die gelernte Schneiderin hat sich nach Abschluss ihrer Ausbildung im Jahr 2016 mit dem Label pöig clothing selbstständig gemacht. Seitdem verkauft Spitzer selbst hergestellte Kleidung – komplett aus alten Textilien. „Klar, ich habe auch mal Stoffe eingekauft oder neue Reißverschlüsse, weil man doch nicht alles nehmen kann. Aber nahezu alles ist aus etwas Altem hergestellt. Das ist mir sehr wichtig, denn wir haben eben einen enormen Textilverbrauch – selbst ich, die eigentlich sehr darauf achtet.“ Zunächst noch im eigenen Laden, dann ausschließlich online gibt es Hemden, Sweater, Hosen und mehr aus recycelten Stoffen zu kaufen. Seit Spitzer Mutter geworden ist, läuft das Label aus Platz- und Zeitmangel „eigentlich nur noch nebenher“, wie die Schneiderin erklärt.
Durch ihr eigenes Kind beschäftigte sich Spitzer mehr mit nachhaltiger Kinderkleidung und stellte fest, wie unzufrieden sie mit dem Angebot auf dem Markt ist. Sie begann eigene Designs auszutüfteln – etwa zur gleichen Zeit, als die Anfrage von Lattmann und Rudolph kam. Das Ziel der beiden: „Upcycling ein wenig industrieller aufziehen.“ Für das neue, gemeinsame Projekt Upcycling-Kinderkleidung boten sie Spitzer an, alles Logistische zu übernehmen und nach Menschen zu suchen, die die Designs fair schneidern. Denn anders als bei pöig clothing sollte Spitzer nicht mehr alles selbst herstellen – auch wenn das Konzept ansonsten sehr ähnlich ist. Aus aussortierter alter Kleidung entsteht neue, nur jetzt eben für Kinder und Kleinkinder.
Kleidung upcyclen : pip & pavel fertigt einen Romper für Babys
Das erste Gespräch fand im Herbst 2021 statt, wenige Monate und viele Zoom-Meetings später stehen der Name, die Grundprozesse und das erste Design. Starten wird das Label pip & pavel zunächst mit einem Modell, einem Romper. Das ist ein Pullover und Body in einem, etwas, das Spitzer im Alltag mit Baby vermisst hat. „Ich war genervt von dem Geknubbel mit Body und Pulli, vor allem im Winter. Klar, solche Modelle gibt es schon auf dem Markt, aber ich dachte mir, bevor ich jetzt einen bestelle, mach ich ihn selbst“, erzählt die junge Mutter.
Der Romper von pip & pavel ist so konzipiert, dass er durch den Oversized-Schnitt drei Größen abdeckt und dadurch langfristig angezogen werden kann. „Er passt je nach Wachstum wahrscheinlich drei bis sechs Monate“, vermutet Spitzer. Je nachdem, welches Material das ursprüngliche Kleidungsstück hatte, gibt es den Romper mit einem dünneren Stoff für den Sommer und einem dickeren Stoff für die kalten Monate zu kaufen.
Das Besondere dabei: Der Romper wird aus alten Sweatshirts hergestellt, die die Eltern selbst einschicken. So können sie ihre Lieblingsteile an die eigenen Kinder „vererben“. Über ein Formular auf der Website des Labels können Eltern so Unikate für Babys und Kleinkinder schneidern lassen.
Start-up-Gründung während Corona: Erste Treffen nur über Zoom
Aktuell arbeitet das Dreierteam an den genauen Planungen und allem, was nötig ist, um Ende Februar an den Start gehen zu können. Zu kämpfen haben sie dabei mit der aktuellen Corona-Situation und der Entfernung zwischen Augsburg und Berlin. Beides bewirkte, dass Spitzer, Lattmann und Rudolph die ersten Monate nur über das Internet Ideen sammeln und Details besprechen konnten. „Es ist Wahnsinn, dass wir uns jetzt erst sehen und schon so viel geschafft haben. Da muss ich uns echt mal loben“, freut sich Spitzer beim ersten Treffen Mitte Januar in Augsburg.
Viel geschafft haben die drei in den letzten Monaten tatsächlich, denn das Konzept wurde mehrmals geändert. Der ursprüngliche Plan war, die Kleidung ausschließlich online, vermutlich auf Vorbestellung, zu verkaufen. Dadurch wollte das Team sicherstellen, dass sie nur das produzieren, was auch tatsächlich benötigt wird, und pip & pavel nicht zu einem weiteren Label wird, das für Unmengen an Textilmüll verantwortlich ist. Die drei waren schon im Gespräch mit lokalen Altkleidersammelstellen, um die Ware kiloweise zu kaufen und zunächst vorzusortieren.
Die Herausforderung dabei: Upcycling ist bedeutend aufwendiger, als Kleidung aus neuen Stoffen herzustellen. Anstatt die einzelnen Teile aus großen Stoffbahnen zuzuschneiden, muss das alte Stück zerschnitten und die Kleinteile einzeln zusammengesetzt werden. „Und wie erklärt man das Industrienähern?“, fragt Spitzer.
Upcycling: pip & pavel näht Kleidung von Eltern für Kinder um
Die Lösung: Änderungsschneidereien. Geschneidert werden die Kleidungsstücke von zunächst einer Einrichtung in Berlin. Aufgrund der Corona-Situation haben Änderungsschneidereien zurzeit eine schlechte Auftragslage, weshalb pip & pavel bewusst lokale Schneidereien unterstützen möchte. „Man erschafft zwar etwas komplett Neues, aber es ist auch wie eine Änderung. Es ist ein altes Stück, was in eine komplette Veränderung geht. Man nimmt den Sweater einmal komplett auseinander. Ich finde, Änderungsschneiderinnen und -schneider sind total unterschätzt“, erklärt Spitzer.
Im Gespräch mit vielen Eltern kam von diesen der Wunsch auf, aussortierte Pullis zu Kleidung für ihre Kinder umschneidern zu lassen. Deshalb hat das Team ihr Konzept dahingehend geändert und konzentriert sich zunächst auf diese Servicedienstleistung für die Eltern. „Wir freuen uns, dass jetzt eine Mutter sagen kann ,Das ist mein alter Lieblingspulli, der passt mir nicht mehr und jetzt kann ihn mein Kind anziehen‘“, erzählt Rudolph.
Die drei eint das Ziel, Kleidung herzustellen, die nachhaltig und gleichzeitig auch cool ist – zu einem leistbaren Preis. Natürlich wollen sie preislich nicht mit Fast Fashion mithalten, sondern stattdessen einen Gegenpol zur überproduzierenden Modeindustrie schaffen. Um Upcycling für mehr Menschen zugänglich zu machen, soll der Preis jedoch vergleichbar sein mit hochwertiger, fairer Neuware. Deshalb werden sie für das Umschneidern eines Pullis zum Romper 54 Euro verlangen.
Weiter Infos zu pip & pavel finden Sie auf der Website und dem Instagram-Account des Labels.
Dieses Interview stammt aus unserer Verlagsbeilage "Gute Aussichten 2022". Schlechte Nachrichten gab es in diesen verrückten pandemischen Zeiten genug. Deshalb geben wir Ihnen unseren Mutmacher an die Hand – klassisch als Zeitung oder auch digital.