und Apotheken erhöhte Nachfrage vermelden, stellt sich regelmäßig die Frage, ob die Arzneimittel ausreichen. Während Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, zuletzt über Bild mitteilte, dass Deutschland auch dieses Jahr „sehr schlecht“ vorbereitet in den Winter gehe, konterte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die Versorgung sei „gewährleistet“. Bork Bretthauer wiederum, Geschäftsführer des Verbandes der Generika-Hersteller (Pro Generika), stellt auf Anfrage fest: „Die Versorgungslage bei Medikamenten ist so brenzlig wie in den Jahren zuvor, denn an den Rahmenbedingungen der Hersteller hat sich strukturell nichts geändert.“ Ob aus dieser Lage heuer Engpässe resultieren, werde vom Infektionsgeschehen abhängen.
Unstrittig ist, dass Deutschland und Europa bei der Versorgung mit Generika – also Kopien von Original-Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist – zu stark von China und Indien abhängig sind. Bretthauer sagt: „Nach wie vor importieren wir etwa bei Antibiotika den Großteil der Wirkstoffe von China, und das kann eines Tages bedrohlich für unsere Versorgung werden. Denn: Hier sind wir – ähnlich wie es beim russischen Gas der Fall war – bei lebenswichtigen Arzneimitteln in ganz erheblichem Maße abhängig. Und das von einem Staat, der ein komplett anderes Wertesystem und geostrategische Ambitionen hat.“ Er nimmt die neue Bundesregierung in die Pflicht.
Anti-Engpass-Gesetz der Ampel greift nicht ausreichend
Nach akuten Problemen bei Kinderarzneien hatte die Ampel 2023 ein Anti-Engpass-Gesetz beschlossen. Es lockerte Preisregeln, um Lieferungen nach Deutschland für Hersteller lohnender zu machen. Als Sicherheitspuffer sind nun auch Vorräte von mehreren Monatsmengen für viel genutzte Mittel Pflicht. Voraussichtlich Ende 2025/Anfang 2026 sollten die neuen Vorgaben in allen Rabattverträgen mit Krankenkassen umgesetzt sein, erläutert das Gesundheitsministerium. Die Kassen schließen oft Verträge mit einzelnen Pharmaproduzenten ab, um Nachlässe auf bestimmte Arzneimittel zu erzielen. Pro Generika moniert, nötige Anreize für Investitionen in eine stabile und europäisch verankerte Produktion fehlten weiterhin. Auf Basis des Gesetzes habe kein Unternehmen auch nur einen Euro in den Ausbau von Antibiotika-Werken stecken können, sagt Bretthauer.
Michael Stolpe, Experte für globale Gesundheitsökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, sieht kurzfristige Lösungen vorrangig auf Vertragsebene. „Was sehr helfen könnte, wären hohe Konventionalstrafen, wenn Lieferungen ausbleiben. Denn wegen der begrenzten Haltbarkeit ist eine große Vorratshaltung bei Medikamenten oft schwierig.“ Hersteller wieder in der EU anzusiedeln, hält der Ökonom nur mittelfristig für sinnvoll. Zumal hiesige Hersteller schwer bei Personalkosten und Umweltauflagen mit China oder Indien konkurrieren könnten.
Generika aus Indien enthalten Vorprodukte aus China
Viel wichtiger findet er, dass die EU möglichst viele stabile Handelsverträge mit möglichst verschiedenen Ländern weltweit schließt: „Das heißt, auch mal Anbieter aus Ländern zum Zuge kommen lassen, die vielleicht nicht den günstigsten Preis haben, aber aus geopolitischen Gründen ein geringeres Risiko darstellen.“ Indien, gibt er zu bedenken, sei als Handelspartner für Generika lange eine gute Alternative zu China gewesen. Da Trump durch seine aggressive Handelspolitik Indien dazu bringe, sich China anzunähern, könnte sich im Konfliktfall das Ausfallrisiko erhöhen. Absurderweise könnte gerade Trumps Zollpolitik – allerdings kurzfristig – für Linderung hierzulande sorgen. Denn: „China und Indien beliefern auch die USA mit Medikamenten. Wenn sie diese wegen der hohen Zölle auf dem amerikanischen Markt nicht mehr gewinnbringend verkaufen können, suchen sie andere Absatzmöglichkeiten. In Europa.“
Die Volumina, um die es geht, sind groß. Noch, sagte Stolpe, seien die USA der größte Markt für Generika, die dort etwa 90 Prozent des Gesamtkonsums verschreibungspflichtiger Medikamente ausmachen. In Deutschland liegt der Anteil bei 80 Prozent. Schätzungen zufolge, erklärt Stolpe, würden in China aktuell etwa 40 Prozent aller aktiven pharmazeutischen Wirkstoffe weltweit produziert, in Indien rund 20 Prozent. Bei einzelnen Wirkstoffen liege die Abhängigkeit Deutschlands von China bei über 90 Prozent. Viele Generika aus Indien enthielten zudem Vorprodukte aus China. Was das Problem, so Stolpe, verschärft: „Die Konzentration der Herstellung einiger kritischer Arzneimittel-Rohstoffe auf einige wenige Produzenten, vor allem in China, ist viel stärker als die Konzentration der Hersteller am Generika-Markt insgesamt.“ (mit dpa)
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