Startseite
Icon Pfeil nach unten
Wirtschaft
Icon Pfeil nach unten

German Bionic aus Augsburg will mit Rücken-Robotern den Pflegebereich erobern

Immer mehr Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser kaufen Rücken-Roboter für ihre Beschäftigten bei German Bionic.
Foto: German Bionic
Bayerns Mutmacher

Wie Rücken-Roboter aus Augsburg helfen, den Alltag zu bewältigen

  • |
  • |
  • |
  • |

    Es ist eine rührende Szene. Eine groß gewachsene Pflegerin des Berliner Krankenhauses Charité beugt sich zu einer kleinen, alten Frau hinab, die auf einem Stuhl sitzt. Sie bittet die Dame, die Arme um sie zu legen, damit die Fachkraft die Patientin leichter nach oben heben, drehen und auf das Bett setzen kann. Die Frau vertraut ihr, packt sie bei den Schultern und lässt sich nicht von einem Rucksack der besonderen Art irritieren, den Sara Vaz Contreiraz trägt. Die Pflege-Expertin hat sich ein Zweit- oder Exoskelett umgeschnallt, einen Kraftanzug, mit dem sie Lasten leichter und schonender für den unteren Rückenbereich anheben und wieder runterlassen kann, wie ein Video zeigt.

    Die Roboter der besonderen Art stammen von der Augsburger Firma German Bionic, einem Pionier der sich immer mehr durchsetzenden Technologie. Die Pflegerin zeigte sich „sehr begeistert“ von dem neuen technischen Helfer mit Elektromotoren und sensitiven Sensoren. Die Charité und German Bionic hatten die Anschnall-Roboter zusammen im Krankenhausumfeld getestet. Inzwischen werden die Exoskelette in der Einrichtung wie auch in den Krankenhäusern der Stadt und des Landkreises Rosenheim eingesetzt. Die Rosenheimer Pflegedirektorin Judith Hantl-Merget ist überzeugt, dass Beschäftigte dank der Augsburger Technik „weniger körperlich belastet werden und sich auf die Nähe und den Umgang mit Menschen konzentrieren können“.  

    Exoskelette aus Augsburg: Pflegekräfte werden um bis zu 36 Kilo entlastet

    Dank des neuesten Kraftanzugs von German Bionic können Pflegekräfte bei jeder Hebebewegung um bis zu 36 Kilo entlastet werden. Der Rosenheimer Klinikverbund hat zunächst zehn der Modelle mit dem Namen Apogee+ im Wert von 150.000 Euro gekauft. Armin G. Schmidt, Gründer und Chef von German Bionic, rechnete vor, dass ein solcher Rücken-Roboter im Schnitt mit allem Drum und Dran 15.000 Euro kostet, wobei sich die Geräte auch ab 399 Euro im Monat leasen lassen. Er lässt durchblicken, dass immer mehr Kliniken und Pflegeeinrichtungen bei den Helfern aus Augsburg zugreifen. Der Markt für tragbare Roboter dürfte im Gesundheitsbereich in den kommenden Jahren massiv wachsen. Der Deutsche Pflegerat geht davon aus, dass in der Branche aktuell etwa 115.00 Fachkräfte fehlen. Die schon hohe Zahl werde sich bis zum Jahr 2034 auf wohl rund 500.000 erhöhen, was einer dramatischen Entwicklung gleichkäme. 

    Gerade bei der Gepäckabfertigung wie hier am Flughafen Nürnberg sind Anschnall-Roboter aus Augsburg gefragt.
    Gerade bei der Gepäckabfertigung wie hier am Flughafen Nürnberg sind Anschnall-Roboter aus Augsburg gefragt. Foto: German Bionic

    Schon heute herrscht vielerorts Pflegenotstand. Die Träger und Leitungen der Heime müssen darauf bedacht sein, auf die Gesundheit der Mitarbeitenden penibel zu achten und damit zu vermeiden, dass sie immer wieder zu schwer heben müssen. Jede gesunde und damit leistungsfähige Arbeitskraft ist gerade im Pflegebereich Gold wert. Der Fachkräftemangel ist längst in zahlreichen Branchen Realität. Deshalb wirkt es sich umso fataler aus, dass beinahe ein Viertel aller Fehltage von Beschäftigten auf Muskel-Skelett-Erkrankungen zurückgeht, wie die Berufsgenossenschaften auflisten. Da viele ältere Menschen zu Hause gepflegt werden, wenden sich auch Privat-Personen an German Bionic, die gerne ein Exoskelett zum Heben der Mutter oder des Vaters hätten. Schmidt sagt: „Die Nachfrage ist enorm. Wir überlegen, in den Markt einzusteigen.“ 

    Für den Gesundheitsbereich haben Spezialistinnen und Spezialisten der Firma Textilien für die Rucksack-Roboter entwickelt, die gegen Schmutz wie Spritzwasser geschützt sind und sich leicht desinfizieren lassen. Seit der Gründung im Jahr 2017 ist German Bionic dank Bestellungen aus immer mehr Branchen „bodenständig gewachsen“, wie der Gründer eine Umsatzverdopplung in den meisten Jahren defensiv beschreibt. Nach wie vor setzen vor allem Logistiker und Händler wie Dachser Intelligent Logistics, GXO, DPD oder die nordamerikanische Handelskette Canadian Tire die erleichternden Geräte aus Augsburg ein. Vor einigen Jahren bestellten Unternehmen zum Testen ein, zwei Kraftanzüge. Schmidt, der sonst mit Zahlen geizt, eben weder Umsatz-, Absatz- noch Gewinnzahlen nennt, wird hier etwas gesprächiger: „Inzwischen bestellen Firmen bei uns 50, 100, manchmal sogar 200 Exoskelette für ihre Beschäftigten.“ 

    Das Lech Valley im Süden von Augsburg

    Der Manager steht im Innovationspark im Süden der Stadt Augsburg im Test-Parcours von German Bionic, der sich in einem gewaltigen, bogenförmigen und grasbewachsenen Gebäude befindet. Dort, an einem Ort, der auch im Silicon Valley sein könnte, hat sich das einstige Startup eingemietet. Im Lech Valley schätzen die Mitarbeitenden des Unternehmens die Nähe zu den Forschungs-Einrichtungen (Fraunhofer, DLR). Schmidt meint: „Wir sind für den Standort Augsburg ein positives Beispiel dafür, was sich entwickelt, wenn man ein Risiko eingeht.“ Dabei sei es für die Investoren in hohem Maße ungewiss gewesen, wie es mit German Bionic weitergeht: „Schließlich sind unsere Produkte auch Hardware. Und es ist hart, sich mit solchen Innovationen wirtschaftlich durchzusetzen.“ 

    German-Bionic-Chef Armin G. Schmidt mit einem Anschnall-Roboter seiner Firma.
    German-Bionic-Chef Armin G. Schmidt mit einem Anschnall-Roboter seiner Firma. Foto: German Bionic

    Das Unternehmen ist in hohem Maße ebenfalls eine Software-Firma, wie ein Gang durch das Unternehmen zeigt: Wer durch den Empfangsraum mit den bisher entwickelten tragbaren Robotern und den Ehrungen wie dem Deutschen Gründerpreis an der Wand geht, erreicht einen lang gestreckten, eng bestuhlten Raum, in dem Software-Expertinnen und -Experten sitzen, darunter eine Kraft aus Indien und ein Spezialist aus Frankreich. Beide schätzen die Lebensqualität in Augsburg und fühlen sich wohl in dem Team. In der Abteilung laufen die Daten von Kunden und deren Anschnall-Robotern ein, werden ausgewertet und den Unternehmen zur Verfügung gestellt, damit sie die Arbeitsplätze ihrer Beschäftigten besser und gesundheitsfördernder gestalten können. Die Informationen beziehen sich nicht auf einzelne Beschäftigte. Der Datenschutz bleibt gewahrt.

    German Bionic: In Augsburg ist KI zum Greifen nah

    Dank des Einsatzes künstlicher Intelligenz und dank der Vorzügen des maschinellen Lernens passen sich die klugen Rücken-Roboter an ihre Benutzer an. Sie erkennen, wie Menschen tragen sowie heben, und ziehen daraus Schlüsse. In Augsburg ist KI zum Greifen nah. Wenn die Daten auflaufen und ausgewertet werden, ziehen Profis von German Bionic daraus Erkenntnisse, die wiederum in die Verbesserung der Kraftanzüge einfließen. Die Daten durchlaufen einen Kreislauf nach dem anderen. 

    Weil am Ende Produkte stehen, die Menschen das Arbeiten einfacher machen, hat Schmidt keine Probleme, weitere Fachkräfte zu finden: „Junge Menschen machen Praktika bei uns und schreiben hier ihre Bachelor- und Masterarbeiten. Viele bleiben dann, schließlich wartet eine für die Gesellschaft sinnvolle Arbeit auf sie.“ Für die überwiegend jungen Beschäftigten, darunter viele zwischen 30 und 35, mag es interessant sein, wie nah die Software- und Hardware-Welt bei German Bionic liegen. Vom Raum mit den Daten-Künstlern steht der Besucher in wenigen Schritten vor einer Nähmaschine. Mit ihr werden neue Textilien für die Exoskelette entwickelt. Das Unternehmen testet derzeit Westen ohne Roboterfunktion, mit denen Daten über die Bewegungs-Gewohnheiten von Mitarbeitenden gesammelt werden, um ihre Arbeitsplätze unter Gesundheitsaspekten zu verbessern. Das könnte ein zweites Produkt für German Bionic werden. 

    Auch in der Pflege kommen die Roboter zum Einsatz.
    Auch in der Pflege kommen die Roboter zum Einsatz. Foto: German Bionic

    Die Umschnall-Roboter erfreuen sich derweil zunehmender Beliebtheit, auch in der Obst- und Gemüsebranche. Die saarländische Firma Himbert aus Völklingen setzt auf German Bionic und fand heraus, „dass Bananenkisten dank Exoskeletten nur noch ein Drittel so schwer sind“. Dabei wiegt ein solches Behältnis 19 Kilo. Täglich werden bei dem Unternehmen 3000 bis 6000 Bananenkisten bewegt, was nach Berechnungen des Unternehmens zehn bis 15 Tonnen pro Person ausmacht. Geschäftsführer Johannes Himbert wollte etwas tun gegen „Probleme im Rücken, abgenutzte Bandscheiben und Leistenbrüche“. Er bestellte Apogee-Roboter in Augsburg. Beschäftigte nutzen die Geräte seitdem jeden Tag.

    German Bionic aus Augsburg sieht sich als Weltmarktführer

    Dass German Bionic einem Startup entwachsen ist und sich, wie Schmidt sagt, „als Weltmarktführer auf seinem Gebiet dem neuen deutschen Mittelstand zugehörig fühlt“, verdankt das Unternehmen dem Zusammentreffen zweier Menschen: Denn der Cousin von Schmidt ist der frühere Kuka-Mann Peter Heiligensetzer. Er hatte nach seiner Zeit bei dem Augsburger Roboterbauer an Exoskeletten geforscht und Schmidt erzählt, dass bereits in dem frühen Entwicklungs-Stadium Unternehmen an tragbaren Robotern für ihre Beschäftigten Interesse gezeigt hätten. Der heutige German-Bionic-Chef meinte zu seinem Cousin: „Lass uns eine Firma daraus machen.“ Es hat geklappt: Die Firma zählt knapp 100 Beschäftigte, darunter rund 70 in Augsburg. Die übrigen Mitarbeitenden sind auf die Standorte in Berlin, Tokio und Boston verteilt. 

    Schmidt hatte zuvor erfolgreich Firmen gegründet und wieder verkauft. Sein guter Ruf überzeugte Kapitalgeber von dem neuen Projekt. Der Unternehmer sammelte bislang rund 50 Millionen Euro von Investoren ein. Er ist wie Heiligensetzer, der aus der Geschäftsführung ausgeschieden ist, um sich neuen Projekten zuzuwenden, an German Bionic beteiligt. Die Anteile sind weltweit gestreut. Neben amerikanischen und japanischen Geldgebern sind die Gründerfamilie des Computerherstellers Acer aus Taiwan und der Münchner Finanzier MIG Capital mit von der Partie. Letzterer Investor gehörte zu den ersten Investoren des Impfstoff-Herstellers Biontech. Schmidt zählt die Namen prominenter Geldgeber ohne Triumph-Gefühl auf. Bei einem Thema wird er emotionaler: „Seit dem Start von German Bionic musste ich nie einem Beschäftigten betriebsbedingt kündigen, nicht einmal in der Corona-Zeit. Darauf bin ich stolz.“ Er kann auch stolz auf seinen Werdegang sein: Denn Schmidt hat einst sein Informatik-Studium in München abgebrochen, weil er um die Jahrtausendwende nicht die „große IT-Party mit all ihren Chancen versäumen wollte“. Der Manager fand in die Startup-Szene hinein, lebte lange in Asien und baute sich ein großes Netzwerk auf. Der 46-Jährige sitzt regelmäßig am Rande des Großraum-Büros neben den Software-Entwicklern und sagt: „Nein, ich habe kein eigenes Büro. Das passt nicht mehr in die Zeit.“ 

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren