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Biontech

11.11.2020

Die Erfolgsgeschichte der deutsch-türkischen Impfstoff-Entdecker

Nach ihrer Hochzeit standen sie gleich wieder im Labor: Ugur Sahin und Özlem Türeci vom Unternehmen Biontech.
Bild: Stefan Sommer, Imago Images

Auf den Kindern türkischer Einwanderer ruht die Hoffnung auf ein Ende der Pandemie. Doch schon vor Corona treiben Ugur Sahin und Özlem Türeci Forschung voran.

Auf dem Papier zählen Ugur Sahin und Özlem Türeci nun zu den paar hundert reichsten Deutschen. Doch das Milliardenvermögen des Mainzer Krebsforscher-Ehepaars steckt voll in ihrer Firma Biontech. Im täglichen Leben fahren der Professor und seine Frau meist wie viele ihrer Angestellten mit ihren Fahrrädern zur Arbeit. Und als Sahins Gefährt in die Jahre kam, kaufte der Unternehmensgründer nicht ein neues Superbike, sondern neue Griffe für den Lenker. Die weltweit aufsehenerregende Nachricht, dass ihr Corona-Impfstoff mit dem Namen „BNT162b2“ reif für das Zulassungsverfahren ist, feierten die beiden nach eigener Aussage nicht mit Champagner, sondern mit einem Gläschen türkischen Tee.

Der 55-jährige Onkologie-Professor und seine zwei Jahre jüngere Frau gelten durch und durch als Wissenschaftler. Sogar am Tag als sie 2002 heirateten, standen beide am Nachmittag wieder im Labor ihrer ersten Firma Ganymed. Sahin im türkischen Iskenderun geboren, kam als Vierjähriger nach Deutschland, als sein Vater bei den Kölner Ford-Werken „Gastarbeiter“ war, wie es damals hieß. Türecis Vater zog als Chirurg aus Istanbul nach Niedersachsen. Das Paar lernte sich im Studium kennen und beide verschrieben sich der Forschung nach Medikamenten gegen Lungen- und Speiseröhrenkrebs. Unter anderem arbeiten sie seit den neunziger Jahren mit dem Schweizer Nobelpreisträger und Virenforscher Rolf Zinkernagel zusammen.

Ugur Sahin und Özlem Türeci starten in der Krebsforschung

Sahin und Türeci konzentrierten sich in der Krebsforschung vor alle auf Antikörper, die auch für Impfstoffe eine entscheidende Rolle spielen. Doch an der Johannes-Gutenberg-Universität, wo Sahin noch heute als Professor lehrt, fehlten ihnen Geld, Personal und technische Mittel ihre Forschungsergebnisse in echte Arzneimittel umzusetzen. Also gründeten sie eine eigene Firma.

„Wir wollten die Entwicklung von Medikamenten möglichst weit bis zur medizinischen Zulassung selbst begleiten“, sagte Türeci später, die damals den Chefposten von Ganymed übernahm, während ihr Mann weiter an der Uni arbeitete und in der Firma die Entwicklungsabteilung leitete. Schon damals mit Anfang vierzig entfalteten die beiden Wissenschaftler ein großes Talent, in der aufkommenden Start-Up-Ära Investoren und viele Millionen Euro Risikokapital regelrecht einzusammeln. Später verkauften sie Ganymed und steckten das Geld in ihre zweite Firma Biontech – der Name wird übrigens englisch „baio’n’teck“ ausgesprochen.

Sahin hat den Ruf eines sehr vielseitigen Zuhörers

Kapitalgeber, Geschäftspartner und Wissenschaftler geraten regelrecht ins Schwärmen, wenn sie über das Forscher-Ehepaar sprechen. Beide seien exzellente Wissenschaftler und verfolgten bei ihrer hochinnovative Verfahren, nicht nur in der Molekularbiologie und Gentechnik, sondern auch mit größtmöglicher Digitalisierung, die an Künstliche Intelligenz grenzt.

Sahin hat den Ruf eines sehr vielseitigen Zuhörers, der zahlreiche auch fachfremde Wissenschaftsthemen regelrecht aufsaugt. Dies ließ ihn im Januar über einen Artikel über den Corona-Ausbruch in Wuhan stolpern: Er kapierte sofort die Dimension einer weltweiten Pandemie. Seinen Mitarbeitern sagte er damals, in Deutschland werden im April die Schulen dicht sein. Er irrte: Es war schon Mitte März der Fall. Sahin stellte die komplette Forschung auf das Projekt „Lightspeed“ („Lichtgeschwindigkeit“) um, mit dem Ziel schnell einen genetisch programmierten Corona-Impfstoff zu entwickeln. Er fand zwei: „BNT162b1“ und „BNT162b2“ – „b2“ erwies sich als deutlich verträglicher. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Produktion so hochzufahren, dass wir im nächsten Jahr bis zu 1,3 Milliarden Dosen bereitstellen können“, sagte Sahin jetzt der Frankfurter Allgemeinen. Sobald die Zulassung da sei, gehe es „Schlag auf Schlag“. Seit Monaten läuft bereits die Produktion, die Firmengründer gehen voll ins Risiko: Ohne Zulassung wären hunderte Millionen Euro futsch.

Börsenwert von Biontech heute: 27,1 Milliarden US-Dollar

Biontech ist 2008 gegründet worden, seither ist das Unternehmen stark gewachsen. Es hat neue Projekte an Land gezogen, neue Geldgeber gewonnen, neue Mitarbeiter eingestellt. Inzwischen zählt die Firma über 1300 Beschäftigte: ein junges, internationales Team. Im Schnitt sind die Mitarbeiter nicht einmal 35 Jahre alt und gehören 61 Nationalitäten an, Frauen sind in der Mehrzahl. Biontech kann sich auf bekannte Partner wie Bayer, Siemens und Pfizer stützen. Für die Bill & Melinda Gates-Stiftung arbeitet die Firma an Therapien gegen Tuberkulose und HIV. Im Herbst 2019 ging das Unternehmen an die US-Technologiebörse Nasdaq.

Für einen Börsengang in Deutschland, sagen Fachleute, fehlte hierzulande das Risikokapital und das Know-how der Banken. Der Ausgabepreis damals: 15 Dollar. Es wäre ein Schnäppchen gewesen: Diesen Mittwoch wurde die Aktie für rund 110 Dollar gehandelt. Der Börsenwert des Unternehmens damit: 27,1 Milliarden Dollar. Bei allen Erfolgsmeldungen ist Biontech aber vor allem eines: eine Wette auf die Zukunft.

Das Potenzial von Biontech ist groß, sagt Analyst Daniel Wendorff, der für die Commerzbank das Unternehmen beobachtet. Es ist aber Potenzial im wahrsten Sinne des Wortes. „Bisher hat Biontech keinen Gewinn gemacht, Biontech hat bisher auch kein Produkt am Markt“, berichtet er. Das Geschäftsjahr 2019 hat das Unternehmen unter dem Strich mit einem Verlust von 180 Millionen Euro abgeschlossen. „Bei jungen Firmen im Biotechnologie-Bereich sind solche anfänglichen Verluste aber nichts außergewöhnliches“, sagt Wendorff. Die Investitionen sind hoch, die Medikamente kommen erst in einigen Jahren auf den Markt. Biontech hat zwar mehrere Wirkstoffe in der Zulassung, aber eben noch nicht im Verkauf.

Die große Chance sieht der Analyst in der Technik, auf die sich Biontech spezialisiert hat. Biontech entwickelt Medikamente auf Basis von mRNA. Dies sind Moleküle, die in der Zelle für die Produktion von Eiweißen notwendig sind. Biontech startete 2008, um eine individuelle Krebstherapie auf Basis von mRNA zu ermöglichen. 2015 hat man erkannt, dass sich die Technik auch zur Impfstoffentwicklung einsetzen lässt. 2018 wurde mit dem US-Konzern Pfizer eine Partnerschaft zur Entwicklung eines Grippe-Impfstoffs geschlossen. Mit Pfizer wagt man nun auch die Entwicklung des Corona-Impfstoffs.

„Mit traditionellen Verfahren dauert die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffs bisher mindestens vier Jahre“, sagt der Analyst. „Wenn es nun gelänge, in nur einem Jahr einen Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen, zeigt dies das Potenzial der mRNA-Technologie.“ Biontech hat also ein Konzept, das Hoffnungen macht – und wenig Konkurrenz. Neben Biontech arbeiten nach Angaben des Commerzbank-Fachmanns derzeit nur die US-Firma Moderna und das deutsche Unternehmen Curevac mit mRNA-Technologie.

Mit einer Krebstherapie von Biontech rechnen Experten erst in zwei bis drei Jahren

Die Partnerschaft mit Pfizer gilt als Glücksfall: „Pfizer ist wichtig für Biontech, da es die Größe und Expertise für das Zulassungsverfahren und die Produktion eines Impfstoffs mitbringt“, sagt Wendorff. Gelingt es, den Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen, wäre dies für das deutsche Unternehmen ein großer Gewinn: „Zum einen würde dies bestätigen, dass die Technologie funktioniert, mit der Biontech arbeitet. Zum anderen würde Geld in die Kasse kommen, um die Entwicklung anderer Medikamente voranzutreiben.“ Denn mit einer Krebstherapie von Biontech rechnen Experten erst in zwei bis drei Jahren.

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