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Hintergrund

25.06.2020

Großaktionär Thiele macht den Weg frei für die Lufthansa-Rettung

Die Aktionäre der Lufthansa haben entschieden: Der Staat darf für rund 300 Millionen Euro als Anteilseigner einsteigen.
Bild: Sven Hoppe/dpa

Plus Auch Heinz Hermann Thiele stimmt dem Einstieg des Staates bei der Lufthansa zu. Doch der 79-Jährige bleibt skeptisch, ob das auch gut ist.

Das ist ein cleverer Regieeinfall der Lufthansa-Strategen. Für Konzernchef Carsten Spohr, 53, fügt es sich nämlich prächtig, dass die bohrend-kritischen Fragen des ihm zusetzenden Neu-Großaktionärs Heinz Hermann Thiele, 79, nicht wie bei anderen digitalen Hauptversammlungen vom Vorstandsvorsitzenden oder einem Juristen vorgetragen werden.

Die Aufgabe übernimmt vielmehr eine Flugbegleiterin des Unternehmens – und das in voller Montur. Zum blauen Kostüm trägt die junge Frau ein farblich passendes Hütchen, ein gelbes Einstecktuch und einen gelb-blauen Schal. Ein vertrauter Anblick für Lufthansa-Kunden, die als Anteilseigner das durch den Einstieg des Staates notwendig gewordene außerordentliche Aktionärstreffen am Donnerstag zu Hause digital verfolgen können.

Thiele hält über 15 Prozent der Lufthansa-Aktien

Auch Thiele darf coronabedingt nicht vor Ort in Frankfurt bei Spohr sein. Da sind selbst dem Unternehmer aus München mit einem geschätzten Vermögen von rund 13 Milliarden Euro Grenzen gesetzt. Erst hat er sich drei, dann fünf, zehn und schließlich 15,52 Prozent der Lufthansa-Aktien gekrallt. Nun redet Thiele lautstark mit. Dabei verabscheut der Mann, der aus dem wackligen Mittelständler Knorr-Bremse einen gut laufenden Weltmarktführer geformt hat, der Bahn- und Lkw-Hersteller mit Bremssystemen ausstattet, alles ihn Begrenzende. Thiele ist ein Machertyp, der nach eigenem Bekunden in den Erfolg und nicht so sehr in dessen Früchte, das Geld, verliebt ist. Als einer der letzten deutschen Firmen-Patriarchen gibt er, was der Manager gar nicht erst zu kaschieren versucht, gerne den Ton an. Wer sich ihm in den Weg stellt, dem soll das nicht gut bekommen. Thiele bricht routiniert Widerstände.

Großaktionär Heinz Hermann Thiele
Bild: Knorr-Bremse AG, dpa

In pandemielosen Zeiten wäre der wohlgenährt wirkende konsequente Krawattenträger auf einer Lufthansa-Hauptversammlung nach vorne gegangen und hätte Spohr mit spitzen Fragen den Kopf gewaschen, etwa ob es nicht bessere Alternativen zum Einstieg des Staates mit 20 Prozent bei der Lufthansa und einem Rettungspaket von bis zu neun Milliarden Euro gibt. Dabei wären seine triumphierenden Blicke in die Weite des Versammlungssaals gegangen. Der eine oder andere Applaus anderer Kritiker der Rettungsaktion hätten den ohnehin hinreichend selbstbewussten älteren Herren sicher zu noch mehr insistierenden Fragen animiert.

Nach Hauptversammlung Lufthansa-Aktionäre: Einstieg des Staates steht nichts mehr im Weg

Doch wenn nun die Flugbegleiterin seinen Erkenntnishunger vom Blatt abliest („Heinz Hermann Thiele möchte wissen“) und ihr Wortungetüme wie „Wirtschafts-Stabilisierungsgesetz“ oder „Restrukturierungsmaßnahmen“ auf sympathische Weise nicht flüssig über die Lippen gehen, geht gleich alle Thielesche Schärfe verloren. Die junge Frau schmunzelt schließlich, wenn sie sich wieder einmal etwas verhaspelt hat, und der Zuschauer wähnt sich eher endlich wieder in einem Lufthansa-Flieger, wo eine freundliche Frau von ihm wissen will, ob er Wasser mit oder ohne Kohlensäure möchte. Jedenfalls bleibt der große Blubb des Lufthansa-Chefnörglers aus, auch wenn seine Kritik anderen Aktionären an diesem Tag berechtigt erscheint.

Spohr selbst beantwortet die Fragen Thieles gelassen, wie es dem Naturell des Mannes mit einer Pilotenlizenz für kleine Airbus-Flieger entspricht. Dazu mag beitragen, dass der fordernde Investor zuvor trotz seiner Grundsatzbedenken gegen einen zu großen Staatseinfluss bei der Lufthansa wissen ließ: „Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen.“ Weil es dann so kam, steht dem Einstieg des Staates bei der Airline nichts mehr im Weg.

Rettung der Lufthansa: Thiele hätte dem Staat Hausverbot erteilen können

Der Selfmade-Milliardär muss nach langem Zetern und Zaudern beschlossen haben, vom Tag der Hauptversammlung an nicht als der größte Un-Patriot des Landes dazustehen, der die vielen Deutschen ans Herzen gewachsene Lufthansa in die Insolvenz treibt. Nicht auszudenken, wenn er sich anders entschieden hätte und es auf einen Showdown mit dem Staat hätte ankommen lassen. In Zeiten, in denen schon ein unbedachtes blödes Wort einen Shit-Tsunami der sozialen Medien-Empörungsspezialisten auslösen kann, wäre Thiele das Shit-Wasser bald bis zum Hals gestanden.

Der Mann, der sich vom Tellerwäscher, Juristen, Sachbearbeiter bei Knorr-Bremse bis zum Eigentümer des Ladens hochgerackert hat, wäre aber fähig gewesen, dem Staat bei der Lufthansa Hausverbot zu erteilen. Denn obwohl der knorrige Mann nur 15,52 Prozent der Aktien besitzt, kann er doch Beschlüsse auf Hauptversammlungen blockieren, wenn die Präsenz des Kapitals wie am Donnerstag nicht zu hoch ist.

 

Thiele ist ein Kritiker von Merkels Regierungsstil

Spohr und die Verantwortlichen der Bundesregierung werden dem Thiele-Frieden nicht so recht trauen. Denn hat sich der Unternehmer bei einem Thema festgebissen, lässt er ungern locker. Seit Jahren lebt er seinen Unwillen gegen den Regierungsstil der Kanzlerin offen aus und stichelt: „ Merkel war nie eine Demokratin. Sie ist von Anfang an, wie sie es in der DDR gelernt hat, eine Autokratin. Das Parlament hat sie unter Kuratel gestellt.“ Thiele geht die Art, wie die CDU-Politikerin den Atomausstieg und die Aufnahme von Migranten im großen Stil vorantrieb, gegen den Strich. In einem Interview mit dem Handelsblatt meinte er einmal: „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das Land in 30 Jahren aussieht, wenn die Zuwanderung so ungezügelt weitergeht.“

Dabei ist der Unternehmer „kein AfD-Fan, aber die überfallartige Öffnung der Schleusen im Herbst 2015, die zur Flüchtlingskrise führte, war ein schwerer Fehler der Kanzlerin und hat die AfD erst ermöglicht“. Die Ironie der Geschichte will es, dass Thiele mit der ungeliebten Kanzlerin bei der Lufthansa nach dem von ihm doch nicht blockierten Einstieg des Staates in einem Flugzeug sitzt. Wie Angela Merkel muss er nun dazu beitragen, dass die Maschine aus den schweren Turbulenzen heil herauskommt.

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