Zugfahrer müssen in den kommenden Jahren an vielen Orten mehr Zeit einplanen. Die Deutsche Bahn modernisiert ab Sommer 2019 vier Jahre lang die wichtigen ICE-Strecken zwischen Hannover und Würzburg sowie zwischen Mannheim und Stuttgart, nach und nach müssen Streckenabschnitte komplett gesperrt werden. Beide Routen sind fast 30 Jahre alt und haben sich durch den immer dichter und schneller werdenden Zugverkehr abgenutzt, Gleise, Weichen, Schotter und Technik müssen erneuert werden. Dafür gibt die Bahn insgesamt 825 Millionen Euro aus.
Zunächst sperrt der Konzern ab dem kommenden Sommer den Streckenabschnitt Hannover-Göttingen. Ein Jahr später wird auf der Route Mannheim-Stuttgart gebaut. Von April bis Juli 2021 wird die Strecke Göttingen-Kassel nicht befahrbar sein, ein Jahr später folgt die Verbindung Fulda-Würzburg. 2023 schließlich soll die Trasse von Kassel nach Fulda erneuert werden.
Fahrten mit der Bahn können 30 bis 45 Minuten länger dauern
Für Pendler und Gelegenheitsfahrer sind das zugleich gute und schlechte Nachrichten: Denn ab 2023 werden die Fernzüge zwar auf grunderneuerten Strecken durch das Land rasen, bis dahin müssen Bahnfahrer sich allerdings auf Verspätungen einstellen. Viele Züge werden umgeleitet, auf den Ersatzrouten können zudem nach Auskunft der Bahn nicht so viele Fernzüge verkehren wie auf den Schnellstrecken. Allein auf der Trasse zwischen Hannover und Würzburg fahren aktuell täglich 110 Fernzüge und etwa 26 Güterzüge.
Bahnfahrer aus der Region müssen bereits ab dem kommenden Sommer mit Verspätungen rechnen: Auf der Strecke München-Hamburg, an der auch Augsburg und Donauwörth liegen, wird die Fahrt demnach 30 bis 45 Minuten länger dauern. Für die Bahn ist das ein heikles Thema: Schon jetzt hinkt sie ihren eigenen Pünktlichkeits-Vorgaben hinterher. Bis Ende August lag die Quote der Züge, die zur richtigen Zeit in den Bahnhof einfuhren, unter 76 Prozent – 82 Prozent will der Konzern erreichen.
Lange wurde an der Infrastruktur gespart
Der Fahrgastverband Pro Bahn äußert Kritik an den Großbaustellen. Sprecher Winfried Karg glaubt, dass der Regionalverkehr rund um die betroffenen Knotenpunkte zwischenzeitlich zusammenbrechen wird. Vor allem aber ärgert er sich über den Umfang der Baumaßnahmen. „Dass 30 Jahre alter Beton bröckelt und erneuert werden muss, ist mir klar“, sagt Karg. Dass die Bahn mehrere Strecken über Monate komplett vom Netz nimmt, mache ihn aber „einigermaßen fassungslos“. Für Bahnkunden sei das das größtmögliche Ärgernis. „Stellen Sie sich vor, die A8 zwischen Augsburg und Stuttgart würde einfach für ein halbes Jahr gesperrt“, sagt der Fahrgast-Schützer. „Aber sobald es um Autofahrer geht, würde man das nie machen.“ Karg sieht die Schuld bei der Bundesregierung, die der Bahn vorgegeben habe, die Kosten möglichst niedrig zu halten.
Dass die Sanierungen der wichtigen Verkehrsadern nun so geballt kommen, ist für Kritiker auch eine Folge der Investitionsmüdigkeit früherer Jahre. Unter dem langjährigen Bahnchef Hartmut Mehdorn war rigoros gespart worden, beim Schienennetz genauso wie bei den Bahnhöfen oder der Belegschaft. Streckensanierungen wurden aufgeschoben, neue Fernzüge nicht bestellt. Mehdorn wollte den Konzern damals für einen Börsengang rüsten. Im Mittelpunkt stand vor allem der Gewinn.
Bis 2030 soll die Zahl der Zugreisenden verdoppelt werden
Das will die aktuelle Bundesregierung nun wieder ändern. Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, dass künftig nicht mehr die Wirtschaftlichkeit an erster Stelle kommen solle, sondern der Kunde und der Verkehr auf der Schiene. Bis 2030 soll die Zahl der Zugreisenden verdoppelt werden – das geht nur mit funktionierenden Netzen.
So sieht der Sanierungsplan mit Streckensperrungen aus:
- Hannover-Göttingen (11.6.2019 bis 14.12.2019)
- Mannheim-Stuttgart (10.4.2020 bis 31.10.2020)
- Göttingen-Kassel (23.4.2021 bis 15.7.2021)
- Fulda-Würzburg (im Jahr 2022, genauer Zeitraum noch unbekannt)
- Kassel-Fulda (im Jahr 2023, genauer Zeitraum noch unbekannt)