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Finanzskandal

19.11.2020

Ex-Wirecard-Chef: "Ich wohne in der JVA Augsburg"

Wirecard-Ex-Vorstandsvorsitzender Markus Braun musste am Donnerstag als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagen.
Bild: Fabrizio Bensch, dpa

Die Befragung des früheren Wirecard-Vorstands im Untersuchungsausschuss des Bundestags gerät zur Farce. Markus Braun beantwortet keine Frage und lässt Anleger im Unklaren.

Ein gefallenes Finanzgenie und eine Handvoll Bundestagsabgeordnete spielen ein Spiel. Es heißt "Wer zuckt zuerst". Der Sieger an diesem Donnerstagnachmittag heißt Markus Braun, ehemaliger Chef des Finanzkonzerns Wirecard. Die Staatsanwälte in München halten ihn für den Kopf hinter einem bandenmäßigen Milliardenbetrug. Stimmen ihre Vorwürfe, hat er sie alle getäuscht, Börsenprofis wie Kleinanleger. Er, der Österreicher, hätte sie glauben gemacht, dass auch die Deutschen das neue Geschäft mit dem Internet beherrschen. Er wäre verantwortlich für einen Wirtschaftsskandal, der das Ansehen des Landes beschmutzt hat.

"Ich werde mich heute zu den Sachverhalten nicht äußern", lautet Brauns Standardantwort, die er wie ein Mantra mit geringen Variationen wiederholt. Immer und immer wieder. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses probieren es zweieinhalb Stunden lang. "Was sagen Sie den Anlegern und Angestellten der Wirecard AG?" "Haben Sie Journalisten beschatten lassen?" "Hat Wirecard Dienstleistungen für Nachrichtendienste erbracht?" "Haben Sie eine Tochter?" "Diese Frage werde ich heute nicht beantworten", antwortet Markus Braun ruhig mit mildem Wiener Akzent. Immerhin bestätigt er, dass er am 5. November Geburtstag hat.

Eigentlich sollte Markus Braun der Schwache in diesem Spiel sein

Braun treibt den Abgeordneten den Zorn in die Gesichter, nur mit Mühe können sie sich zurückhalten. Der Mann in dunklem Sakko und schwarzem Rollkragenpullover brüskiert das Parlament, beruft sich umfassend auf sein Aussageverweigerungsrecht. Nicht einmal der über den Dieselskandal gestürzte VW-Chef Martin Winterkorn ging derart mit dem Bundestag um. "Sein Mangel an Respekt vor dem Parlament reiht sich nahtlos in seinen fehlenden Respekt vor dem Rechtsstaat", schimpft der stellvertretende Ausschussvorsitzende, Hans Michelbach ( CSU).

Eigentlich ist Braun der Schwache in diesem Spiel. Er sitzt in Gablingen im Landkreis Augsburg im Gefängnis, wurde für die Befragung nach Berlin verbracht. "Ich wohne in der JVA Augsburg", sagt der 51-Jährige in seiner kurzen Einleitung.

Das Kerngeschäft des insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard geht wie erwartet an die spanische Großbank Banco Santander.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Neben ihm sitzt sein ernst dreinschauender Anwalt, ein Rechtsprofessor, mit dem er die Befragung vorbereitet hat. Nach anderthalb Stunden ziehen sich die Aufklärer das erste Mal zu Beratungen zurück, weil sie an Brauns Mauer abprallen. Sie hatten erwartet, dass es nicht eben aus ihm heraussprudeln würde, was alle interessiert. Wo die Milliarden geblieben sind, wo sein Kompagnon Jan Marsalek steckt und wie sie Anleger und Politiker hinters Licht führten. Dass die Abgeordneten aber gar nichts aus dem Beschuldigten herausbringen, empfinden sie als Hohn.

Der Wirecard-Untersuchungsausschuss hat noch ein Schwert

Braun will zuerst mit der Staatsanwaltschaft München reden, danach mit dem Untersuchungsausschuss. "Ich werde mich zeitnah… persönlich äußern", kündigt er gleich am Anfang an. Die Strafverfolger erheben schwere Anschuldigungen gegen ihn. Der Chef des gestrandeten Dax-Unternehmens sei die "Kontroll- und Steuerungsinstanz" hinter dem Betrug gewesen. Der Untersuchungsausschuss ist für den Gang der Sitzung machtlos gegenüber der Taktik des Wirtschaftsinformatikers mit Doktortitel, nicht aber auf mittlere Sicht.

Es besteht Einvernehmen unter den Mitgliedern aller Fraktionen, Braun nicht davonkommen zu lassen. Sie wollen den Bundesgerichtshof bewerten lassen, ob Dr. Wirecard wirklich zu allen Fragen die Aussage verweigern kann. Deshalb auch die Fragen, ob er eine Tochter habe oder einen Doktortitel. Damit soll den Richtern gezeigt werden, dass sich Braun über Gebühr der Aufklärung verweigere. Notfalls wollen ihn die Abgeordneten per Beugehaft zwingen, Stellung zu beziehen. "Die Beugehaft wird nicht auf seine U-Haft angerechnet", sagt der FDP-Mann im Untersuchungsausschuss, Florian Toncar.

Offen ist, wie schnell sich der Bundesgerichtshof mit der Sache befassen würde. Dauerte das zu lange, wird Braun womöglich umfassend bei den Staatsanwälten ausgesagt haben und seine Sicht der Dinge später schlicht noch einmal vor dem Ausschuss wiederholen. In seiner kurzen Einleitung vermied es der frühere Börsenliebling, der sich als Visionär inszenierte, die Schuld von sich zu schieben. Weder Politiker, Aufsichtsstellen oder die Wirtschaftsprüfer hätten sich unlauter oder inkorrekt verhalten. Sie seien alle "zutiefst getäuscht" worden. Von wem, dazu schweigt Markus Braun.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Markus Brauns Verhalten im Wirecard-Ausschuss: Respektlos, aber nicht justiziabel

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