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Interview

18.05.2019

Baywa-Chef Lutz verteidigt Einsatz von Glyphosat

Klaus Josef Lutz ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Baywa AG.
Bild: Klaus Haag

Exklusiv Der Manager Klaus Josef Lutz hält es für falsch, chemische Pflanzenschutzmittel und mineralischen Dünger grundsätzlich zu verteufeln.

Klaus Josef Lutz sitzt in seinem Büro im 20-stöckigen Baywa-Tower in München. Der Manager ist von einer Reise aus den USA zurückgekehrt. Es ging um Geschäfte mit erneuerbaren Energien. Da sei richtig Musik drin, sagt der Baywa-Chef, lächelt und schaut auf die Skyline seiner Münchner Heimatstadt. Seit 2008 hat der 61-Jährige aus dem genossenschaftlich geprägten Agrar-Großhändler einen international breit aufgestellten Konzern geformt.

Herr Lutz, warum haben Sie der Baywa einen radikalen Globalisierungskurs verordnet?

Lutz: Als Handelsunternehmen in einem wettbewerbsstarken Umfeld mussten wir dafür sorgen, dass wir weiterwachsen und uns gleichzeitig spezialisieren. Das war im klassischen Baywa-Umfeld so nicht mehr möglich. Auch aus kartellrechtlichen Gründen konnten wir auf unserem Heimatmarkt gerade im Agrarbereich nicht weiter wachsen. Die Internationalisierung der Baywa hat auch dazu beigetragen, dass wir unseren Anteilseignern weiter eine gute Dividende zahlen können. In meiner Amtszeit haben wir die Dividende von 32 auf nun 90 Cent je Aktie erhöht und den Umsatz fast verdoppelt.

Wie funktionierte das?

Lutz: Das klappte, auch weil wir zu einem der größten Importeure von Soja für die europäische Futtermittelindustrie aufgestiegen sind und mit unserem Getreidehandel weltweit sechs bis sieben Milliarden Euro Umsatz im Jahr machen. Der Aufstieg zum Global Player gelang vor allem auch, weil wir erfolgreich in das Projektgeschäft mit dem Bau von Anlagen für erneuerbare Energien eingestiegen sind. Wir sind weltweit die Nummer fünf beim Bau von Solaranlagen. Mit 50 Mitarbeitern haben wir 2009 in dem Geschäft angefangen. Heute sind es rund 2000. Im spanischen Sevilla haben wir gerade das größte Solarkraftwerk in Europa verkauft, das ohne einen Cent Förderung auskommt.

Sie mischen sogar in Neuseeland mit.

Lutz: Wir haben dort mehrheitlich die Firma T&G Global übernommen, den Marktführer im neuseeländischen Obstgeschäft. Dadurch sind wir zu einem der weltweit wichtigsten Lieferanten von Obst geworden. So sind wir von einem einstigen Marktführer im Apfelhandel in Deutschland zum internationalen Obstplayer aufgestiegen. T&G hat sich den chinesischen Obstmarkt erschlossen und sogar eigene Apfelsorten entwickelt, die für den chinesischen Markt besonders gut geeignet sind.

Wie entwickelt man Apfelsorten für China?

Lutz: Das lief in Zusammenarbeit mit einem Institut in Neuseeland. Die Baywa hat mittlerweile verschiedene exklusive Apfel-Eigenmarken im Angebot. Die Sorte Jazz zum Beispiel ist sowohl in Asien als auch Europa sehr erfolgreich. Und dann haben wir erkannt, dass Verbraucher wesentlich mehr Geld für tropische Früchte als etwa Äpfel ausgeben und hatten die Möglichkeit, eine kleine, aber feine Firma in den Niederlanden zu kaufen. Somit importieren wir für den deutschen Lebensmitteleinzelhandel nun auch Avocados, Papayas, Mangos und Nashi-Birnen.

War das Investment in Neuseeland nicht zu riskant?

Lutz: Nein, der Kaufpreis war vernünftig. Wir haben sofort schwarze Zahlen geschrieben. T&G und die Baywa passen zusammen: Auch die Neuseeländer sind genossenschaftlich strukturiert und ein Traditionsbetrieb.

Nun züchten Sie auch noch Tomaten für die Scheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Lutz: Das ist ein sehr interessantes Investment. Wir haben dort Gewächshäuser für den Tomatenanbau gebaut. Das Projekt haben wir mit einer Firma aus Abu Dhabi, die dem Kronprinzen gehört, im Rahmen eines Joint Venture realisiert. Es handelt sich um spezielle Klimagewächshäuser, mit denen sich bis zu 60 Prozent Wasser einsparen lässt. Auch bei der Energieversorgung wollen wir langfristig regenerative Quellen nutzen. Wenn das Projekt im Dauerbetrieb läuft, wird es sicher Nachfolgeaufträge geben.

So könnte man auch in Bayern oder Alaska Ananas züchten.

Lutz: Theoretisch ja. Es gibt einen Trend, Lebensmittel dort zu erzeugen, wo sie auch konsumiert werden. Genau das machen wir in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Mit Ihren Gewächshäusern könnten Sie auch Cannabis für medizinische Zwecke anbauen. Gibt es entsprechende Pläne?

Lutz (lacht): Nein, aber funktionieren würde das. Das Cannabis-Geschäft ist sehr reizvoll. Ich habe mich schlau gemacht. Das ginge für uns aber nur über eine Akquisition. Doch die Preise für solche Firmen sind derzeit jenseits von Gut und Böse.

Aber Sie sind unter die Regenmacher gegangen.

Lutz: Wir haben im afrikanischen Sambia eine Bewässerungsanlage gebaut, die mit einer Solaranlage gekoppelt ist. Außerdem werten wir Satellitendaten aus. Die an diesem Projekt beteiligten Landwirte in Sambia werden von Deutschland aus betreut. Unsere Experten raten ihnen dann, wann sie wie viel Wasser für einen bestimmten Ernteerfolg einsetzen sollen. So konnten wir bis zu 30 Prozent Wasser einsparen und gleichzeitig bis zu 25 Prozent mehr Weizen ernten. Das Projekt zeigt, wie wichtig Digitalisierung für die Landwirtschaft ist. Das Marktvolumen für Digital-Farming-Lösungen liegt weltweit jährlich bei rund zehn Milliarden Euro.

Was bringt Digital Farming der Baywa?

Lutz: Das Digitalisierungsgeschäft rechnet sich für uns nur, wenn wir europaweit aktiv sind. Rund 65 Prozent des Konzern-Ergebnisses kommen aus dem weltweiten Geschäft – Tendenz steigend. Ohne erfolgreiche internationale Investments könnten wir nicht solch gute Dividenden zahlen und hätten nicht Luft und Ruhe, den deutschen Agrarsektor zu restrukturieren. Den Baustoffhandel haben wir schon saniert und erfolgreich in das digitale Zeitalter überführt. Von den Bau- und Gartenmärkten haben wir uns getrennt. Dieser Verkauf war sicher der größte in meiner bisherigen Amtszeit. Wir sind nach wie vor mit 15 Prozent an der Baumarktkette beteiligt, da der jetzige Eigentümer den guten Namen Baywa weiter nutzen will.

Verliert die Baywa ihre bayerischen Wurzeln?

Lutz: Überhaupt nicht. Unsere erste Sprache ist und bleibt Bayerisch, dann kommt Englisch und dann Hochdeutsch. Das ist die Baywa-Triologie. Bayerns Landwirte brauchen eine international gut aufgestellte Baywa. Und ich kann die Frage auch ganz persönlich beantworten: Manchmal halte ich in einem bayerischen Bierzelt eine Rede. Draußen wartet der Wagen und es geht danach zu einer Analysten-Konferenz nach London. Dann tausche ich den Trachten- gegen einen Businessanzug ein.

Wie ernst sind die Probleme im Agrarsektor?

Lutz: Wir investieren in unser deutsches Agrargeschäft jedes Jahr eine Menge Geld und unter dem Strich kommt nicht so viel rüber. Das geht so nicht weiter. Das kann ich den Aktionären auf Dauer nicht erklären. Ich habe bei der letzten Analystenkonferenz gebeten, uns hier mindestens zwei Jahre Zeit zu geben. Wie den Baustoffhandel werden wir auch diesen Sektor erfolgreich restrukturieren.

Reden wir über das Wetter. Welche Sorgen bereiten Ihnen die weltweiten Wetterkapriolen als Folge des Klimawandels?

Lutz: Uns als Baywa trifft der Klimawandel ganz unmittelbar. Das letzte Jahr in Deutschland war zu trocken, die beiden Jahre zuvor gab es zu viel Regen. Für uns sind aber auch Länder wie Brasilien und Argentinien sehr wichtig. Denn in beiden Ländern wird viel Soja angebaut und auch bei diesem Thema spüren wir sofort die Auswirkungen von Wetterkapriolen. Fest steht: Man kann den Klimawandel nicht mehr leugnen. Er ist ein Faktum.

Wie stellt sich die Baywa auf, um mit Folgen des Klimawandels zurechtzukommen?

Lutz: Wir haben unsere Fähigkeit verbessert, die Auswirkungen von Klima- und Wetterveränderungen vorherzusagen: Wir haben die Mehrheit an der Firma Vista übernommen, die auf die Auswertung von Satellitenbildern spezialisiert ist. Dadurch können wir auf der Basis von Millionen Daten früher als bisher die Erntemengen – bis auf einen Hektar runtergebrochen – vorhersagen.

Wie verändert sich die Landwirtschaft in Deutschland?

Lutz: Der Wirtschaftszweig steckt mitten in einem fundamentalen Wandel. Die im europäischen Vergleich sehr kleinteilige deutsche Landwirtschaft gerät massiv unter Druck. Der Trend geht zu immer größeren Betrieben. Unsere Landwirte müssen wettbewerbsfähiger werden. Das geht auch durch Digitalisierung. Wir bieten als Baywa Landwirten über unsere Tochter FarmFacts eine Fülle von Softwarepaketen, um ihnen das Leben – auch juristisch – zu erleichtern, etwa wenn es um die Einhaltung der Düngeverordnung geht. Doch leider ist Deutschland, was die digitale Infrastruktur betrifft, ein Restrukturierungsfall.

Ein Restrukturierungsfall? Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Lutz: Ja, wir stellen die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland in Frage, wenn wir nicht viel mehr und viel schneller in die digitale Infrastruktur investieren. Dann können auch die Landwirte wettbewerbsfähiger werden, auch wenn es in Zukunft noch nicht ohne Subventionen gehen wird. Außerdem dürfen wir in Deutschland nicht länger die biologische gegen die konventionelle Landwirtschaft ausspielen. Viele konventionelle Landwirte fühlen sich bei uns zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Doch die Nachfrage nach Bio-Produkten wächst. Muss darauf nicht auch Baywa intensiver reagieren?

Lutz: Natürlich stellen wir uns als Unternehmen darauf ein. Wir verfügen über 130 bio-zertifizierte Agrarstandorte. Die Frage ist nur: Rettet man mit biologisch angebauten Produkten die Menschheit? Die Menschheit wächst ja weiter enorm. Der Produktivitätsdruck auf die Landwirtschaft wird immens steigen: Die Landwirtschaft steht weltweit vor der Frage, wie sie einmal zehn Milliarden Menschen bei schrumpfenden Ackerflächen ernähren kann. Heute leben gut 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt, von denen schon heute rund 850 Millionen Menschen nicht ausreichend ernährt werden oder hungern müssen. Mit Bio-Produkten allein können wir diese und künftig noch viel mehr Menschen nicht ernähren – das müssen wir aber tun.

Wie geht das?

Lutz: Wir müssen global stille Reserven in der Landwirtschaft heben und die Erträge pro Hektar steigern. Außerhalb Westeuropas gibt es dafür noch großes Potenzial. Nahrungsmittelsicherheit ist eine globale Aufgabe und der Agrarhandel hat dabei eine bedeutende Rolle, wie das vergangene Jahr gezeigt hat: Als wir durch die Dürre in Europa enorme Ernteausfälle zu verzeichnen hatten, haben die Verbraucher so gut wie nichts davon gespürt. In früheren Jahrhunderten noch wäre bei einer solchen Wetterkatastrophe die Nahrungsmittelversorgung für die Menschen nicht sichergestellt gewesen.

Dass Landwirte Produkte günstig anbieten können, liegt auch am umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, das ja auch Baywa vertreibt. Warum setzen Sie weiter auf das Totalherbizid, das unter dem Verdacht steht, Krebs zu erregen?

Lutz: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft und außerdem ist der Wirkstoff zugelassen. Im Übrigen haben in den USA Laienrichter die Entscheidung gegen den Glyphosat-Produzenten Monsanto getroffen und Monsanto wegen der Krebserkrankung eines Klägers zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Diese Entscheidung beruht aber aus meiner Sicht vor allem auf Emotionen und relativ wenigen Fakten. Die Monsanto-Mutter Bayer hat angekündigt, gegen diese Entscheidung vorzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass die Chancen von Bayer in der zweiten Instanz ganz gut sind.

Haben Sie kein Verständnis für die Glyphosat-Kritiker?

Lutz: Doch, ich kann verstehen, dass Menschen mit Sorgen auf den Einsatz von Chemie in der Nahrungsmittel-Produktion schauen. Natürlich können mit Chemie auch Gefahren verbunden sein. Aber um ganz klar Position zu beziehen: Ich halte es für falsch, dass man chemische Pflanzenschutzmittel und mineralischen Dünger, der zum Teil ja auch auf natürlicher Basis produziert wird, grundsätzlich verteufelt. Wir müssen endlich die Landwirtschaft entideologisieren. Kritiker des Einsatzes von Chemie in der Landwirtschaft argumentieren oft leider auch aus einer Position des Luxus heraus.

Viele Deutsche kaufen Bioprodukte aus tiefster Überzeugung. Sie wollen die Welt auch durch ihre Ernährung besser machen.

Lutz: Ich habe überhaupt nichts gegen Bio, weder persönlich noch aus unternehmerischer Sicht. Im Gegenteil. Mir geht es um etwas anderes: Der Marktanteil bei Bioprodukten in Deutschland bewegt sich bei acht bis zehn Prozent. Im Schnitt gibt der Deutsche nur neun Prozent seines Gehalts für Nahrungsmittel aus, in Österreich sind es gut zwölf Prozent, in Italien und Frankreich sind es sogar jeweils rund 15 Prozent. Hier erkenne ich einen grundsätzlichen Widerspruch: Man kann nicht einerseits vom Landwirt biologische Produktionsmethoden fordern, die teurer und risikoreicher für ihn sind, und andererseits nicht bereit sein, dafür wirklich mehr zu zahlen. Überspitzt gesagt: An der Ladentheke entscheidet sich der Deutsche sehr häufig immer noch für billigere Produkte, lädt sie in seinen SUV ein, fliegt nach Mallorca und geht dann zur nächsten Agrar-Demo. Das empfinde ich als Heuchelei.

Haben Sie gar kein Herz für Kritiker unseres Agrarsystems?

Lutz: Natürlich verstehe ich die Sorgen vieler Bürger. Doch viele wissen einfach zu wenig darüber, wie sicher und nachhaltig heute Lebensmittel in Deutschland produziert werden. Früher gab es zum Beispiel Ställe, gegen die hätte ich auch demonstriert. Doch es wurden dank moderner Stalltechnik, die auch wir als Baywa verkaufen, enorme Fortschritte erzielt.

Wie sieht die Baywa AG in zehn Jahren aus?

Lutz: Wir werden ein hoch effizienter und digitalisierter Konzern sein, der wahrscheinlich noch internationaler aufgestellt ist. Und: Meine Hoffnung ist, dass unter den vielen Start-ups, bei denen wir uns engagieren, ein Knaller dabei ist, so ein kleiner Google zum Beispiel.

Zur Person: Klaus Josef Lutz, 61, ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Baywa AG. Der gebürtige Münchner hat große Erfahrungen im Restrukturieren und Weiterentwickeln von Unternehmen. Der Netzwerker war schon in sieben Branchen tätig. Bekannt wurde der Manager als Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags in München. Auch für die Burda Druck GmbH hat er einst als Geschäftsführer gearbeitet. Der Jurist wurde 2013 von der TU München zum Honorarprofessor für Betriebswirtschaftslehre des Genossenschaftswesen bestellt. Seit 2016 ist er auch Vizepräsident der IHK für München und Oberbayern.

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