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Wirecard-Skandal

21.07.2020

Arbeitete der Ex-Wirecard-Vorstand für den russischen Geheimdienst?

Jan Marsalek, 40, sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Der frühere Wirecard-Vorstand war für das Asiengeschäft verantwortlich.
Bild: Wirecard AG

Plus Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek soll sich in Russland in Obhut des Geheimdienstes befinden. Vieles spricht dafür, dass er ein Doppelleben als Manager und Agent geführt hat.

Das mütterliche Radar kreist um Kinder, selbst wenn sie das Haus längst verlassen haben. Insbesondere Söhne bleiben auch aus der Distanz unter kritischer Beobachtung. Warum sollte das bei Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek anders sein? Seine Mutter lebt in der Nähe von Wien. Dort bekam sie Besuch vom Spiegel. Reporter wollten wissen, was für ein Mensch ihr auf der Flucht befindliche Sohn sei. Die Dame breitete nun nicht den Mantel zurückhaltender Mütterlichkeit über den Sprössling aus, der nach allem, was bekannt ist, auf die krumme Bahn geraten ist. Sie sagte nicht, was andere Mütter bei solchen Anlässen kundtun, eben dass ihr Jan eigentlich ein „guada Bua“ sei, der sich im Leben leider verlaufen habe. Marsaleks Mutter nennt ihren Sohn vielmehr schlicht einen „präpotenten Zampano“, eben einen überheblichen Aufschneider.

Wirecard Mitarbeiter sollen Angst vor Ex-Vorstand Marsalek gehabt haben

Die Charakterisierung teilt mancher, der dem 40-Jährigen begegnet ist. Beim inzwischen insolventen Online-Bezahlabwickler Wirecard in Aschheim bei München sollen Mitarbeiter sogar Angst vor dem einstigen Vorstand für das operative Geschäft gehabt haben, ehe er im Zuge des Skandals um nicht existierende Umsätze von gut 1,9 Milliarden Euro geschasst wurde und seit gut vier Wochen untergetaucht ist.

Marsalek und sein ebenfalls aus Wien stammender Landsmann Markus Braun, der als Wirecard-Chef zurücktreten musste, gelten als Hauptakteure eines immer abstruseren Wirtschaftskrimis. Während sich Braun gestellt hat und dank einer Kaution von fünf Millionen Euro bei Frau und Kind in Wien weilt, ist Marsalek verschwunden und doch präsent. Denn es sind Chat-Protokolle aufgetaucht, die Gespräche von ihm mit einem Berater dokumentieren sollen.

Arbeitete der Ex-Wirecard-Vorstand für den russischen Geheimdienst?

Marsalek legt offenbar gerne falsche Fährten

Die Notizen lassen erahnen, was Marsaleks Mutter meinte, als sie ihren Sohn einen „präpotenten Zampano“ schimpfte. Dabei verschwieg die Frau, dass ihr Sprössling zumindest ein teilweise spaßiger präpotenter Zampano ist, dem der Schmäh seiner Heimatstadt auch auf der Flucht nicht abhandenkommt. So fragte der Berater den nur spärlich behaarten Marsalek, ob er eine Perücke trage. Seine Antwort lautete: „Toupet und Schnauzbart.“ Dabei setzte er eins drauf und blödelte, seine sonst so markant-fülligen dunklen Augenbrauen seien etwas weniger geworden: „Die zupfe ich immer.“

Der Mann macht gerne Witzchen, manche gehen daneben. In den Chat-Protokollen damit konfrontiert, er unterhalte auf dem Gelände des russischen Konsulats in München ein geheimes Büro, in dem Wirecard-Unterlagen lagerten, kalauerte er geschmacklos: „Würde mir gefallen. Wobei ich mir dann eher ein Büro im israelischen Kindergarten eingerichtet hätte.“ Die Anspielung auf Russland scheint derzeit jedenfalls auf die richtige Marsalek-Spur zu führen. Denn zunächst schien es so, als ob er sich auf den Philippinen, einem internationalen Hotspot für krumme Geschäfte, eingenistet habe. Doch der frühere Wirecard-Mann, den die Welt der Geheimdienste fasziniert und der ein James-Bond-Fan ist, legt offensichtlich gerne falsche Fährten.

Wirecard-Manager soll über Weißrussland nach Russland geflüchtet sein

Gerüchten zufolge besitzt er vier Pässe und findet trotz Corona-Auflagen Wege nach wie vor durch die Welt zu jetten. Nach letzten Informationen ist Marsalek zunächst nach Weißrussland und dann weiter nach Russland gereist. Im Pass des Österreichers steht übrigens, er sei 1,80 Meter groß. Komisch nur, dass er bei seinen seltenen Auftritten als einstiger Wirecard-Vorstand ein Stück kleiner wirkte. Was seine Mutter zu dem Umstand sagen würde, kann man sich denken.

Ihr Urteil haben sicher auch Berichte über ausschweifende Partys ihres Sohnes beeinflusst. Es geht um angebliche Sausen im französischen Saint-Tropez mit Cognac-Flaschen für je 2500 Euro oder einem Fest, bei dem kalte Sushi-Fischhäppchen auf dem nackten Körper einer Frau kredenzt wurden. Was aber ein echter Wiener ist, zu dem steht sein bester Freund, der Schmäh, auch in harten Zeiten, in denen Verhaftung und Prozess drohen.

Wiederum in einer publik gewordenen Smartphone-Unterhaltung witzelte Marsalek über die verschwundenen und wahrscheinlich nie existierenden horrenden Wirecard-Umsätze in Asien: „Damit komme ich ganz relaxed nach München zurück. Mit 1,9 Milliarden Euro kann ich mir den Starnberger See jetzt leisten.“ Das oberbayerische Paradies scheint indes in weiter Ferne für den Mann zu liegen, der einst kurz vor dem Abitur seine Schullaufbahn hingeschmissen und etwa 20 Jahre für Wirecard ein Riesenrad gedreht hat.

Marsalek war wohl eine Art Agent

Denn sollten die Informationen über sein russisches Exil in der Nähe von Moskau zutreffen, steht er dort erst einmal unter Aufsicht des Geheimdienstes GRU. Dass sich die Agenten wohl innig um ihn kümmern, könnte einen simplen Grund haben: Marsalek wird nämlich nicht nur nachgesagt, in seiner Wirecard-Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag für sich zur Seite geschafft zu haben, sondern er soll auch einem für Dax-Vorstände ungewöhnlichen Nebenjob nachgegangen sein.

Demnach war der schlanke Anzugträger mit der Vorliebe für große Uhren selbst eine Art Agent. Auf alle Fälle verdichten sich Hinweise, er sei mit russischen Spionen bekannt gewesen. Es ist die Rede davon, Wirecard habe spezielle Kreditkarten für Agenten aufgelegt. Die daraus gewonnenen Daten wiederum seien Geheimdiensten zur Verfügung gestellt worden. Und es wird versichert, Marsalek habe präpotent geprahlt, die Formel des russischen Nervengifts Nowitschok zu kennen, mit dem der russische Spion und Überläufer Sergei Skripal und dessen Tochter vergiftet wurden.

Damit nicht genug, soll sich der Manager Gedanken gemacht haben, wie eine Grenze Libyens mit einer Söldnertruppe, womöglich unter russischer Regie, besser gegen Migranten geschützt werden könne. Und ihm wird auch nachgesagt, den Kauf von Spionagesoftware angebahnt zu haben. Stimmt nur ein Teil dessen, lässt sich der Skandal in Abwandlung des James-Bond-Films „Ein Quantum Trost“ als „Ein Quantum Irrsinn“ betiteln. Ein Dax-Konzern mit einem Geheimagenten im Vorstand, der womöglich Liebesgrüße nach Moskau gezwitschert hat, das könnte unangenehm für die Bundesregierung werden, deren Vertreter nicht erst seit einigen Wochen Hinweise über das dubiose Auftreten von Wirecard bekommen haben.

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