Josys Start ins Leben ist kein leichter. Anfang des Jahres geht es ihrer Känguru-Mutter nicht gut. Sie wird behandelt. Zwei Tage später stirbt das Weibchen dennoch. Josy hat sich zu diesem Zeitpunkt der Außenwelt noch nicht gezeigt. Doch ihr Besitzer Christoph Kunad aus Laugna hat bereits bemerkt, dass sich da im Beutel etwas bewegt. Sie holen Josy heraus – und das 340 Gramm leichte, nackte Känguru-Baby wird zum Sorgen- und zum Flaschenkind.
Kängurus im Landkreis Dillingen: Laut Besitzer exotisch, jedoch nicht außergewöhnlich
Doch von vorn: Dass in unserer Region überhaupt Kängurus gehalten werden, sei Kunad zufolge zwar „schon etwas Exotisches“, doch grundsätzlich nichts Außergewöhnliches. In ganz Deutschland gebe es Känguru-Züchter. So hat sich der Tierfreund, der unter anderem auch Rinder, Störche, Kraniche und Hasen hält, in diesem Jahr eine Zuchtgruppe mit fünf ausgewachsenen Bennettwallabys zugelegt. Diese leben in einem Stall und „haben eine große Wiese, auf der sie herumhüpfen“, beschreibt Kunad, der auch Vorsitzender der Zusamtaler Kitzretter ist. Und ergänzt mit einem Schmunzeln: „Die sind meine Rasenmäher.“
Bei den anderen Känguru-Weibchen in Laugna klappt es gut: Die Jungen wachsen im Beutel heran und trauen sich immer häufiger heraus. Doch in Josys Fall ist es anders. Weil sie ihre Mutter so früh verliert, übernimmt Sonja Weger die Rolle der Pflegemutter. Die Tierfreundin hat nun eine Aufgabe, die sie 24 Stunden am Tag in Anspruch nimmt. Und das ein Jahr lang.
Känguru-Baby Josy zu Besuch in der Westendorfer Kita
Ein Halbes ist inzwischen geschafft – und Josy offensichtlich über dem Berg. Aus dem nackten Baby ist ein neugieriges Tierkind mit weichem, braunem Fell geworden. Gewicht: 1715 Gramm. An diesem Vormittag hüpft es über einen Teppich der Kita St. Georg in Westendorf und beschnuppert die Kinder, die im Kreis drumherum sitzen. Der Besuch ist ein Dankeschön an den Kindergarten – denn die Eltern der dort betreuten Kinder haben Kleidung und Stoff gespendet, zum Teil sogar die Ärmel und Kragen vorher zugenäht. All das, damit die Pflegemama das Kleine wie in einem echten Känguru-Beutel mit sich herumtragen kann. Und das nahezu rund um die Uhr. „Ich schlafe auf dem Rücken“, beantwortet Weger die Frage, wie das mit so einem Känguru-Baby im Bett funktioniert.
Den Kontakt zum Kindergarten hergestellt hat Sabrina Plantamura, die dort arbeitet. Sie ist die Tochter von Michaela Plantamura, Christoph Kunads Lebensgefährtin. Sie alle sind an diesem Besuchstag in der Kita mit dabei. Die Kinder sind ganz ehrfürchtig und hören gespannt zu, während Michaela Plantamura und Sonja Weger erklären, dass Kängurus eigentlich in Australien leben und wie weit sie springen können. Und wie das so funktioniert mit einem Känguru-Flaschenkind.
Alle zwei Stunden muss Weger ihr tierisches Pflegekind füttern. Und zwar mit Milch aus einem Milchpulver extra für Kängurus, eigens in Holland bestellt. Zunächst ist es nur ein kleiner Schluck aus einer Spritze, den Josy – übrigens auch „Wusel“ oder „Schnupferl“ genannt – bekommt. Inzwischen ist die Flasche und damit die Menge größer geworden, die das Kleine trinkt. Daneben frisst Josy mittlerweile schon ein bisschen etwas. Nämlich Heu, Erdbeerblätter und die Blätter eines Rosenstrauchs. „Aber nur von weiß blühenden Rosen“, sagt Weger und macht deutlich, wie heikel so ein Känguru sein kann.
Pflegemama und -kind haben eine herausfordernde Zeit hinter sich. Denn solch ein Baby-Känguru braucht stets Körperwärme und Pulsschlag. So muss Weger das Kleine ganz nah am Körper tragen. Auch Probleme hat es zwischenzeitlich gegeben, zum Beispiel mit Durchfall. Doch inzwischen ist Josy immer mehr außerhalb ihres Stoffbeutels unterwegs, hüpft quirlig durch die Gegend. Da kommt es schon vor, dass Weger gemeinsam mit ihr auf dem Boden krabbelt, wie sie mit einem Lachen erzählt. Und überhaupt: Geschafft habe sie all das bis dahin nur mit dem Rat der „Känguru-Päpstin“ Biga Kruse, die viel Erfahrung hat und auch schon im Fernsehen zu sehen war. Und mit der tatkräftigen Unterstützung von Wegers Tochter.
Josy soll als Erwachsene in die Laugnaer Känguru-Gruppe zurückkehren
Rund ein halbes Jahr lang wird Weger Josy noch hüten. Dann soll sie in Kunads Känguru-Gruppe integriert werden. Bis dato hatten das Waisenkind und die anderen lediglich Sichtkontakt. Weil Weger sich auch um die Gruppe kümmert und Josy dabei stets im Beutel trägt, erlebe sie „Momente, die gibt es nur einmal“: So zeigen sich die echten Känguru-Mamas in Laugna und die Pflegemutter gegenseitig ihre Babys; Weger wird in ihrer Aufgabe von tierischer Seite akzeptiert.
Eines ist Christoph Kunad noch wichtig: Die Tiere auf seinem Hof seien scheu, bräuchten Ruhe. Deshalb seien Besuche leider nicht möglich – auch, wenn so eine Känguru-Gruppe samt Jungen, und das mitten im Landkreis Dillingen, sicherlich viele Schaulustige locken würde.
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