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Bayerns DGB-Chef Stiedl kritisiert Merz wegen Arbeitszeitgesetz und Krankschreibung

Interview

„Fast unverschämt, für alle Probleme im Land immer nur die Arbeitnehmer verantwortlich zu machen“

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    „So einfach kann es sich der Kanzler nicht machen“, sagt Bayerns DGB-Chef Bernhard Stiedl.
    „So einfach kann es sich der Kanzler nicht machen“, sagt Bayerns DGB-Chef Bernhard Stiedl. Foto: Matthias Balk, dpa

    Herr Stiedl, die wirtschaftlichen Zeiten sind nicht einfach. Zulieferer wie Bosch bauen Stellen ab, der regionale Einkaufswagenhersteller Wanzl schließt zwei Werke. Worauf müssen sich Arbeitnehmer noch gefasst machen?

    BERNHARD STIEDL: Natürlich trifft der Transformationsdruck viele Firmen gewaltig. Darunter ist die Autoindustrie mit der Umstellung auf die Elektromobilität. Wanzl treffen auch Trends wie E-Commerce und die Zunahme der Lieferdienste. Dazu kommen die Unsicherheiten in der Weltwirtschaft, es gibt aber auch Lichtblicke: In einigen Branchen läuft es nicht schlecht. Das Handwerk ist fast immun gegen globale Schwierigkeiten. Anfang des Jahres ist außerdem der Auftragseingang in der Industrie gestiegen. Das 500-Milliarden-Programm der Bundesregierung für die Infrastruktur wird wirken, wenn die Gelder bei den Ländern und Kommunen ankommen. Dazu kommen die Ausgaben für die Verteidigung.

    Das macht fast Hoffnung. Die Wirtschaft, so die Prognosen, soll dieses Jahr auch leicht wachsen. Was schlussfolgern sie daraus?

    STIEDL: Ich erwarte mir ganz einfach von den Arbeitgebern mehr Standorttreue. Immer wenn es wirtschaftlich etwas schwierig wird, bekommen die Arbeitgeber Schluckauf und kündigen an, dass sie Werke ins Ausland verlagern müssen. In guten Zeiten haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dazu beigetragen, dass Gewinne erwirtschaftet werden. Umgekehrt erwarte ich mir in schwierigeren Zeiten dann auch sichere Arbeitsplätze für die Beschäftigten. Wir brauchen einen fairen Ausgleich. Beschäftigungssicherung muss Vorrang vor kurzfristiger Rendite haben. Es braucht Mitbestimmung, Qualifizierung und eine verlässliche Industriepolitik.

    Machen es sich die Unternehmen zu einfach, wenn sie Werke verlagern oder Stellen streichen?

    STIEDL: In den Konzernen werden häufig zweistellige Renditen erwartet, das halte ich für einen Fehler. Mit China oder Osteuropa können wir nicht bei den Löhnen konkurrieren. Wir müssen auf dem Weltmarkt die besten sein oder zu den besten gehören. Dafür haben wir die richtigen Voraussetzungen: hervorragende Hochschulen, Ingenieure und ein Facharbeitersystem. Damit lassen sich Innovationen gestalten! Bei manchen Arbeitgebern sehe ich leider die Bereitschaft nicht, Geld zu investieren und ein paar Jahre zu warten, bis dies Früchte trägt. Tesla oder Amazon haben zehn, zwanzig Jahre lang keine Gewinne erwirtschaftet! Ich wünsche mir mehr Risikobereitschaft von den Unternehmen.

    Innovationsfreude und Risikobereitschaft hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gezeigt, indem er ein Fusionskraftwerk in Gundremmingen in Aussicht stellt. Ist das gute Industriepolitik?

    STIEDL: Mir gefällt, dass die Bayerische Staatsregierung in solchen Forschungsbereichen sehr innovativ und mutig ist, nicht nur bei Fusionskraftwerken, sondern auch beim Thema Raumfahrt. Die teils spöttischen Reaktionen darauf finde ich nicht fair. Alle Innovationen sind anfangs belächelt worden, so war es schon beim Automobil vor 140 Jahren. Fusionskraftwerke sind natürlich kein Heilsversprechen. Wenn es gut läuft, werden sie in 25 bis 30 Jahren industriell nutzbar sein. Fusionskraftwerke dürfen auch keine Rechtfertigung sein, im Klimaschutz oder bei den erneuerbaren Energien nachzulassen. Wir brauchen den Ausbau der erneuerbaren Energien, der Speicher und Netze – und wir brauchen bezahlbaren Strom für die Industrie. Hier hilft der Industriestrompreis, wir brauchen aber auch eine Entlastung für die normalen Haushalte. Die schwarz-rote Koalition hatte eine Entlastung für Haushalte und den Mittelstand durch die Senkung der Stromsteuer in Aussicht gestellt. Diese kommt nun nicht, wäre aber dringend nötig.

    Um die Wirtschaft in Schwung zu bringen, fordert Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die Menschen länger arbeiten, das Arbeitszeitgesetz würde er abschaffen. Sind Sie gesprächsbereit?

    STIEDL: In Deutschland gibt es Dinge, die gelöst werden müssen – von der Infrastruktur über Bürokratie bis zur Bildung. Ich lehne aber das Märchen ab, dass Deutschland wegen zu hoher Löhne oder zu wenig Arbeit nicht konkurrenzfähig ist. China investiert massiv, drückt die Energiepreise und fördert die Exporte. Da können wir in Deutschland rund um die Uhr arbeiten, dieses Problem lösen wir damit nicht. Vollzeitbeschäftigte arbeiten im Schnitt mehr als 41 Stunden pro Woche, das kann sich im europäischen Vergleich sehen lassen. Aber wir haben in Deutschland eine hohe Teilzeitquote. Mit mehr Kinderbetreuungsplätzen ließe sich da viel erreichen! Viele Teilzeitbeschäftigte würden gerne mehr arbeiten – dafür muss aber zunächst die Politik ihre Hausaufgaben machen.

    IG Metall-Mitglieder haben aber deutlich geringere Arbeitszeiten als 41 Stunden, nicht?

    STIEDL: Die IG Metall hat eine 35-Stunden-Woche. In den Tarifverträgen gibt es Klauseln, dass man länger arbeiten kann, wenn es notwendig ist. Nochmals: Unser Problem sind nicht die Kosten oder die Arbeitszeit, unser Problem sind fehlende Innovationen, schlechtere Rahmenbedingungen und eine vernachlässigte Infrastruktur.

    Geht die Debatte zu sehr auf Kosten der Arbeitnehmer?

    STIEDL: Der Staat müsste gerade in der Transformation durch Qualifikation und Weiterbildung Sicherheit geben. Was aber macht die Politik? Sie hält den Beschäftigten vor: Ihr seid zu faul, zu krank, und ihr müsst alle länger und härter arbeiten. Ich finde es fast eine Unverschämtheit, dass für alle Probleme im Land immer nur die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verantwortlich sein sollen. So einfach kann es sich der Kanzler nicht machen. Als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland muss er Verantwortung für alle übernehmen und nicht Klientelpolitik für wenige betreiben.

    Selbst zahlreiche Experten sagen, dass die Bundesbürger länger als bis 67 arbeiten sollten. Wie sehen Sie es?

    STIEDL: Ich bin nicht dagegen, dass Leute länger als bis 67 arbeiten, wenn sie es wollen. Aber es muss freiwillig sein. Alles andere ist eine Scheinlösung. Es gibt Menschen in körperlich anstrengenden Berufen, die schlicht nicht länger als bis 67 arbeiten können. Erhöht man das Renteneintrittsalter, müssen sie Abschläge hinnehmen und der Staat muss mit Hilfen einspringen. Damit ist nichts gewonnen.

    Lassen Sie uns einen Blick in den Freistaat werfen. Ist die Wirtschaftspolitik zumindest hier erfolgreich?

    STIEDL: Hubert Aiwanger ist bayerischer Wirtschaftsminister und trägt damit schon eine gewisse Verantwortung für die wirtschaftliche Situation. Wenn jeder vierte Kurzarbeitsplatz Deutschlands in Bayern ist, wenn wir 38.000 Industriearbeitsplätze verloren haben, liegt dies auch im Verantwortungsbereich des Wirtschaftsministers. Wenn es gut läuft, lässt er sich feiern – wenn es schlecht läuft, kann er nichts dafür. Das geht nicht.

    Was erwarten Sie sich?

    STIEDL: Wir haben zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Bayern, wir müssen bei der Infrastruktur nachziehen, wir haben einen hohen Transformationsdruck in der Industrie. Diese Probleme muss man mutig angehen. Bayern hat beste Voraussetzungen. Wir haben gute Fachkräfte. Wir müssen neue Technologien wie KI oder Sensorik in neue Wirtschaftsbereiche übertragen. Ich erwarte von einem bayerischen Wirtschaftsminister, dass er alle Beteiligten an einen runden Tisch bringt, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Wir Gewerkschaften wollen und müssen stärker einbezogen werden. Zweistündige Show-Veranstaltungen, in denen der Wirtschaftsminister seine Pläne vorstellt, reichen jedenfalls nicht aus.

    Immerhin hat Bayern einen ausgeglichenen Haushalt. Ist das ein Vorteil oder sparen wir zu viel?

    STIEDL: Was hilft uns die schwarze Null, wenn wir dafür Arbeitsplätze verlieren? Der Staat ist doch nicht die schwäbische Hausfrau. Der Staat muss investieren, wenn es wirtschaftlich schwierig ist. Das zahlt sich in der Zukunft doppelt und dreifach aus, wenn wir mehr Beschäftigung haben und damit höhere Steuereinnahmen. Ich hätte mir gewünscht, dass Bayern etwas mehr in die Verschuldung geht, um zu investieren. Jeder, der ein Haus baut, weiß, dass er investieren muss, um ein schönes Heim zu haben. Es rechnet sich für den Staat, wenn er moderne Schulen und eine funktionierende Infrastruktur hat, statt ideologisch auf einer schwarzen Null zu beharren.

    Zur Person

    Bernhard Stiedl, 55, ist seit 2022 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Bayern. Davor leitete er lange Jahre die Geschäftsstelle der IG Metall in Ingolstadt. Auf der Bezirkskonferenz des DGB Bayern am 23. und 24. Januar 2026 in Ingolstadt stellt er sich zur Wiederwahl. Der gebürtige Deggendorfer ist ausgebildeter Feinmechaniker und studierter Betriebswirt.

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