Alte Klischees vom Handwerk wie ölverschmierte Werkbänke, Papierpläne und eingeschlafene Routinen halten sich hartnäckig. Doch in vielen Betrieben weht mittlerweile ein anderer Wind. So auch in Marktoberdorf bei WWS Haustechnik, wo Nele Schicke ihre Ausbildung absolviert. Die 19-Jährige ist angehende Anlagenmechanikerin und weiß, wie modern ein handwerklicher Beruf sein kann.
Eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin steht zunächst nicht auf dem Plan von Nele Schicke aus Marktoberdorf. Die 10. Klasse verbringt sie an einer amerikanischen Highschool im ländlichen US-Bundesstaat Minnesota. Zurück in Deutschland, holt sie ihr Abitur nach. „Damit ich alle Möglichkeiten offen habe“, erklärt sie heute. Dann folgen zwei Praktika im Büro. „Da habe ich schnell gemerkt, dass mir das zu langweilig ist“, berichtet die 19-Jährige. Sie habe sich weiter umgesehen. „Holzarbeiten fand ich immer cool, aber die Schreinerarbeiten finden zu weit oben statt“, sagt sie lachend. Zur Anlagenmechanikerin sei sie eigentlich durch Ausschlussverfahren gekommen.
Anlagemechanikerin: Ausbildung deckt drei Bereiche ab
Ein Praktikum bei ihrem heutigen Ausbildungsbetrieb festigte Schickes Entschluss schnell: „Ich durfte direkt mit einem Kollegen eine Wärmepumpe installieren“, erzählt sie. In einer Woche habe sie extrem viel zu sehen bekommen. 2025 begann sie ihre Ausbildung. Aufgrund ihres Abiturs konnte sie direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen.
Besonders gut gefällt ihr, dass sie an der Schnittstelle vieler Disziplinen sitzt: „Die Ausbildung heißt Anlagenmechanikerin SHK, also Sanitär, Heizung, Klima. Das sind drei verschiedene Bereiche.“ Das sei ein ausschlaggebender Punkt für sie gewesen. „Ich wollte so schnell wie es geht so viel wie möglich lernen“, sagt die 19-Jährige. Natürlich habe es am Anfang viel Input, viel Neues und auch Überforderndes gegeben. Aber im Betrieb gäbe es immer einen Ansprechpartner: „Wir haben Elektriker, wir haben eigene Fliesenleger, die ich immer fragen kann“, berichtet sie.
Showroom und Social Media: So ist der Arbeitsalltag in einem modernen Betrieb
Ein weiterer Pluspunkt für Schicke ist die moderne Ausrichtung des Betriebs. So habe die Firma einen eigenen Showroom, in dem sich die Kunden Wasserhähne und Armaturen vor Ort anschauen und in die Hand nehmen können. Der Betrieb ist außerdem auf Social Media aktiv. „Ziel ist es, den Leuten zeigen zu können, was wir machen, und wir Azubis sind dabei eingebunden“, führt die Marktoberdorferin aus. Gerade als sie selbst noch in der Orientierungsphase war, haben ihr solche Inhalte geholfen. „Das klingt zwar abgedroschen, aber ich habe viel auf Tiktok angeschaut, weil man sich das dann besser vorstellen kann“, so die 19-Jährige.
Mit das Schönste in ihrer Ausbildung ist für Schicke, wenn sie Menschen helfen kann, sich in ihrem Haus wieder wohlzufühlen. In alten Häusern seien etwa die Duschwannen oft sehr hoch, erzählt die 19-Jährige. Gerade für Ältere führe das im Alltag zu Problemen. „Wir reißen dann alles raus und machen das Bad ebenerdig“, sagt sie weiter. „Es ist schön zu sehen, wie sich die alten Leute freuen und keine mehr Angst haben müssen, hinzufallen.“
Digitalisierung im Handwerk: Mitarbeitende haben Tablets, Azubis nutzen Lernapp
WWS Haustechnik setzt zudem konsequent auf Digitalisierung, berichtet Stefan Gabler, der im Betrieb für die Auszubildenden zuständig ist. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin bekommt ein eigenes Tablet, auch die Azubis. „Wir haben eine Handwerkersoftware, mit der Angebote und Projekte gemacht werden“, sagt Gabler. Ein großer Vorteil sei, dass alle wichtigen Informationen und der Mail-Verkehr zentral abgespeichert werden. „Wenn jemand krank ist, kann die Vertretung trotzdem sehen, was mit dem Kunden abgesprochen wurde“, berichtet der Ausbilder. Zudem gebe es eine digitale Bauakte. In die digitale Bauakte werden Bilder von der Baustelle hochgeladen. Die Azubis schreiben außerdem ihr Berichtsheft für die Berufsschule auf dem Tablet und es gibt eine eigene E-Lernplattform mit Videos aus dem Betrieb.
Aktuell beschäftigt WWS fünf Azubis: drei auf der Baustelle und zwei im Büro. Das habe in den vergangenen Jahren anders ausgesehen: Zum einen hätten sich weniger junge Menschen beworben, zum anderen sei sie als Betrieb auch wählerischer geworden. „Wir haben eine Zeit lang jeden genommen und geschaut, ob es passt“, so Gabler. Der Alltag auf der Baustelle und die vielen Bereiche mit ihrem Spezialwissen seien aber nicht für jeden etwas. Auch Nele Schicke empfiehlt, sich vorher genau zu überlegen, ob einem der vielfältige Alltag tauge. Man müsse wissbegierig sein und dürfe keine Angst haben, sich mal dreckig zu machen. Die Sorge, nicht in einen niedrigen Keller zu passen, könne sie aber nicht nachvollziehen. „Ich bin zwei Meter groß und komme auch überall rein“, sagt sie lachend.
Der Beruf in Kürze
- Berufsbild: Anlagenmechaniker montieren, warten und reparieren technische Anlagen wie Heizungs-, Sanitär- oder Lüftungssysteme und sorgen dafür, dass diese sicher und zuverlässig funktionieren.
- Voraussetzungen: Grundsätzlich gibt es keinen vorgeschriebenen Mindestschulabschluss, die meisten Bewerber und Bewerberinnen haben einen Mittelschulabschluss.
- Ausbildungsvergütung pro Monat (brutto): Im ersten Lehrjahr 1000 Euro, im zweiten Lehrjahr 1050 Euro, im dritten Lehrjahr 1150 Euro und im vierten Lehrjahr 1250 Euro.
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