Herr Brossardt, in Deutschland wird so intensiv wie lange nicht mehr über die Arbeitszeit diskutiert. Wie groß ist das Potenzial, dadurch mehr Wirtschaftswachstum zu bekommen?
BERTRAM BROSSARDT: Wir müssen mehr arbeiten. Das zeigt ein kurzer Vergleich: Für dieses Jahr erwarten wir 0,7 Prozent Wachstum in Bayern. Davon gehen 0,2 Punkte allein darauf zurück, dass drei Feiertage auf das Wochenende fallen. In der Erhöhung der Arbeitszeit liegt großes Potenzial.
Hohe Wellen hat der Vorstoß der CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsunion geschlagen, das Recht auf Teilzeit abzuschaffen. Eine „Lifestyle“-Teilzeit soll es nicht mehr geben. Wie denken Sie darüber?
BROSSARDT: Das Wort „Lifestyle-Teilzeit“ halte ich für falsch. Es bringt eine unnötige Emotionalisierung in die Debatte. Vorher möchte ich aber gerne noch etwas anderes sagen …
Gerne.
BROSSARDT: Unsere Gesellschaft betrügt sich derzeit selbst. Zu viele denken, es müsste sich nichts verändern, das zieht sich quer durch die Gesellschaft. Das erlebe ich auch in vielen politischen Diskussionen. Die Umbrüche in der Geopolitik, Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz werden ausgeblendet. Auch das Potenzial, das in diesen Änderungen steckt, sieht man nicht mehr.
Ohne Wachstum wird es also nicht gehen?
BROSSARDT: Die Wirtschaftsweisen erwarten für dieses Jahr in Deutschland 0,9 Prozent Wachstum. Zu viele denken, dass das ausreicht oder sie erwarten überhaupt kein Wachstum mehr. Andere pochen auf „qualifiziertes Wachstum“, also Wachstum nur in bestimmten erwünschten, nachhaltigen Bereichen. Ich habe nie verstanden, was qualifiziertes Wachstum sein soll. Wachstum bleibt Wachstum: Ohne dieses gibt es keine zusätzlichen Steuereinnahmen und keine Sicherheit der Arbeitsplätze.
Sie spielen auf die schwierige wirtschaftliche Situation an. Zuletzt haben wir vermehrt Insolvenzen und Jobabbau gesehen. Was sind Ihre Erwartungen für dieses Jahr?
BROSSARDT: Die Situation ist brutal. Wir haben im vergangenen Jahr rund 20.000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie in Bayern verloren, im Jahr davor – 2024 – waren es 15.000. Dieses Jahr gehen wir davon aus, dass nochmals 20.000 Stellen verloren gehen werden. Die Industrie war immer die Zugmaschine der bayerischen Wirtschaft. Der Rekord der Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie Bayerns lag bei 873.000, inzwischen sind wir Ende 2025 auf 837.000 runter. Wenn der Kern kleiner wird, hat das Folgen für Handel, Handwerk und Dienstleistungen. Die Ingenieursarbeitslosigkeit steigt, das kannten wir bisher nicht. Auch im bayerischen Chemiedreieck will man die Beschäftigtenzahlen senken. Es gibt aber auch Bereiche, die besser dastehen: Im Verteidigungsbereich kommen zum Beispiel neue Aufträge an, davon profitieren auch mittlere Betriebe. Das ist erfreulich.
Wenn Unternehmen – zum Beispiel in der Autoindustrie – nicht genug Aufträge haben, ist dann eine Ausweitung der Arbeitszeit überhaupt wichtig?
BROSSARDT: Wir haben derzeit zwei Arten Unternehmen. Erstens eine Gruppe von Unternehmen, die an der Kapazitätsgrenze arbeitet und in Überstundenzuschläge hineinläuft. Zweitens – da haben Sie recht – gibt es dauerhafte Unterauslastungen in anderen Teilen der Industrie. Diese Branchen müssen stark transformiert werden, alles andere hilft nichts.
Kommen wir zur Teilzeitdebatte zurück. Soll man das Recht darauf abschaffen oder nicht?
BROSSARDT: Wer Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, hat einen guten Grund, in Teilzeit zu gehen. Das gehört sich so und das steht auch gar nicht zur Debatte. Einen Anspruch auf Teilzeit halte ich aber für falsch. Es muss den Unternehmen und ihren Beschäftigten überlassen bleiben, Absprachen zu treffen. Wenn Unternehmen viele Aufträge haben, müssen sie sagen können: „Ich brauche Deine Arbeitskraft.“ Freiwilligkeit ist übrigens nicht das Ende der Teilzeit: Österreich hat kein Recht auf Teilzeit, aber im Verhältnis mehr Teilzeitbeschäftigte als Deutschland.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will den Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzen. Es regt sich Kritik. Wie denken Sie darüber?
BROSSARDT: Das sind zwei verschiedene Dinge. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Flexibilisierung der Arbeitszeit vom Tag auf die Woche dient nicht nur dazu, einige Spitzen abzudecken, sie dient auch den Menschen. Nehmen wir ein Beispiel: Häufig müssen die Kinder am Nachmittag von der Schule oder Kita abgeholt werden. Der Alltag der Eltern wird viel einfacher, wenn sie ihre Arbeit um 16 Uhr unterbrechen, die Kinder holen und – wenn diese im Bett sind – vielleicht von 19 bis 21 Uhr nochmals zwei Stunden arbeiten. Ich verstehe den Widerstand der Gewerkschaften und der SPD nicht.
Welchen Weg schlagen Sie vor, damit unter dem Strich mehr Arbeit geleistet wird?
BROSSARDT: Ministerpräsident Markus Söder hatten wir unter anderem vorgeschlagen, einen Feiertag zu streichen. Das hat ihn nicht begeistert. Der meiste Widerstand kam aber aus Kreisen, die mit der Kirche wenig am Hut haben. Ich bin Katholik und würde mir einen Tag Urlaub nehmen, wenn zum Beispiel der Pfingstmontag kein Feiertag mehr wäre. Es gibt aber Alternativen: Man kann einen Tag Urlaub streichen oder an die Tages- und Wochenarbeitszeit rangehen, wie es der Ministerpräsident mit seinem Vorstoß einer Stunde Mehrarbeit pro Woche berechtigterweise vorgeschlagen hat. Dies greift aber in die Tarifverträge ein und muss ausgehandelt werden. Wichtig ist, dass sich überhaupt etwas bewegt. Der Druck auf unseren Standort ist zu stark geworden. Auf das Jahr gesehen arbeiten die Österreicher rund 100 Stunden mehr, die Schweizer 186 Stunden und die Italiener 391 Stunden. Die Menschen dort sind auch nicht kränker als wir.
Kürzlich hat Bayerns DGB-Chef Bernhard Stiedl kritisiert, dass politisch der Eindruck erzeugt wird, die Arbeitnehmer seien allein an den Standortproblemen Deutschlands schuld, weil sie zu faul und zu krank wären. Können Sie die Kritik verstehen?
BROSSARDT: Ich kann die Kritik nicht verstehen. In Bayern und der Bundesrepublik suchen wir traditionell einen Ausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Tatsache aber ist, dass die Krankheitstage in Deutschland extrem angestiegen sind, die Arbeitszeit reduziert wurde und andere Länder besser geworden sind. Jetzt liegt es an uns, wieder einen Gang zuzulegen. Deutschland hat als Hauptthemen hohe Arbeitskosten, hohe Energiekosten und die Bürokratie. Darauf lassen sich die Probleme Deutschlands reduzieren.
Wie ist es bei Ihnen? Wie viel am Tag kann man arbeiten? Zehn Stunden?
BROSSARDT: Man kann zehn Stunden arbeiten, ich arbeite häufig auch mehr. Ich will aber festhalten: Das kann man nicht von jedem erwarten. Es ist eine Frage der Eigenmotivation und des Vorbilds für Kolleginnen und Kollegen. Man muss Freude haben an dem, was man tut. Ich habe einfach Bock.
Sie machen Ihre Arbeit als Hauptgeschäftsführer inzwischen seit gut 20 Jahren. Da haben Sie mehrere Bundesregierungen erlebt. Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Regierung?
BROSSARDT: Es sind tatsächlich 21 Jahre … Ich bin froh, dass Friedrich Merz wieder enge Gespräche mit unseren Nachbarn Frankreich und Polen führt. Seit Helmut Kohl ruht die Außenpolitik Deutschlands auf dieser Achse. Es ist auch gut, dass der Kanzler ein gutes Verhältnis zu Amerika hat. Innenpolitisch brauchen wir Sicherheit. Ich finde, dass Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hier gute Arbeit macht. Wirtschaftspolitisch helfen klassische Instrumente wie der Investitionsbooster oder die Körperschaftssteuersenkung. Die Bürgergeldreform von Arbeitsministerin Bärbel Bas wird zwar keine Milliarden Euro einsparen, aber sie wird mehr Menschen in Arbeit bringen. Beim durchschnittlichen Arbeiter herrschte ja Fassungslosigkeit über das Bürgergeld. Die Regierung gewinnt hier Glaubwürdigkeit bei den arbeitenden Menschen zurück. Das hilft auch gegen radikale Parteien.
Das ist ein gutes Zeugnis …
BROSSARDT: Das ist so. Nun brauchen wir eine Neuausrichtung des sozialen Sicherungssystems. Die Reform des Sozialstaates hängt hinterher. Das muss sich umgehend ändern.
Der Kanzler verspricht eine Rentenreform. Was wäre Ihr Vorschlag?
BROSSARDT: Die Rente mit 63 muss weg. Wir sind auch kein Freund der Mütterrente. Die Lebensarbeitszeit muss hoch. Wir schlagen aber – recht gemäßigt – eine Anhebung des Renteneintrittsalters von 67 auf 68 vor und danach eine Orientierung an der Lebenserwartung. Das wird aber nicht reichen.
Was braucht es noch?
BROSSARDT: Wir müssen als zweite Säule die Betriebsrente weiterentwickeln und brauchen als dritte Säule eine Reform der Riester-Rente.
Wie stellen sich die Unternehmen eine Weiterentwicklung der Betriebsrente vor?
BROSSARDT: Unser Kernproblem ist, dass die Betriebe bisher für 100 Prozent der eingezahlten Beiträge garantieren müssen. Es wäre besser, nur für 80 Prozent zu garantieren. Dann werden auch höhere Renditen möglich. Ein Beispiel: Die Betriebsrente unseres Verbandes legt nach dem Life-Cycle-Modell für jüngere Beschäftigte in renditestarke, aber risikoreichere Wertpapiere an und schichtet dann, je älter die Beschäftigten werden, in risikoarme Anlageklassen um. Damit sind im Schnitt 6 bis 7 Prozent Rendite möglich. Dies in die Normalwelt zu transformieren, darum wird es gehen. Es darf am Ende aber nicht so sein, dass deswegen die Arbeitskosten steigen, dann wäre es ein Nullsummenspiel. Zur Person: Bertram Brossardt, 65, ist Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Er ist Jurist, stammt aus Rheinland-Pfalz und war lange Jahre im bayerischen Wirtschaftsministerium tätig.
Zur Person
Bertram Brossardt, 65, ist Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Er ist Jurist, stammt aus Rheinland-Pfalz und war lange Jahre im bayerischen Wirtschaftsministerium tätig.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren