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Ohne politischen Druck bei der Energiewende bleibt der Strom teuer

Kommentar Von Stefan Lange
06.08.2021

Die Preise für Strom und Gas steigen immer weiter. Zu den hausgemachten Problemen in Deutschland kommen geopolitische Risiken. Der Ausweg ist da, muss aber auch beschritten werden.

Wem es angesichts niedriger Nachttemperaturen dieser Tage in den Fingern juckt, vielleicht doch schon mal die Heizung ein wenig anzustellen, sollte das besser lassen. Die Kosten für Strom und Gas drohen in diesem Herbst und Winter zu explodieren. Statt hoher Raumtemperaturen ist ein warmer Pullover da womöglich die bessere Wahl, zumindest schont solch sparsames Verhalten vorausschauend das Portemonnaie. Denn die Situation am Energiemarkt ist alarmierend: In der ersten Julihälfte 2021 wurden an der Strombörse nach Zahlen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Uni Köln zeitweise mehr als 90 Euro pro Megawattstunde bezahlt – so viel wie seit 2008 nicht mehr. Damit haben sich die Preise seit Anfang des Jahres etwa verdoppelt. Maßgebliche Faktoren sind laut EWI die Brennstoffkosten für Steinkohle und Gas sowie die Preise für den Handel mit CO2-Zertifikaten.

Putin macht in Moskau Druck

Die deutsche Politik ist im Wahlkampfmodus und hat das Thema Energiekosten bislang ausgeklammert. Denn die Parteien müssten viele Fragen aushalten, auf die sie so gut wie keine Antworten haben. Der Jahresabschluss wird zeigen, dass die Energiepolitik der letzten Jahre den Verbraucherinnen und Verbrauchern am Ende nur immer noch höhere Preise beschert hat. Schwarz-Rot verordnete etwa eine höhere Öko-Umlage und höhere Netzgebühren, die dann auf die Kunden abgewälzt wurden. Insgesamt ist nirgendwo in Europa der Strom teurer als in Deutschland, die Preise ziehen gar weiter an. Und es kommt noch schlimmer, nicht nur für die private Kundschaft.

Die Haushalte in Deutschland müssen für Gas und Strom dieses Jahr wohl deutlich tiefer in die Tasche greifen als die letzten Jahre.
Foto: Jens Büttner, dpa

Der russische Präsident Wladimir Putin nutzt tatsächlich die Gaspipeline Nord Stream 2 als „politische Waffe“, wie es der CDU-Außenexperte Norbert Röttgen schon vor Wochen vorausahnte. Er dreht den Gashahn zu und zeigt, wie abhängig Länder wie Deutschland von auswärtigen Ressourcen sind. Das kann neben den Privathaushalten auch die energiehungrige Industrie hierzulande hart treffen.

Deutschland braucht mehr Strom

Wenn im Land bald überwiegend Elektrofahrzeuge rollen sollen, dann wird dafür mehr Strom gebraucht. Auch die Digitalisierung zieht einen erhöhten Energiebedarf nach sich – selbst wenn man sich das beim Einschalten des heimischen PCs kaum klarmacht. Hinzu kommen klassische Industriezweige wie die chemische Industrie, die auf Unmengen von Strom angewiesen ist. Hier könnte es bald zu weiteren Problemen kommen, weil die Wahlprogramme der etablierten Parteien allesamt einen niedrigeren Strompreis versprechen. Den bekommt man allerdings nicht allein dadurch, dass die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Zertifikaten an die privaten Haushalte weitergegeben werden. Für niedrigere Strompreise müssen nach übereinstimmender Expertenmeinung auch die Preisprivilegien für die Großkunden zumindest teilweise abgeschafft werden. Die Ausnahmen bei der EEG-Umlage etwa. Was den Strom für die großen Konzerne natürlich teurer machen würde.

In Schleswig-Holstein strahlt die untergehende Abendsonne auf einen Windpark am Bredstedter Koog. Mehr Windkraft- und Solaranlagen sind der beste Weg hinzu stabilen Energiepreisen.
Foto: Daniel Bockwoldt, dpa

Das Problem wäre kleiner, wäre der politische Druck bei Ausbau der erneuerbaren Energien größer. Anders als noch vor zehn Jahren ist beispielsweise die Photovoltaik heute preislich zwar wettbewerbsfähig. Doch es werden trotzdem immer noch viel zu wenige Solaranlagen installiert. Finanzielle Anreize reichen nicht, es muss strengere Vorgaben geben. Der erforderliche Boom für grünen Strom aus Sonne (und Wind) kommt nur, wenn die Parteien notfalls in den Clinch mit der Bevölkerung gehen. Dann wird das auch was mit sinkenden Energiepreisen. Und dem Klimaschutz hilft es ohnehin.

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